Netzwirtschaft

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Der DSL-Markt hat seinen Zenit überschritten

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Das Wachstum auf dem DSL-Markt geht zurück, aber die Wechselfreude der Verbraucher wächst. Gleichzeitig werden die Kabelnetzbetreiber als Konkurrenten immer stärker. Den erfolgsverwöhnten DSL-Anbietern stehen harte Zeiten bevor; eine Konsolidierung könnte auf drei, maximal vier Unternehmen hinauslaufen.

Wenn Anbieter 200 Euro Startguthaben versprechen oder die Monatsgebühr das ganze erste Jahr senken, ist klar: Die Zeit scheinbar unbegrenzten Wachstums auf dem Markt für schnelle DSL-Anschlüsse geht zu Ende. Wurden in den vergangenen beiden Jahren noch jeweils mehr als vier Millionen Haushalte neu mit DSL-Anschlüssen versorgt, werden es in diesem Jahr noch 3,2 Millionen, schätzt der Branchenverband VATM (-> Marktstudie 2008 (PDF)). Ralph Dommermuth, Chef von United Internet, hält auch diese Zahl für zu hoch. „In diesem Jahr erwarten wir im DSL-Markt ein Gesamtwachstum von 2,8 Millionen Anschlüssen; im kommenden Jahr werden es noch 2,3 Millionen Neuanschlüsse sein“, sagte Dommermuth. (-> Endspiel um den deutschen Breitband-Markt) Dagegen kommen die Kabelnetzbetreiber erst jetzt richtig in Schwung. Rund eine Million neue Breitband-Kunden werden in diesem Jahr angeschlossen.

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Der Verdrängungswettbewerb unter den DSL-Anbietern hat schon begonnen. Einige DSL-Anbieter haben zurzeit alle Hände voll zu tun, ihren Marktanteil zu verteidigen. Zum Beispiel hat Hansenet (Alice) im zweiten Quartal 11.000 und im dritten Quartal netto 18.000 DSL-Kunden verloren. Freenet hat – auch aufgrund hausgemachter Schwierigkeiten – in diesem Jahr schon 230.000 DSL-Kunden an die Konkurrenz abgeben müssen (-> „Spoerr hat zu lange gepokert“). Viele Haushalte, die vor Jahren einen Telekom-DSL-Anschluss bei einem als Wiederverkäufer bezeichneten Telekom-Wettbewerber erworben haben, wechseln nun zu einem günstigeren Komplettpaket. Das Geschäftsmodell des Wiederverkaufs hat sich inzwischen überlebt, doch die ehemaligen Wiederverkäufer wie United Internet, Freenet und auch Hansenet (nach dem Kauf der AOL-Zugangssparte) leiden heute unter der Abwanderung vieler dieser Kunden. Ihre Neukundenzahlen sind in diesem Jahr sehr schwach gewesen. „Die Wechselquote wird noch etwa ein Jahr relativ hoch bleiben; dann wird sich der Markt beruhigen“, hofft Dommermuth. (-> United Internet: Ende einer Wachstumsstory?)

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Nach seiner Schätzung werden im kommenden Jahr 3,7 Millionen Haushalte ihren DSL-Anbieter wechseln. Viele Kunden haben sich daran gewöhnt, nach Ablauf der zweijährigen Mindestvertragsdauer zum nächsten Anbieter zu wechseln, der mit Startguthaben, Einkaufsgutscheinen oder sonstigen Anreizen lockt. Die Wechselfreude ist gefährlich für die Unternehmen, da sich die Kunden wegen der hohen Akquisitionskosten erst rechnen, wenn sie länger dabei bleiben. Oft genug rechnet sich ein Neukunde erst, wenn er seinen Vertrag nach den zwei Jahren verlängert. „Wir achten darauf, dass wir mit jedem Kunden das Geld innerhalb der Mindestlaufzeit wieder einspielen. Wir leben aber davon, dass die Kunden länger als zwei Jahre bei uns bleiben“, sagte Dommermuth.

