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Die Digitalisierung erfasst immer mehr Lebensbereiche. Wie sie sich auf Menschen und Märkte auswirkt, beleuchtet das Netzwirtschaft-Blog auf FAZ.NET.

Ende der Party auf dem DSL-Markt

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Nach Jahren fast ungebremsten Wachstums lahmt jetzt das Neukundengeschäft für DSL. Jetzt kommt der Verdrängungswettbewerb und damit die Konsolidierung des Marktes. Dabei werden die Betreiber der Kabelnetze ein wichtiges Wort mitreden.

„Breitband für alle“ lautet ein Ziel der Bundesregierung, doch offenbar wollen gar nicht alle Haushalte einen schnellen Internetanschluss haben. Denn das Wachstum auf dem DSL-Markt hat sich im vergangenen Jahr spürbar verlangsamt. Statt der 3,2 Millionen neuen Kunden, die der Branchenverband VATM noch im Herbst vorhergesagt hatte, sind 2008 nur 2,4 Millionen DSL-Haushalte hinzugekommen, hat die Bundesnetzagentur in ihrem Jahresbericht errechnet. Legten sich 2006 und 2007 noch jeweils etwa 4,5 Millionen Haushalte erstmals einen Breitband-Anschluss per DSL oder Fernsehkabel  zu, waren es 2008 nur noch 3,3 Millionen.

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Ein Grund könnte das Ende der Preisspirale nach unten sein: Da die Wettbewerber der Telekom für die Miete des Kupferkabels in die Haushalte gut 10 Euro je Monat an die Deutsche Telekom zahlen müssen, ist die Grenze des Preisverfalls offenbar erreicht. Das gilt auch nach der leichten Absenkung des Preises für die letzte Meile durch die Regulierungsbehörde am Dienstag vergangener Woche. Keine Telefongesellschaft ist im Moment scharf darauf, eine neue Preisrunde einzuläuten, da die Margen mit den Grunddiensten Sprache und Internet schon jetzt niedrig sind. Die nach der Absenkung auf der letzten Meile gesparten 30 Cent werden eher in neue Projekte investiert. Die Anbieter versuchen daher lieber mit Zusatzfunktionen wie Mobilfunk, Heimvernetzung oder Fernsehen zu punkten als mit weiteren Preissenkungen. Die potentiellen Kunden sind davon allerdings wenig begeistert. Die Bundesnetzagentur rechnet mit einer weiteren Abschwächung des Breitband-Wachstums in diesem Jahr. 

Dagegen hat die Kabelbranche ihr bisher bestes Jahr erlebt. Rund 860.000 Haushalte entschieden sich 2008 für das schnelle Internet über das Fernsehkabel, was nach Angaben des Branchenverbandes Anga einer Steigerung um 87 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Insgesamt waren Ende 2008 nach Schätzung der Bundesnetzagentur rund 22,6 Millionen Haushalte mit einer Breitbandverbindung an das Internet angeschlossen, wobei die Behörde die Zahl der Kabelhaushalte niedriger schätzt als der Branchenverband Anga. Auf die deutschen Haushalte bezogen, ergibt das eine Anschlussquote von rund 57 Prozent.

