Netzwirtschaft

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Krise? Nicht im Internet

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Die deutschen Internetunternehmen sehen sich für den Abschwung gut gerüstet. Der Druck, dass Unternehmen nun Effizienzvorteile schneller erzielen müssen oder dass Konsumenten jetzt einfach sparen müssen, könnte dem Internet sogar Auftrieb geben, wie eine Umfrage zeigt. Leidtragende sind bisher nur einige Online-Werber und Start-ups.

Während die Banken um ihre Existenzen kämpfen und die Autohersteller nach Absatzprogrammen rufen, scheinen die Internetunternehmen in Deutschland bisher keine Konjunktursorgen zu kennen. Der elektronische Handel läuft weiterhin rund, die sozialen Netzwerke haben ungebrochenen Zulauf, und die Abschwächung der Wachstumsraten im Breitbandgeschäft ist eher dem Reifegrad des Marktes als der schwächelnden Konjunktur geschuldet. Personalabbau ist – anders als in der amerikanischen Internetwirtschaft – bisher kein Thema in Deutschland. Lediglich die Start-ups, die bisher noch keine eigenen Mittel erwirtschaften, und die Markenwerbung im Internet leiden unter der Wirtschaftsflaute, hat eine Umfrage unter deutschen Internetunternehmen ergeben.

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1) Prognose. Quelle: PWC

Einer der Ersten, der die Schwächephase der Markenwerbung im Netz vorausgesehen – und reagiert – hat, ist Stefan Winners, der Vorstandsvorsitzende von Tomorrow Focus. „Unsere Strategie, mit dem Bereich E-Commerce ein zweites starkes Standbein aufzubauen, erweist sich in der aktuellen Situation als richtig. Wir rechnen auch weiterhin mit einem deutlichen Wachstum bei Elitemedianet und Holidaycheck. Gleichzeitig erwarten wir für den Portalbereich ein anhaltend schwieriges Werbeumfeld, teilen aber die Markteinschätzung, dass hochwertige Onlinemarken auf mittlere Sicht Marktanteile gegenüber klassischen Medien gewinnen werden“, sagte Winners. Der geplante Personalaufbau beim Reiseportal Holidaycheck und dem Partnervermittler Elitepartner geht daher weiter, während im werbefinanzierten Portalgeschäft nicht weiter eingestellt wird. „Ein Personalabbau ist im Moment aber nicht geplant“, sagte Winners. Markus Frank, der Online-Vermarktungschef von Microsoft in Deutschland, spürt ebenfalls das schwächere Werbegeschäft. „Eine Abkühlung des Marktes ist spürbar – vor allem in Branchen wie Finanzen und Automotive, die von Konjunkturabschwüngen immer besonders betroffen sind. Jedoch hat Microsoft Advertising auch 2008 ein starkes Umsatzwachstum. Wir sehen aktuell noch keine Signale, dass sich der Markt stärker abschwächt“, sagte Frank, der auch weiterhin Mitarbeiter für das Werbeteam sucht. 

Auch das Geschäft mit Rubrikenanzeigen im Internet läuft rund, weil sich Produkte für vergleichsweise wenig Geld verkaufen lassen. „Unsere Angebotszahlen sind in den vergangenen Monaten in allen Fahrzeugkategorien aufgrund des verstärkten Absatzdrucks des Handels und der erschwerten Abverkaufbedingungen gestiegen. Marketing-Etats werden seit der Finanzkrise vor dem Hintergrund knapperer Budgets und kurzfristiger Investitionsentscheidungen verstärkt von Print in Online umverteilt“, sagte Peter Schmid von Mobile. Das gleiche Argument gilt auch für die Suchmaschinen, die einen klaren Zusammenhang zwischen Werbung und Verkaufszahlen herstellen können.  (-> Im Internet wird zuletzt gekürzt)

