Home
Netzwirtschaft

Netzwirtschaft

Die Digitalisierung erfasst immer mehr Lebensbereiche. Wie sie sich auf Menschen und Märkte auswirkt, beleuchtet das Netzwirtschaft-Blog auf FAZ.NET.

Die Schrittmacher im Internet

| 38 Lesermeinungen

Facebook, Google und Twitter sind die wachstumsstärksten Internetseiten des Jahres 2009. Doch in ihren Windschatten sind schon neue Medienkonzepte wie Huffington Post, Examiner, Betawave oder Netshelter ins Rampenlicht gewachsen. Allerdings nur in Amerika. In Deutschland haben es keine Innovationen auf Spitzenplätze geschafft.

Dass Facebook, Google und Twitter in den Ranglisten der am schnellsten wachsenden Internetunternehmen oben stehen, ist am Ende des Jahres 2009 keine Überraschung. Die drei Unternehmen sind die Schrittmacher im Web: Facebook als führendes soziales Netzwerk, Google als Internet-Plattform und nicht mehr „nur“ Suchmaschine und Twitter als Erfinder des Echtzeit-Internet stehen maßgeblich für die großen Trends im Internet. 

Bild zu: Die Schrittmacher im Internet

Bild zu: Die Schrittmacher im Internet

Doch in ihren Windschatten zeigen sich in Amerika schon neue, spannende Web-Konzepte: Examiner, Demand Media, Betawave oder Netshelter sind junge Medien-Netzwerke, die offenbar gut funktionieren und in diesem Jahr ins Rampenlicht gewachsen sind. Schon dort angekommen sind das Blog Huffington Post, das auch nach der Präsidentschaftswahl in Amerika auf Wachstumskurs geblieben ist, und die Fernsehseite Hulu.com, die in diesem Jahr erstmals den Sprung in die Spitzengruppe geschafft hat. In Deutschland gibt es kaum neue Medienkonzepte, weil die Risikokapitalgeber hierzulande einen großen Bogen um das Web 2.0 machen und die klassischen Medien nur noch wenig Innovationsfreude zeigen. Einzig das importierte Frauennetzwerk Glam hat es unter die wachstumsstärksten Internetseiten in Deutschland geschafft, wie das Marktforschungsunternehmen Comscore für die FAZ errechnet hat

Gemeinsames Merkmal der schnell wachsenden Medienunternehmen: Sie setzen erfolgreich auf die grundlegende Eigenschaft des Internets, den Netzwerkeffekt. Während klassische Medien ihre Internetseiten meist nur mit Artikeln ihrer eigenen Redakteure bestücken, wenig vernetzen und hoffen, dass die Leser zu ihnen kommen, bündeln die neuen Anbieter viele verschiedene Inhaltequellen und setzen konsequent auf Verknüpfungen im Web, bringen also ihre Informationen zum Leser. 

Ein Beispiel für den Trend ist die Seite Examiner.com, die sich selbst als Insiderquelle für alles Lokale bezeichnet. Examiner fasst die Berichte von Hobby-Journalisten zusammen, die über ihr jeweiliges Fachgebiet schreiben. Erst im April 2008 an den Start gegangen, ist die Nachrichtenseite inzwischen in 162 amerikanischen Städten präsent und gerade nach Kanada expandiert. Das Unternehmen gehört zur Anschutz Company, einer Investmentgesellschaft aus Denver. Während viele traditionelle Regionalzeitungen in den Vereinigten Staaten aufgeben müssen, rücken Unternehmen wie Examiner konsequent in die entstehenden Lücken vor. In Deutschland gibt es neue lokale journalistische Angebote wie das Heddesheimblog des Journalisten Hardy Prothmann bisher nur als Einzelprojekte. Der Blogger Robert Basic will mit seinem neuen Projekt Buzzriders aber ebenfalls in diese Richtung.

Bild zu: Die Schrittmacher im Internet

Bild zu: Die Schrittmacher im Internet

Zu den schnell wachsenden Unternehmen gehören auch „Content-Farmen“ wie Demand Media oder Answers.com. Die Unternehmen haben das Geschäftsmodell, so viele Inhalte so billig wie möglich zu erstellen, oft Tausende Artikel oder Videos am Tag. Diese Inhalte sollen die Fragen beantworten, die in den Suchmaschinen gestellt werden. Qualität ist dabei weniger gefragt. Für das Modell hat Richard Rosenblatt, der Gründer und Vorstandsvorsitzende von Demand Media, schon 355 Millionen Dollar Risikokapital eingesammelt. „Die meisten Medienunternehmen bemühen sich, den Wert ihrer Online-Inhalte zu steigern, bis er die Produktionskosten erreicht. Aber Rosenblatt denkt genau umgekehrt: Das Geheimnis liegt in der Senkung der Produktionskosten, bis sie den Marktwert erreicht haben“, beschreibt Daniel Roth im Magazin „Wired“ das Prinzip. Rosenblatt will den Kostenfaktor aber nicht überbewerten: „Uns geht es um ein nachhaltiges Medienmodell, eine Maschine für das zu bauen, was die Welt wissen will“, sagte Rosenblatt. 

Auch der neue AOL-Chef Tim Armstrong setzt auf die Massenproduktion von Inhalten, vor allem in lokalen Umfeldern. Deren Produktion sei zwar teuer, aber die Entwicklung noch lange nicht abgeschlossen. „Skaleneffekte können die Produktion der Inhalte ökonomischer machen. Wenn man das Geschäft mit lokalen Inhalten im Internet von Grund auf neu startet, sehen wir gute Chancen. Wir rollen dafür die Plattform Patch.com in den Vereinigten Staaten in vielen Städten aus. Den gleichen Plan verfolgen wir auch in Europa“, sagte Armstrong, dessen Unternehmen allerdings schon lange nicht mehr zu den Wachstumsunternehmen zählt. Im November ist die Reichweite von AOL in den Vereinigten Staaten unter die Marke von 100 Millionen Nutzern gefallen. Anfang des Jahres waren es noch fast 110 Millionen Nutzer. 

Zu den schnell wachsenden Medienseiten gehört auch Betawave, ein Netzwerk, das sich auf Jugendliche und Mütter als Zielgruppen spezialisiert hat. Betawave will den Werbekunden keine Klicks verkaufen, sondern Aufmerksamkeit der Kunden. Das Unternehmen zog erstmals die Aufmerksamkeit auf sich, als Matt Freeman, damals Chef der großen Werbeagentur Tribal DDB Worldwide, zu Betawave wechselte. „Die Werbekunden fragen immer, warum zahle ich für Reichweite, wenn ich doch die Aufmerksamkeit der Menschen möchte“, sagte Freeman damals. Betawave berechnet die Werbeleistung in Verweildauer und dem Ausmaß der Interaktion mit der Marke. Das Unternehmen erreicht nach eigenen Angaben inzwischen 32 Millionen Menschen, vor allem in den Vereinigten Staaten. Einen zweistelligen Millionenbetrag haben die Risikokapitalgeber inzwischen in Betawave investiert. