Netzwirtschaft

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Investitionstätigkeit im Internet hat sich abgekühlt

Die Krise hat Zahl und Höhe der Investitionen in Internetunternehmen seit Mitte 2008 spürbar abgekühlt. Die Amerikaner haben trotzdem vor allem in Online-Publikationen und soziale Netzwerke investiert. In Deutschland wurden neben sozialen Netzwerken auch Online-Spieleanbieter gekauft.

Die Wirtschaftskrise hat die Übernahmephantasie auch im Online-Markt in der zweiten Jahreshälfte 2008 spürbar abgekühlt. Die Preise für Unternehmen sind ebenso wie die Zahl großer Transaktionen gesunken. Investiert wurde 2008 aber trotzdem, vor allem in Online-Publikationen, den Internethandel und soziale Netzwerke. Vergleichsweise wenig Geld wurde dagegen in Übernahmen in den Geschäftsfeldern Online-Stellenmärkte, Internetsuche, Suchmaschinenoptimierung und Blogs investiert, hat die New Yorker Investmentbank Peachtree Media Advisors (PDF) für die Vereinigten Staaten errechnet. In Deutschland standen soziale Netzwerke, Frauenseiten und Online-Spieleanbieter ganz oben auf den Einkaufslisten.

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In Amerika haben die Banker im vergangenen Jahr 707 Übernahmen, Fusionen oder Kapitalerhöhungen mit einem Volumen von 16,9 Milliarden Dollar im Online-Markt gezählt. Das meiste Geld floss in Internetseiten, die sich direkt an Endkonsumenten richten. Herausragende Investition in dieser Kategorie war der Kauf des IT-Branchendienstes Cnet, der für 1,8 Milliarden Dollar an den Fernsehsender CBS ging. Unter den Investitionen in soziale Netzwerke stachen die 850 Millionen Dollar heraus, die AOL für das britische Netzwerk Bebo gezahlt hat, aber heute wohl nicht mehr zahlen würde. Auch Microsoft war nicht untätig: 524 Millionen Dollar blätterte der Softwareriese für Greenfield Online hin, einen Anbieter vom Konsumentenbewertungen, zu dem auch die deutsche Seite Ciao.com gehört. Weitere 100 Millionen Dollar zahlte Microsoft kurz nach der geplatzten Yahoo-Übernahme für den Suchmaschinenanbieter Powerset, der die Internetsuche mit Hilfe semantischer Verfahren verbessern will. Unter den Investitionen in Geschäftsanwendungen stachen 2,1 Milliarden Dollar heraus, die von der Private-Equity-Gesellschaft Hellman & Friedman für die Fotoagentur Getty Images gezahlt haben.

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Eine besonders rege Übernahmetätigkeit verzeichneten die Banker im Markt der sozialen Netzwerke. 102 Übernahmen, Zusammenschlüsse oder Kapitalerhöhungen mit einem Gesamtvolumen von 1,8 Milliarden Dollar fanden 2008 statt. Neben AOL investierten vor allem die Beteiligungsgesellschaften gerne in soziale Netzwerke, weshalb die Zahl der Transaktionen um 20 Prozent gegenüber 2007 kletterte, obwohl die Aktivität in der zweiten Jahreshälfte fast zum Erliegen kam. Interessant für Investoren waren im vergangenen Jahr auch Online-Videoangebote, in die 88 mal investiert wurde. Die Zahl der Transaktionen in Anbieter, die sich auf das mobile Internet spezialisiert haben, hat sich 2008 sogar verdoppelt.

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In Deutschland waren die Investitionen in Internetunternehmen im vergangenen Jahr schon vor dem Ausbruch der Finanzkrise eher gering. Der Coup des Jahres gelang dem Fernsehsender RTL, der sich für kleines Geld 49 Prozent des sozialen Netzwerkes Wer-kennt-wen gekauft hat, das inzwischen dabei ist, dem Marktführer StudiVZ den Rang abzulaufen. Als Reaktion darauf hat Pro Sieben Sat.1 im Mai seinen Anteil am – allerdings kaum noch wachsenden – Münchner Netzwerk Lokalisten auf 90 Prozent ausgebaut. Interessant erschienen wohl auch Frauenseiten: Burda investierte einen zweistelligen Millionenbetrag in das amerikanische Netzwerk Glam, während Springer seine Beteiligung am französischen Portal Aufeminin aufstockte. Springer sicherte sich kurz vor Jahresende auch einen Anteil am norwegischen Online-Stellenmarkt Stepstone, an deren deutscher Tochtergesellschaft der Verlag schon seit 2004 zur Hälfte beteiligt ist.

Vergleichsweise viel Geld floss auch in die Spiele. Für 100 Millionen Dollar hat der amerikanische Fernsehsender NBC das deutsche Portal Bigpoint erworben. Über Geld durften sich auch die Hamburger Marius Follert und Niels Wildung freuen, die mit „Pennergame“ den Aufsteiger des Jahres in der Spielebranche entwickelt hatten.

Burda investierte auch in Scienceblogs und das Online-Möbelhaus Mydeco; über Tomorrow Focus stieg das Medienhaus zudem in den Werbemarktplatz Adjug, das Finanzportal Findocs und die Ärzteseite Jameda ein. Das Geld dafür kam auch aus dem Verkauf des Online-Antiquariats Abebooks an Amazon. Auch United Internet kaufte mit United Domains (aus der Lycos-Auflösung) und dem Werbedienstleister Virtual Minds gezielt zu, verpasste allerdings 2008 den geplanten Erwerb der DSL-Sparte von Freenet, kann dies aber 2009 noch nachholen. Den Abschluss setzte das Internet-Geschäftsnetzwerk Xing, das für einen einstelligen Millionenbetrag das amerikanische Unternehmen Socialmedian erwarb. Zuvor hatte Xing schon einige Geschäftsnetzwerke in Spanien und der Türkei übernommen.

In diesem Jahr werden große Akquisitionen wohl kaum zu erwarten sein, dafür allerdings viele kleine Übernahmen, mit denen sich finanzstarke Unternehmen fürwenig Geld gezielt verstärken. Investtiert wird wohl vor allem in Technik.

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