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Branchenprimus war – wie immer – die Deutsche Telekom. Sie sammelte im vergangenen Jahr knapp 1,6 Millionen DSL-Kunden ein, was allerdings 330.000 Kunden weniger als im Jahr zuvor waren. Dennoch hat die Telekom ihr Ziel, mehr als die Hälfte der DSL-Anschlüsse auf sich zu ziehen, im Jahr 2008 erstmals wieder erreicht. Die Nummer zwei im Markt ist Vodafone/Arcor mit inzwischen 3 Millionen DSL-Kunden, wovon 520.000 im vergangenen Jahr gewonnen wurden. Eine schwache Saison hatte United Internet. Dort war die Führungsmannschaft gedanklich wohl eher mit der Übernahme der DSL-Sparte von Freenet als mit der Kundengewinnung beschäftigt. Das Unternehmen legte 2008 nur um etwa 230.000 neue DSL-Kunden zu. Das sind 90.000 Kunden weniger als noch 2007. Das Unternehmen erwartet auch in diesem Jahr nur noch ein leichtes Wachstum. Der Fokus liege 2009 in der Umwandlung der rund 2 Millionen DSL-Kunden, die noch einen wiederverkauften Anschluss der Deutschen Telekom nutzen, in Kunden, die einen Komplettanschluss (also Telefon und Internet) bei United Internet buchen, sagte Vorstandschef Ralph Dommermuth. Die Kundenakquisitionskosten sollen nicht erhöht werden. Das Unternehmen, das wegen des Freenet-Abenteuers fast eine halbe Milliarde Euro Schulden hat, hält sein Geld nun eisern zusammen und nimmt dafür in Kauf, weitere Marktanteile zu verlieren. Gerüchte, United Internet werde für Hansenet mitbieten, entbehren daher jeder Grundlage. Die Gerüchte wurden gestreut, um den schleppenden Verkaufsprozess anzufachen.

Ein ganz und gar rabenschwarzes Jahr verzeichnete Freenet. Der angekündigte Verkauf der DSL-Sparte hat viele Kunden nach Ablauf ihrer Vertragsdauer zur Konkurrenz abwandern lassen. Von den 1,28 Millionen DSL-Kunden zum Jahresbeginn sind noch 940.000 übriggeblieben. „Der Verlust von mehr als 100.000 DSL-Kunden im vierten Quartal ist vor allem auf eine Bereinigung zurückzuführen. Die Stornoquoten sind verbessert worden“, begründete der Freenet-Vorstandsvorsitzende Joachim Preisig den rapiden Kundenschwund zwischen Oktober und Dezember. Auch Versatel ist im Privatkundengeschäft inzwischen so gut wie unsichtbar. Gerade einmal 70.000 DSL-Kunden haben sich im vergangenen Jahr für Versatel entschieden; der Kundenbestand stagniert bei etwa 700.000. Schon besser schnitt die Telefónica-Tochtergesellschaft O2 ab: Die Zahl der DSL-Kundschaft stieg um rund 140.000 auf den allerdings noch geringen Wert von 215.000.

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Anders als die DSL-Anbieter, die sich inzwischen in einem Verdrängungswettbewerb befinden, sind die lange sehr träge agierenden Kabelnetzbetreiber in diesem Jahr erst richtig aktiv geworden. 140000 neue Breitband-Haushalte hat Kabel Baden-Württemberg gewonnen; gar 180.000 Kunden haben bei Unity Media in Hessen und Nordrhein-Westfalen neu unterschrieben. Marktführer Kabel Deutschland, der die anderen 13 Bundesländer versorgt, hat im vergangenen Jahr sogar 340.000 neue Breitband-Haushalte gewonnen und hatte zum Jahresende 660.000 Kunden unter Vertrag. Die Kabelnetzbetreiber punkten vor allem mit hohen Übertragungsgeschwindigkeiten und vergleichsweise niedrigen Preisen. Mit diesem Tempo werden die DSL-Anbieter erst wieder mithalten können, wenn das VDSL-Netz in mehr Regionen ausgebaut ist.

Durch den von der Deutschen Telekom vollzogenen Strategiewechsel kommt an diesem Punkt wieder Bewegung in den weiteren Ausbau. Zwar hat der Konzern selber schon 50 deutsche Städte mit den bis zu 50 Megabit in der Sekunde schnellen Zugängen versorgt, das allerdings ist nicht ausreichend, um den Angeboten der Kabelnetzbetreiber schnell etwas entgegenzusetzen. Daher müssen alle Telefongesellschaften Interesse an einem schnellen VDSL-Aufbau haben, um nicht immer mehr Kunden an die Kabelkonkurrenz zu verlieren. Entsprechend nehmen immer mehr Wettbewerber der Telekom deren Kooperationsangebote für einen gemeinsamen Ausbau der VDSL-Infrastruktur an.