Auch die Deutsche Telekom hat die Wechselfreude bisher nicht stoppen können: Obwohl der ehemalige Monopolist im dritten Quartal 340.000 DSL-Kunden gewonnen hat – darunter 50.000 Rückkehrer von der Konkurrenz – haben sich weitere 574.000 Festnetzkunden in Richtung der Wettbewerber verabschiedet, weil sie dort für das Standardpaket aus unbegrenzter Telefonie und Internetsurfen ein Viertel weniger zahlen. „Wir gehen davon aus, dass die Wettbewerber der Telekom, die bei uns Telefonanschlüsse buchen, ihre Hausaufgaben machen und wieder eine bessere Leistung hinlegen. Die Unternehmen werden weiter Kunden von der Telekom gewinnen. Wie sehen kein Ende des DSL-Booms“, sagt André Krause, Finanzvorstand von Telefónica O2 in Deutschland. 

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Profiteure sind zurzeit vor allem Anbieter wie Vodafone/Arcor, die ein eigenes Netz, aber eine vergleichsweise geringe Wechselquote haben. Vodafone/Arcor haben daher United Internet in diesem Jahr als Nummer zwei auf dem DSL-Markt abgelöst. Großen Zulauf haben auch die Kabelnetzbetreiber, die inzwischen jeden vierten neuen Breitband-Kunden an sich binden können. Bei preissensiblen Kunden kommt die Kabelnetz-Kombination aus sehr hohen Bandbreiten bei niedrigen Preisen sehr gut an. Die Strategie, ihre Fernsehkunden mit Hilfe von Telefon und Internet an sich zu binden, scheint doch noch aufzugehen.

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Allerdings sind weitere Preissenkungen im Moment nicht mehr zu erwarten. „Alle Anbieter versuchen, die Preispunkte zu halten“, sagt Marcus Sander, Analyst bei Sal. Oppenheim. Auch United Internet und Arcor, die in der Vergangenheit den Preiskampf immer wieder angefacht haben, haben kein Interesse an weiteren Preisnachlässen. Lieber erhöhen die Unternehmen die Bandbreite oder packen noch Fernsehen und Mobilfunkleistungen oben drauf.

Da sich das DSL-Wachstum abschwächt, wächst aber der Druck zur Konsolidierung. „Am Ende werden drei, maximal vier Anbieter übrig bleiben. Die Deutsche Telekom und Vodafone sind gesetzt. Hansenet und Telefónica O2 könnten sich zusammentun und ein starker dritter Anbieter werden, während United Internet seine Position mit der DSL-Sparte von Freenet stärken könnte“, beschreibt Sander ein mögliches Szenario. United Internet profitiert im Moment davon, dass sich gleich mehrere Netzbetreiber wie Telefónica, Arcor oder QSC gegenseitig unterbieten, um die DSL-Kunden des Unternehmens auf ihr Netz zu bekommen, um es auszulasten. Dieser Wettbewerb der Netzbetreiber bringt United Internet in die komfortable Situation, auch ohne eigene Infrastruktur konkurrenzfähig zu sein. Sollte aber auch eine Konsolidierung unter den Netzbetreibern einsetzen, könnte dieser Vorteil schnell dahin sein. „Dann könnte United Internet doch noch sein DSL-Geschäft verkaufen, zumal sich ein Käufer – sei es Vodafone oder Hansenet/Telefónica – eine uneinholbar starke Position als Nummer zwei auf dem Markt sicher würde“, sagt Sander. Wenn das Kartellamt mitspielt, könnten aus drei am Ende nur ein Kabelnetzbetreiber werden, so dass der gesamte Breitbandmarkt in der Hand von vier Unternehmen liegen könnte.

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1 Lesermeinung

  1. Das die Telekom mehr Kunden...
    Das die Telekom mehr Kunden verloren als hinzugewonnen hat ist bestimmt ärgerlich für die Telekom. Allerdings habe ich von einem befreundeten Händler von T-Com erfahren das man kaum noch Interessa am Privatkundengeschäft hat. Geld wird hier offensichtlich nur noch mit der Vermietung des Netzes verdient

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