Netzwirtschaft

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Die Digitalisierung erfasst immer mehr Lebensbereiche. Wie sie sich auf Menschen und Märkte auswirkt, beleuchtet das Netzwirtschaft-Blog auf FAZ.NET.

StudiVZ-Gründer geht von Bord

Dennis Bemmann und Michael Brehm verlassen das soziale Netzwerk StudiVZ zum Jahresende. Zuletzt hatten die beiden Jungunternehmer aber nur noch wenig mit dem Tagesgeschäft zu tun.

Am Jahresende ist Schluss: StudiVZ-Mitgründer Dennis Bemmann (30 Jahre) verlässt das Studentennetzwerk ebenso wie Michael Brehm (28 Jahre), der wenige Monate nach dem Start zum Gründerduo Ehssan Dariani/Dennis Bemmann gestoßen war. Das Ausscheiden von Bemmann, zuletzt offiziell als Technikchef tätig, und Brehm, der als COO für das Tagesgeschäft verantwortlich ist, war schon während der Übernahme durch den Holtzbrinck-Verlag im Januar 2007 in den Verträgen festgelegt worden. Zuletzt waren beide Jungmanager in dem Berliner Unternehmen aber eher beratend tätig; die Geschäfte führt Clemens Riedl. Auch für die Leitung der Technik hat StudiVZ mit Jan Wergin inzwischen einen Profi engagiert. Dariani war wegen seiner Eskapaden schon früh von Holtzbrinck aus dem Management entfernt worden.

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Bye, bye: COO Michael Brehm (links) und CTO Dennis Bemmann verlassen StudiVZ

Dariani und Bemmann haben 2005 in einer Studentenbude begonnen, StudiVZ aufzubauen. Dariani, der extrovertierte, spleenige Kopf, hatte die Ideen; Bemmann hat die Software geschrieben. Ob er bei seiner Arbeit unerlaubt das amerikanische Vorbild Facebook kopiert hat, ist jetzt Gegenstand einer Klage. Von Finanzen und Management hatten aber beide keine Ahnung und holten sich daher Michael Brehm hinzu, der nach dem Managementstudium an der WHU in Koblenz für die Investmentbank Merrill Lynch arbeitete. Das unterschiedliche Trio ergänzte sich perfekt und zog 2006 – auch mit Hilfe erfahrener Investoren wie den Samwer-Brüdern – Deutschlands erfolgreichstes soziales Netzwerk mit heute mehr als zehn Millionen Nutzern hoch. Als gerade einmal eine Million Studenten auf StudiVZ „gruscheln“, reißen sich schon die Medienhäuser um das Studentennetzwerk. Axel Springer hat Interesse, doch Holtzbrinck erhält den Zuschlag. 50 Millionen Euro werden sofort gezahlt; weitere 35 Millionen Euro werden an das Erreichen der vereinbarten Ziele gekoppelt. 

Auf jeden Fall fließt genug Geld von Stuttgart nach Berlin, um das Trio Dariani/Bemmann/Brehm finanziell unabhängig zu machen. Während Dariani vor allem in der Berliner Party-Szene auffällt, haben Bemmann und Brehm nun Reisen und soziale Projekte im Kopf. „Ab Januar werde ich erst mal eine große Reise machen und sicher auch in Zukunft unternehmerisch tätig sein. Darüber hinaus möchte ich mich weiterhin sozial engagieren und für gute Ausbildung einsetzen“, sagt Brehm. Auch Bemmann bleibt den Start-Up-Szene verbunden. „Nachdem ich drei Jahre lang extrem viel gearbeitet habe, freue ich mich, dass ich jetzt mehr Zeit für mich selbst haben werde. Ich möchte zum Beispiel wieder mehr Musik machen, zu Hause selbst kochen, mit dem Rucksack durch die Welt reisen, besser Salsa tanzen lernen. In der Gründerszene bleibe ich weiterhin als Business Angel aktiv und unterstütze andere spannende Start-Ups, die ganz am Anfang stehen. Momentan schmiede ich außerdem Pläne für ein soziales Projekt, das es Kindern in der dritten Welt ermöglichen soll, zur Schule zu gehen. Und dann muss ich ja auch zurück zur Uni und meine noch ausstehende Diplomarbeit schreiben. Das habe ich meiner Oma versprochen“, sagt Bemmann.

Für StudiVZ und die Ableger SchülerVZ und MeinVZ steht aber jetzt eine harte Zeit bevor. Unter dem CEO Marcus Riecke (August 2007 bis Oktober 2008) sind die Netzwerke stark gewachsen. Die Werbevermarktung ist in dieser Zeit aber nicht voran gekommen, was nicht zuletzt am Festhalten am hauseigenen Vermarkter GWP lag, der keine Erfahrung mit sozialen Netzwerken hat. Auch die langen Verhandlungen mit Facebook und United Internet haben StudiVZ nicht geholfen. Das Versäumte muss nun der neue CEO Clemens Riedl nachholen – und das mitten in die Wirtschaftskrise hinein, in der Werbetreibende lieber auf etablierte Werbeformen statt auf Experimente zurückgreifen. Für die Vereinigten Staaten sind die Umsatzprognosen für soziale Netzwerke schon eingebrochen; auch für den deutschen Online-Werbemarktsehen die Wachstumsaussichten nicht gut aus, zumal die Zahl der Besucher und der Seitenaufrufe offenbar ihren Zenit erreicht hat.

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NACHTRAG:

Die Schließung der StudiVZ-Auslandsseiten war mir keinen eigenen Beitrag wert, denn der frühere CEO Marcus Riecke hatte schon am 27. Januar im FAZ-Interview angekündigt, dass sich StudiVZ weitgehend aus dem Ausland zurückzieht und auf den deutschen Markt konzentriert. 

Hier die Passage aus dem Interview

Herr Riecke, stimmen die Gerüchte, dass StudiVZ das Auslandsgeschäft auf Eis gelegt hat?

Wir konzentrieren uns jetzt voll auf den deutschsprachigen Raum. Hier haben wir die Marktführerschaft und wollen diese Position auszubauen. Das internationale Geschäft spielt im Augenblick eine Nebenrolle für uns.

Was passiert mit den Seiten im Ausland?

Wir werden die Seiten natürlich behalten, aber im Moment nicht weiterentwickeln.

Auch die Seite in Polen nicht? Das war doch der einzige Auslandsmarkt, auf dem StudiVZ Erfolg hatte?

Polen funktioniert gut, aber der deutsche Markt funktioniert um ein Vielfaches besser. In einer Welt begrenzter Ressourcen haben wir uns entschieden, auch Polen nur minimal zu besetzen.

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