Netzwirtschaft

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Nachrichtenportal ohne Redakteure – wie Nachrichten.de funktioniert

| 3 Lesermeinungen

Burda startet die Seite Nachrichten.de als Konkurrenten zu Google News. Dort sind 600 Nachrichtenquellen aggregiert. Die Urheber der Inhalte werden an den Werbeerlösen beteiligt.

Das Medienhaus Burda wird Mitte September seinen Nachrichtenaggregator Nachrichten.de als Konkurrenz zu Google News ins Netz stellen. Die Seite, die zurzeit noch auf den Focus umgeleitet ist, durchsucht 600 deutschsprachige Nachrichtenquellen und fasst die wichtigsten Artikel auf einer Seite zusammen. Ein Klick auf den Beitrag führt dann auf die Internetseite der Originalquelle. „Die Themenwahl von Nachrichten.de soll so deckungsgleich wie möglich mit den Leitmedien sein“, sagt Jochen Wegner, zuständiger Geschäftsführer der Burda-Gesellschaft Tomorrow Focus. Themen, die auf den Internetseiten der großen Medienseiten oben stehen, sollen auch auf Nachrichten.de oben plaziert werden.

Journalistische Arbeit steckt Burda nicht in das Projekt. „Nachrichten.de hat keine Redaktion“, sagt Wegner. Die Gewichtung der Themen übernimmt ein eigens entwickelter Algorithmus. Für diese Art der vollautomatisch erstellten Nachrichtenportale, dem neben Finanzen 100 künftig weitere Themenportale folgen sollen, sind dann nur noch Softwareentwickler nötig.

Ähnlich wie bei Google durchsucht ein „Crawler“ die Nachrichtenangebote im Netz. Die gefundenen Artikel werden dann von dem Algorithmus sortiert, der von mehreren Faktoren abhängt: „Wichtig sind etwa die Zahl der Artikel zu einem Thema, deren Aktualität und die – natürlich subjektive – Relevanz, die das Team einem Medium zugewiesen hat“, sagt Wegner, der dafür die Relevanz jeder Nachrichtenquelle (und ihrer Ressorts) auf einer Skala von null bis zehn bewertet hat.

Bild zu: Nachrichtenportal ohne Redakteure - wie Nachrichten.de funktioniert

Nachrichten.de ist wie ein normales Nachrichtenportal in Ressorts wie Politik, Wirtschaft oder Kultur unterteilt. Unter der Aufmachergeschichte werden dann Zugänge zu ähnlichen Meldungen zum selben Thema aus anderen Quellen und die Kommentare gezeigt. Ein Live-Ticker, ein Themen-Kanal und eine Box für populäre Geschichten sowie Kommentare werden in der rechten Spalte eingeblendet. Videos sind aber ebenso Fehlanzeige wie E-Mail-Alerts.

Anders als bei Google kann der Nutzer die Rangliste der angezeigten Nachrichten aber beeinflussen: Als Sortierkriterium voreingestellt ist „Standard“. Daneben gibt es aber noch „Top-Quellen“, „Aktualität“ und „Relevanz“ als Kriterien, damit sich die Nutzer ihre eigene Geschmacksrichtung einstellen können. Ansonsten fehlen zum Start weitere Personalisierungsfunktionen. „Die meisten Nutzer sehnen sich nicht nach komplexen Einstellmöglichkeiten, sondern wünschen einen breiten, verlässlichen Nachrichtenüberblick“, sagt Wegner. Individualisierungsfunktionen sollen aber im Laufe der Zeit hinzukommen.

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Eine besondere Funktion seien die Themenseiten, die viele Artikel zu einem Thema auf einen Blick zusammenstellen. Hunderttausende Themenseiten hat der Algorithmus bereits erstellt; weitere Seiten sind per Mausklick möglich. „Einige Dutzend Dokumentare zu beschäftigen wäre viel zu teuer. Diese Datenmengen können aber maschinell zusammengestellt werden“, sagt Wegner, der daraus gerne ein Geschäftsmodell machen will, nämlich vor allem für kleinere Medienhäuser diese Themenpakete zusammenzustellen. „Gemeinschaftsunternehmen mit anderen Medienunternehmen sind geplant“, sagte Wegner. Ansonsten sind die finanziellen Erwartungen an das Projekt im Haus Burda eher bescheiden: „Wir gehen nicht davon aus, dass wir damit im ersten Jahr Geld drucken können. Die Gewinnzone soll Mitte oder Ende 2010 erreicht werden“, sagt Wegner.