Im Gegensatz zur Markenwerbung erweist sich der Handel per Mausklick in Deutschland bisher als sehr robust: In diesem Jahr werden die Deutschen rund 19,3 Milliarden Euro für den Online-Kauf von Bekleidung, Büchern, Flugtickets oder Musikdateien ausgeben. Das seien 15 Prozent mehr als im Vorjahr, teilte der Bundesverband des Deutschen Versandhandels (bvh) mit. „Konkrete Anzeichen, dass der erwartete Konjunkturabschwung oder die Finanzmarktkrise den Online-Handel bereits in diesem Jahr deutlich trifft, sehen wir nicht“, sagte auch Olaf Roik vom Hauptverband des Deutschen Einzelhandels. Im kommenden Jahr werden die Online-Shopping-Umsätze erstmals die 20-Milliarden-Euro-Marke überschreiten. „Der Trend Richtung Online-Einkauf ist ungebrochen. Das Internet ist für die Versandhandelsbranche ein zuverlässig laufender Wachstumsmotor“, sagte bvh-Vorstand Thomas Lipke. Zwei Drittel der Internetanbieter rechnen auch in den kommenden zwölf Monaten mit Umsatzsteigerungen. Vier von fünf wollen in Zukunft mehr in den E-Commerce investieren.  Lediglich der Marktführer Ebay baut Stellen ab, aber die Gründe dafür sind eher hausgemacht. (-> Ebay-Umbau trifft Deutschland besonders hart)

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1) Prognose 2) Ohne Suchmaschinen, Rubrikenmärkte und Partnernetze. Quelle: PWC, ZAW

Die sozialen Netzwerke spüren die Krise ebenfalls nicht. „Im Buchungsverhalten unserer Werbekunden in Deutschland sehen wir keine Veränderung zum Schlechteren hin, im Gegenteil. Das Nutzungsverhalten unserer Nutzer ist ebenso unbeeinflusst. Natürlich sind die Bewertungen der Medienunternehmen in unserem Heimatmarkt Amerika zur Zeit nicht gerade stimmungsaufhellend, aber da wir in Deutschland profitabel arbeiten und keine Investitionen brauchen, sehe ich keine Gefahr für das operative Geschäft“, sagte Joel Berger, der Chef des sozialen Netzwerkes Myspace. Entsprechend will Berger neue Mitarbeiter für die Vermarktung einstellen. Auch Lars Hinrichs, Vorstandschef des Geschäftsnetzwerkes Xing, sieht sich gerüstet. „Wir sind schuldenfrei, und neben den steigenden Gewinnen aus dem operativen Geschäft stehen uns mehr als 40 Millionen Euro liquide Mittel zur Verfügung. Damit verfügen wir über die Voraussetzungen, um unseren Wachstumskurs auch bei einer anhaltenden Krise fortzusetzen“, sagte Hinrichs. (-> Xing spürt die Krise nicht) Folgerichtig tritt er – anders als sein amerikanischer Konkurrent Linkedin – beim Personal nicht auf die Bremse: „Wir sind laufend dabei, zusätzliche Programmierer und Entwickler einzustellen. Wir merken verstärkt Bewerbungen aus kleinen Firmen oder Start-ups. Anscheinend ein Trend, der auf Finanzierungsprobleme in dem Umfeld zurückzuführen ist. Gleichzeitig sehen wir, dass bestimmte Arten von Führungskräften sich mit weniger zufriedengeben als noch vor ein paar Monaten“, sagte Hinrichs. Davon könnte auch Wer-kennt-wen profitieren. Der Shooting-Star unter den sozialen Netzwerken ist ebenfalls weiter auf Expansionskurs. „Wir suchen Entwickler, Systemadministratoren, aber auch Unterstützung für unseren Costumer Care oder im Marketing“, sagte eine Sprecherin. Auch Facebook baut gerade eine deutsches Team auf, ist weiter klar auf Wachstumskurs. (-> Zuckerberg: Or focus is growth, not revenue). In Amerika sieht die Situation der Web 2.0 Unternehmen allerdings schlechter aus (-> Mary Meekers Web 2.0 Analyse)

