Netzwirtschaft

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Eckhard Spoerr verlässt Freenet

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Eckhard Spoerr, der Vorstandsvorsitzende von Freenet, gibt auf. Auf eigenen Wunsch verlässt er das Unternehmen zum 23. Januar. Offenbar war der Druck der Großaktionäre Permira und Hermes zu groß geworden.

Bild zu: Eckhard Spoerr verlässt FreenetEckhard Spoerr verlässt das Telekommunikationsunternehmen Freenet zum 23. Januar – auf eigenen Wunsch, wie das Unternehmen am Montagabend mitteilte. Joachim Preisig soll zunächst als Sprecher des Vorstands fungieren, bevor ein neuer Vorstandschef gefunden wird. Damit hat Spoerr offenbar den Machtkampf gegen seine Großaktionäre Permira (24,99 Prozent), Hermes (5 Prozent) und United Internet / Drillisch (25,91 Prozent) verloren und zieht die Konsequenzen. Vor allem der Rückhalt von Permira war wohl nach dem gescheiterten Verkauf der DSL-Sparte und dem Ausscheiden des ehemaligen Debitel-Chefs Oliver Steil aufgebraucht.

Der Aufsichtsrat mit dem Vorsitzenden Helmut Thoma bleibt im Amt und steht weiter zur eingeschlagenen Strategie. „Der Aufsichtsrat nimmt diese Entscheidung mit Bedauern und Respekt zur Kenntnis und betont die weitere volle Unterstützung der von Spoerr eingeschlagenen Unternehmensstrategie. Das beschlossene Integrationskonzept wird in voller Konsequenz umgesetzt“, heißt es in der Mitteilung.

Permira und Hermes hatten Spoerr bei der Hauptversammlung im August noch gegen die Abwahlversuche von United Internet und Drillisch unterstützt, waren aber sehr unzufrieden mit dem Verlauf des Aktienkurses, der seit Juli 2007 von 25 Euro auf aktuell nur noch 3,40 Euro abgestürzt ist. Vor allem bei Hermes war der Ärger groß, da die Briten sich zu sehr hohen Kursen mit Freenet-Aktien eingedeckt hatten. Permira und Hermes sorgten sich vor allem um den Ruf von Eckhard Spoerr am Kapitalmarkt, der wegen der Übernahmeschlacht mit United Internet/Drillisch gelitten hatte. Zudem steht Spoerr im Januar wegen des Verdachts auf Insiderhandel vor Gericht, was aber nichts mit der aktuellen Entscheidung zu tun hat.

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Damit geht eine Ära zu Ende. Spoerr stand fast zehn Jahre an der Freenet-Spitze. Wie kaum ein anderer deutscher Spitzenmanager musste er in dieser Zeit Krisen überwinden, ihm wenig gewogene Aktionäre in Schach halten, sich gegen Konkurrenz um den Chefposten durchsetzen, Übernahmeversuche vereiteln – und scheinbar nebenbei noch ein Unternehmen im hart umkämpften Telekommunikationsmarkt leiten. 

Der Mann mit der markanten Brille, der sich in der Rolle des Bungee-Springers gefällt, zeigt schon früh, was in ihm steckt. Abitur mit der Note 0,8, Leistungsschwimmer und leistungsorientiert: Das Studium der Betriebswirtschaft in Saarbrücken und der Michigan Business School zieht er in acht Semestern durch. Danach geht er zur Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton, was ihm aber schnell zu langweilig wird. Er macht sich als Sanierungsberater selbständig und lernt dabei, mit Krisen umzugehen. Das ist die richtige Schule, um 1999 Chef der neu gegründeten Mobilcom-Internetsparte Freenet zu werden. Kaum in Büdelsdorf angekommen, muss er nämlich feststellen, dass Freenet in einer finanziellen Schieflage steckte. Doch Spoerr zeigt erstmals seine Qualitäten und steuert Freenet durch die turbulente Zeit nach dem Dot.com-Crash im Jahr 2001. Nicht als Hasardeur, sondern ganz bodenständig.

Das Chaos, in das die Muttergesellschaft Mobilcom nach dem gescheiterten UMTS-Abenteuer fällt, lässt ihn ebenso kalt wie sein bisher einziger eklatanter Management-Fehler, als Partner für schnelle DSL-Internetanschlüsse auf ein kleines Unternehmen aus München zu setzen. Der Partner geht pleite und Freenet fällt im Wettbewerb zurück. Doch Spoerr, der sich und seinen Mitarbeitern alles abverlangt, holt den Rückstand auf und zeigt der Konkurrenz 2004 erstmals seine Art Geschäfte zu machen: Als nämlich Konkurrent United Internet noch penibel die Bücher des Speicherplatzanbieters Strato prüft, kauft er das Unternehmen einfach. Auf dem Erfolg kann er sich aber nicht lange ausruhen, denn 2005 beginnt die wahre Leidenszeit für Spoerr. Der neue Großaktionär Texas Pacific Group strebt die Verschmelzung mit der Muttergesellschaft Mobilcom an. Eigentlich ist der Mobilcom-Chef Thorsten Grenz als neuer Leiter der verschmolzenen Gesellschaft vorgesehen, doch Spoerr setzt sich durch. Bei der Forderung der Texaner nach einer Sonderausschüttung habe er sich „geschmeidiger“ gezeigt, heißt es später. Auch das gehört zu Spoerr dazu. Ebenso wie eine fürstliche Entlohnung für seine Dienste, die ihm 2007 mehr Geld bringt als dem Telekom-Chef René Obermann, obwohl dessen Unternehmen um eine Vielfaches größer ist.