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Auch für die Lieferanten der Inhalte, die 20 Prozent der Werbeerlöse erhalten sollen, wenn nur der Vorspann des Textes gezeigt wird, und 50 Prozent, wenn der gesamte Artikel zu sehen ist, bremst Wegner die Erwartungen. „Im ersten Jahr werden die Erlöse für die 600 berücksichtigten Angebote Publisher höchstens ein paar hundert Euro im Monat betragen. Damit wird natürlich noch niemand reich. Erst wenn Nachrichten.de nach der sehr vorsichtigen Beta-Phase stärker wächst, wird es finanziell spannend“, sagt Wegner. Angaben für die angepeilte Reichweite der Seite will Wegner nicht machen.

Nachrichten.de tritt in Konkurrenz zu Google News, dem Nachrichtenaggregator der Suchmaschine. Google News führt als Platzhirsch unter den Aggregatoren den Medienseiten in Deutschland 30 und mehr Prozent ihrer Leser zu. Google News wurde im Juli von 2,4 Millionen Menschen in Deutschland aufgesucht, die 48 Millionen Seiten angeklickt haben, hat Nielsen gemessen. Damit hätte Google News die Reichweite eines mittelgroßen Nachrichtenportals in Deutschland. Der Einfluss von Google News ist aber höher, als es diese Zahlen vermuten lassen, denn Google integriert die Nachrichten auch in seine normalen Suchergebnisse auf Google.de, die von mehr als 30 Millionen Menschen jeden Monat aufgesucht wird. Diese Kombination ist ein klarer Wettbewerbsvorteil gegenüber dem Burda-Produkt, das keine Suchmaschine im Rücken hat.

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Google News

Google News durchsucht 700 deutschsprachige Nachrichtenquellen und ordnet den gefundenen Artikeln Rubriken zu. Über Erfolg oder Misserfolg vieler Nachrichtenseiten entscheidet dann die Art und Weise, wie Google die gefundenen Nachrichten in der Rangliste sortiert. Denn nur auf die Nachricht, die möglichst weit oben angezeigt wird, klicken die Nutzer auch. „Wichtig ist dabei, wie neu die Nachricht ist, ob es sich um die Originalnachricht handelt und ob sie von einer vertrauenswürdigen Quelle stammt“, sagte Maile Ohye, Leiterin des Google Entwicklerprogramms, in einem Video (siehe unten). Dazu fließen weitere sogenannte Signale wie ein möglichst enger lokaler Bezug in die Bewertung ein. Google bemühe sich, die Originalquelle einer Nachricht zu finden und weit oben zu plazieren. Weiter oben in der Rangliste stehen auch vertrauenswürdige Quellen, die Google über das Klickverhalten seiner Nutzer identifiziert. „Wenn bei einer Auswahl von 5 Quellen sehr viele Nutzer auf den dritten Artikel klicken, ist dies offenbar eine Quelle, der viele Menschen vertrauen“, sagte Ohye. Entsprechend hoch wird die Quelle künftig in den Ranglisten einsortiert. Über die Funktion „Local“ können sich die Nutzer inzwischen auch Berichte von lokalen Quellen und über die Region aus dem Nachrichtenstrom herausfiltern lassen. Google streut Suchergebnisse aus seiner Nachrichtenseiten in die normale Suche sein, hat aber hier – anders als in Amerika – keine Werbung auf Google News. „Es gibt auch keinerlei Pläne, in Deutschland Werbung auf Google News zu schalten“, sagte ein Google-Sprecher.    

 

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3 Lesermeinungen

  1. Rudyguy
    Na endlich: Burda...

    Rudyguy
    Na endlich: Burda startet sein leistungsbezogenes „Anti-Google-Projekt“, die deutsche Regierung erlernt Mechanismen und Vorteile des amerikanischen Rechtswegs und Google erweist sich als flexibles globales Unternehmen. Die „Kulturflatrate“ ist damit tot; diese war auch keine Flatrate sondern eine neue versteckte Abgabe für Bürger. Anders gesagt: die deutsche Verlags- und Medienindustrie tritt auch ökonomisch in das Internetzeitalter ein.

  2. Glaub ich nicht dran....
    Glaub ich nicht dran. Nachrichten.de befeuert zwar die Hoffnung der Verleger-Patrioten, Google ein Schnippchen schlagen zu können. Aber die Nutzer werden ausbleiben – wie schon bei Google News, das hauptsächlich von Kommunikations-Profis genutzt wird.
    http://www.textberater.com/news/warum-nachrichten-de-scheitern-wird/

  3. Also ich lande unter diesem...
    Also ich lande unter diesem Link lediglich auf der Focus-Startseite?!

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