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Selbst die Internet-Dienstleister, die direkt von den Aufträgen aus konjunkturabhängigen Branchen leben, sind weiter optimistisch. „Wir spüren bis jetzt keine Auswirkungen. Unsere Kunden haben keine Aufträge storniert“, sagte Matthias Schrader, der Mitgründer der Internetagentur Sinner Schrader. „Wenn sich die Geschäftsaussichten unserer Kunden verschlechtern, wird das voraussichtlich auch an unserer Geschäftsentwicklung nicht spurlos vorübergehen. Wir sehen allerdings keine negativen Effekte auf die fundamentalen Faktoren, die unser Geschäft vorantreiben. Die Bedeutung des interaktiven Konsumenten wird weiter zunehmen und den Anpassungsdruck auf das Marketing erhöhen. Es ist sogar durchaus denkbar, dass dieser Prozess durch die negative konjunkturelle Entwicklung beschleunigt wird“, sagte Schrader. Die Einstellungspläne hat Schrader daher auch nicht geändert. Er sucht vor allem Techniker. (-> Fischmarkt: Was die Finanzkrise für die Agenturen bedeutet)

Unter den direkten Profiteuren der Finanzkrise sieht sich der Online-Finanzmarktplatz Smava. Dort können sich Nutzer gegenseitig Kredite geben. „Wir sehen stärkeres Kreditvolumen-Wachstum. Anleger haben im Smava-Forum beschrieben, dass die Unabhängigkeit eines Smava-Investments von den Schwankungen an den Aktien- und Rentenmärkten einer ihrer wichtigsten Beweggründe für die Geldanlage bei Smava ist. Ebenso gehen wir bei Freiberuflern und Gewerbetreibenden von einem erhöhten Kreditbedarf in den nächsten 12 Monaten aus, da Banken insbesondere für kleinere Selbständige ihr Kreditangebot reduzieren“, sagte Gründer Alexander Artopé. Auch er sucht weiterhin Mitarbeiter, bevorzugt mit Technik- und Bankenerfahrung. Krisengewinner sind auch die Internetunternehmen, die den Menschen beim Sparen helfen. „Unsere Branche verhält sich antizyklisch. Demzufolge haben wir bei einem Abschwung der Konjunktur oder sogar bei Krisen immer eher mehr Kunden, die Sparpotentiale suchen“, sagte eine Sprecherin des Verbraucherportals Verivox, auf dem sich die Nutzer den günstigsten Strom-, Gas- oder Telefonanbieter heraussuchen können. 

Zu den Profiteuren der Krise zählt sich auch Klaas Kersting, CEO des Online-Spieleproduzenten Gameforge: „Sobald sich der Konjunkturabschwung im eigenen Geldbeutel bemerkbar macht, werden sich die Computerspieler überlegen, ob sie wirklich im Laden einen Titel für 50 bis 70 Euro erwerben wollen oder doch lieber unsere Spiele kostenlos online spielen wollen. Zu keinem Zeitpunkt in unserer Firmengeschichte sind wir so stark gewachsen wie im Moment“, sagte Kersting. Im kommenden Jahr sollen mindestens 150 Stellen besetzt werden, unter anderem in den Bereichen Spiele-Entwicklung, Grafik, Support, Qualitätssicherung, Produktmanagement und Online-Marketing. 

Unter die Räder kommen könnten allerdings einige Start-ups, denen mangels eigener Einnahmen die Finanzierung fehlt. „Der ökonomische Abschwung wird viele Web 2.0 Start-ups umbringen, die aber sowieso untergegangen wären“, sagte Tim O’Reilly, der Erfinder des Begriffs „Web 2.0″. Zu viele junge Unternehmen hätten die Ideen und das Geschäftsmodell der Innovatoren nur kopiert. „Viele Start-ups werden vom Markt verschwinden, weil Online-Werbung ein schlechtes Geschäftsmodell ist. Es ist schlecht, weil man einen Markt adressiert, der schon von großen Unternehmen besetzt ist. Das kann nicht funktionieren“, sagte O’Reilly. Auch Jan Andresen, Chef von Weblin, sieht eine Zurückhaltung der Investoren: „Auf der Internet-Konferenz Etre in Stockholm im Oktober waren nur rund 50 Prozent der Investoren, die im Vergleich da waren. Vor allem die amerikanischen Risikokapitalgeber, sonst weitaus spontaner als Europäer, scheinen sich nun aufs Abwarten verlegt zu haben. Das wird sich vor allem auf die Start-ups in der Frühphase auswirken und es wird den Markt bereinigen. Weblin ist, auch mit starken Investoren im Rücken, überzeugt, dass wir die Finanzkrise sicher und stabil überstehen.“