Der durch die Kabelnetz-Konkurrenz noch angeheizte Verdrängungswettbewerb unter den DSL-Anbietern wird in diesem Jahr wohl auch einige Übernahmen zur Folge haben. Die DSL-Sparte von Freenet wird in diesem Prozess wahrscheinlich ebenso verkauft wie Hansenet. Nach Ansicht von Branchenkennern gilt der spanische Telefonkonzern Telefónica, dem bereits der Mobilfunker O2 gehört, als wahrscheinlicher Käufer für Hansenet.

Aber auch unter den Kabelnetzbetreibern könnte sich etwas tun. Zum Beispiel hält sich das Gerücht hartnäckig, dass Vodafone Interesse an einer Übernahme von Kabel Deutschland hat, um die Bereinigung voranzutreiben. Technisch lassen sich die Netze miteinander verbinden.

„Wichtigster Spielstein im Endspiel ist aber United Internet, da das Unternehmen viele Kunden hat. Wahrscheinlich werden sich Telefónica und Vodafone irgendwann bemühen, die DSL-Sparte von United Internet zu übernehmen, um eine klare Nummer zwei hinter der Deutschen Telekom zu werden“, sagt Marcus Sander, Analyst bei Sal. Oppenheim.

Interessant dürften auch die Innovationsstrategien der Unternehmen sein. Internet-Fernsehen hat sich bisher nicht als Zugpferd erwiesen, da die kostenlose Versorgung mit Fernsehen in Deutschland sehr gut ist. Zudem leiden die IP-TV-Angebote darunter, dass sie die Blockbuster erst spät bekommen. Die Integration mit Mobilfunkdiensten ist auch noch nicht weit fortgeschritten; das gilt selbst für integrierte Konzerne wie die Deutsche Telekom und Vodafone. Auf andere Ideen kommt anscheinend nur United Internet. Der neue Ansatz, Heimvernetzung und Cloud Computing zu verknüpfen, ist vielversprechend, da er Zusatzfunktionen ohne große Kosten für die Verbraucher bietet. Hier müssen die Wettbewerber ihre Innovationskraft erst noch zeigen. 

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Autoren: Holger Schmidt und Johannes Winkelhage

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40 Lesermeinungen

  1. In Deutschland gibt es 40...
    In Deutschland gibt es 40 Millionen Haushalte, davon haben 22,8 Millionen einen Breitbandanschluss. Wenn wir davon ausgehen, dass 10-20 (?) Prozent der Haushalte in Regionen liegen, in denen es noch kein Breitband gibt, dann haben zwei Drittel der Haushalte mit Breitbandmöglichkeit einen Anschluss. Irgendwann erreicht man natürlich Wachstum bei den Anschlüssen nur noch mit Bevölkerungswachstum. ;-)

  2. Zur Überschrift: Ich finde...
    Zur Überschrift: Ich finde der pessimistische Tenor der Überschrift und des Artikels verschleiert etwas, dass es doch ganz normal ist, wenn irgendwann eine Marktsättigung eintritt. Irgenwo müssen die Neukunden ja auch herkommen und wenn keine neuen Kundensegmente angesprochen werden können sinken eben die Wachstumraten.
    Beim Thema 1&1 stimme ich voll und ganz zu. Ich finde die Ansätze des Unternehmens sich von der Konkurrenz zu differnzieren (Heimvernetzung etc.) ebenfalls sehr interessant und würde mich bei der Kaufentscheidung positiv beeinflussen lassen. Aber ich befürchte Sie und ich sind eben nicht der Otto-Normal-Verbraucher, sondern eher Technik affin. Der Durchschnittskunde (mit evtl. hoher Zahlungsbereitschaft) will doch möglichst keinen Aufwand und keine Konfiguration von irgendeinem Heimnetzwerk, sondern einfach nur Internet und Telefon. Vielleicht ist 1&1 seiner Zeit etwas voraus…
    mfg

  3. Die DSL-Abdeckungslücken,...
    Die DSL-Abdeckungslücken, besonders im ländlichen Bereich und in Ostdeutschland, betreffen auch Unternehmen und Gewerbegebiete ! Keinen DSL-Zugang zu besitzen, ist heuzutage ein Standortnachteil. Wir machen uns als Industrienation und Exportweltmeister lächerlich, wenn selbst kleine Inseln in der Karibik und im Pazifik Breitbandzugang haben, das „flache Land“ in Deutschland aber nicht.