Dafür steht er aber den zermürbenden Streit mit einigen Aktionären durch, die aus der Verschmelzung mit Mobilcom Profit schlagen wollen. Mitte 2007 ist die Verschmelzung endlich durch, da droht ihm neues Ungemach: Der Mobilfunkanbieter Drillisch hat ein Auge auf seine Handysparte geworfen und kauft sich in das Unternehmen ein. Im September 2007 schließen sich Drillisch und United Internet zusammen, um Freenet zu zerschlagen. Sein Schicksal scheint abermals besiegelt. Doch schon wie 2004 mit Strato trickst er den mächtigen United-Internet-Chef Ralph Dommermuth aus: Statt sich kaufen zu lassen, übernimmt Spoerr in einer Nacht- und Nebel-Aktion den weit größeren Mobilfunkanbieter Debitel. Typisch für Spoerr: Er bezahlt den Kauf zum Teil in eigenen Aktien, was ihm den überlebenswichtigen neuen Großaktionär bringt. Dass Freenet sich für das Geschäft hoch verschulden muss, nimmt Spoerr in Kauf. Dass er sich damit Ralph Dommermuth und den Drillisch-Chef Paschalis Choulidis zu Feinden macht, ist ihm egal. Dass er der neue Chef des Unternehmens wird, versteht sich von selbst. 

Doch damit ist der Ärger nicht vorbei. Entgegen den Planungen wird Oliver Steil, der Vorstandsvorsitzende des Mobilfunkunternehmens Debitel, nach der Übernahme durch Freenet nicht in den gemeinsamen Vorstand des Unternehmens einziehen. Nach Angaben von Thoma war Steil, der vor zwei Jahren von der Unternehmensberatung McKinsey an die Debitel-Spitze gerückt ist, mit den finanziellen Bedingungen seines neuen Vertrages nicht einverstanden. „Es ging nur ums Geld“, sagt Thoma der FAZ. Aus Unternehmenskreisen ist aber zu hören, der Aufsichtsrat habe Steil die vorher zugesicherten Kompetenzen für Vertrieb, Marketing und Kundenbindung jetzt nicht mehr gewähren wollen. Auch habe es wiederholt unterschiedliche Auffassungen zwischen Steil und Spoerr über die strategische Ausrichtung des Unternehmens gegeben, die sich auch nach langen Diskussionen nicht aus dem Weg räumen ließen. Permira ist mit dem Rückzug von Steil auf jeden Fall nicht glücklich. „Wir bedauern diese Entwicklung. Oliver Steil wäre eine wichtige Integrationsfigur für die Debitel-Belegschaft gewesen“, sagt ein Sprecher. Nach Angaben aus Finanzkreisen macht sich Permira weiterhin Sorgen über den Ruf von Spoerr am Kapitalmarkt. Thoma hofft zunächst, dass Steil irgendwo zurückkommt. Auch ihm ist klar, dass Steils Demission bei Permira ganz schlecht ankommt. Stephan Howaldt, der Deutschland-Chef von Hermes, einem weiteren Freenet-Aktionär, wollte sich zu der Sache damals nicht äußern. Seine Stimme hatte auf der Hauptversammlung den Ausschlag für Spoerr gegeben. Er hatte Freenet damals sehr klar gebeten, die Debitel-Mitarbeiter mit offenen Armen zu empfangen. Wenig später verlässt Steil verlässt den Debitel-Vorstand mit sofortiger Wirkung und Spoerr wird neuer Vorstandschef. 

Doch dann verlässt Spoerr das Glück. Der Verkauf der DSL-Sparte, der dem Aktienkurs wohl Auftrieb gegeben hätte, misslingt ihm. Offenbar ist die Qualität der Kunden hinsichtlich Wechselrate und Restlaufzeiten so schlecht, dass die Bieter das Interesse verloren. Dann kommt die Finanzkrise und schließlich will niemand mehr so viel Geld für die DSL-Sparte ausgeben, wie Spoerr gerne haben möchte. Die Aussicht, dass der Aktienkurs alsbald wieder signifikant steigt, schwindet weiter. Und mit ihr wohl auch die Geduld von Permira und Hermes.

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1 Lesermeinung

  1. Frohe Weihnachten! Ulitest...
    Frohe Weihnachten! Ulitest

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