Vor allem Start-ups mit erfahrenen Gründern haben vorgesorgt: „Wir haben bei Cellity frühzeitig auf den sich bereits im Frühjahr 2008 abzeichnenden Abschwung der Realwirtschaft reagiert und mit unseren Investoren eine Anschlussfinanzierung abgeschlossen. Damit ist unsere Finanzierung bis Ende 2009 gesichert“, sagte Cellity-Gründer Sarik Weber, der weiterhin Softwareingenieure für den Wachstumsmarkt des mobilen Internet sucht. Auswirkungen auf sein operatives Geschäft sieht Weber ebenso wenig wie Ingo Horak, der das Patientenportal Docinsider gegründet hat. „Das Gesundheitswesen ist im Umbruch; viele Marktteilnehmer reagieren mit Investitionen. Die Bedeutung der Kundenkommunikation über das Internet steigt insbesondere im Gesundheitswesen. Da unsere Investoren Privatleute aus dem Gesundheitswesen sind, betrifft DocInsider die Finanzkrise nur mittelbar“, sagte Horak. Er sucht Mitarbeiter für ein neues Dienstleistungscenter in Berlin und Marketing-Fachleute in Hamburg.

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Ein Fragezeichen steht jedoch hinter dem Wachstum von United Internet. Viele Analysten erwarten eine Abschwächung des Wachstums, da das Unternehmen unter der schwachen Werbekonjunktur mit der eigenen Sparte United Internet Media und der Tochtergesellschaft Adlink gleich doppelt leidet. Adlink hat gerade seine Prognose revidiert und erwartet in diesem Jahr kein Wachstum mehr. Auch das DSL-Geschäft wächst langsamer als in den vergangenen Jahren, was die Kundenabkquisitionskosten hochtreibt. Sorgenfrei scheint die Hosting-Sparte, die gerade mit dem Bau eines neuen Rechenzentrums für 100000 Netzwerkrechner begonnen hat – auf dem Gelände des Siemens Technoparks Hanau, im Gebäude der ehemaligen Brennelementefabrik „Neue MOX“. United Internet legt am 14. November seine mit Spannung erwarteten Quartalszahlen vor. Dort wird wahrscheinlich eine Abschreibung in dreistelliger Millionenhöhe auf das Freenet-Engagement bekannt gegeben. Möglicherweise wird bis dahin auch der Kauf der Freenet-DSL-Sparte über die Bühne gehen. Das könnte der Wachstumsstory noch einmal Auftrieb geben.

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Nachtrag: Ganz konkrete positive Auswirkungen haben die Finanzseiten im Internet, deren Besucherzahl im September – nach Messungen von Comscore – meist zweistellig zugelegt hat. 

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3 Lesermeinungen

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    Interessant wäre der Artikel in einer Neuauflage für 2009. Doch ich bin mir sicher, dass sich die Entwicklung nicht grundlegend geändert hat. Das Web entwickelt sich weiter. Mit neuen Webtechnologien und mobilen Endgeräten wachsen die Ansprüche der User und damit auch der Bedarf nach diesen Technologien und deren Weiterentwicklung. Aus diesem Grund wird das Web noch einige Jahre sehr stabil wachsen und der gesamten Wirtschaft Impulse verleihen.

  3. Gibt es eine neuere Studie zum...
    Gibt es eine neuere Studie zum Thema? Benjosen hat Recht, würde mich auch sehr interessieren, hier mal aktuelles Material zu haben … bin über die Suche auf den Artikel hier gestoßen – wollte aber eher aktuelles Material finden … Liebe Grüße, Anton

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