  4. <p>@Phil: Denke auch, dass der...
    @Phil: Denke auch, dass der Durchschnittskunde mit Cloud-Computing etwas überfordert ist. Das Angebot ist eine Nische, keine Frage. Aber ob es der Renner wird, muss sich erst noch zeigen. Ich glaube nicht.
    Bezüglich des Wachstums. Der Handymarkt ist mit über 100% gesättigt und dennoch wird hier nach wie vor gutes Geld verdient. Wenn die DSL-Anbieter Ihre Hausaufgaben machen, sollte das nicht extreme Auswirkungen und haben, maximal zu weiteren Konsolidierungen führen. Des weiteren bleibt die Technik auch im Breitbandmarkt nicht stehen! Die Angesprochenen VDSL-Zugänge werden wohl früher oder später zu weiteren Wachstumsimpulsen und Umlagerungen führen.
    Fazit: Die goldenen Zeiten mögen erstmal vorbei sein, aber einen Einbruch sehe ich nicht.

  5. Ich glaube den Pragmatiker in...
    Ich glaube den Pragmatiker in den Telkos ist die Martksättigung bereits bewusst. Aber die Gesellschafter der Unternehmen und die Shareholder, die habe sich noch nicht daran gewöhnt, dass sich der Markt ändert, die wollen Erfolgsgeschichten hören. So rennen die Unternehmen also diesen überzogenen Zielen hinterher. Wenn ich sehe, wie sich die großen Anbieter verschleudern mit Ihren Angeboten…das ist doch nur noch hilflos.

  6. Wir beobachten bei den...
    Wir beobachten bei den Besuchern unserer Webseiten eine starke Entwicklung in Richtung mobiles Internet. Viele Interessenten entscheiden sich inzwischen fuer die seit einiger Zeit recht preiswerten Internetangebote (mit Flatrate) via Mobilfunk. Auch hier ist den reinen DSL Anbietern sicherlich Konkurrenz entstanden.

  7. Der Griff zum mobilen Internet...
    Der Griff zum mobilen Internet finde ich auch nicht verwunderlich. So kann man den Zugang schließlich auch mitnehmen und die Bandbreiten sind ja auch nicht mehr nur 2. Wahl.
    Ich denke, dass gerade die Gruppe der „Surfer und E-Mailer“ in der Flexibilität des mobilen Internet Zuganges einen deutlich höheren Vorteil sieht als in noch schnelleren Datenraten.

  8. <p>Eine interessante...
    Eine interessante Diskussion; bei der ich allerdings immer ein bischen schmunzeln muss. In Deutschland reden wir von Breitband schon ab der klassichen DSL-Leitung auf 1024 Kilobit im Down-, und 128 Kbit im Upstream-Basis. In manchen Asiatischen Ländern fängt der Spass bei 4 bis 6 MB an. Und zwar flächendeckend. In Deutschland gibt nicht nur einige Regionen wo überhaupt kein DSL-Angebot vorliegt… in vielen Regionen werden munter 2 MB, 4 MB oder 6 MB angeboten; jedoch gehen über die alten Leitungen oft nur 1 MB oder weniger.

  9. Sehe das genauso wie Herr...
    Sehe das genauso wie Herr Lammenett,
    wir sollten vielleicht erstmal genau definieren wo Breitband anfängt? Ich für meinen Teil habe meinen DSL Anschluss gekündigt und nutze nun nur noch UMTS mit HSDPA. Dadurch kann ich fast deutschlandweit mit DSL Geschwindigkeit im Internet surfen.

  10. Wachstum ist vor allem noch...
    Wachstum ist vor allem noch auf dem Land möglich. Dieses wird aber kläglich vernachlässigt, weil zu hohe Kosten für Kommunen und Telekom. Ein Umzug auf das Land beschert mir günstiges Bauland aber kein DSL bzw. nur DSL Light und dieses sollte bei ca. 384 Kbit/s den ersten Teil aus dem Namen streichen.

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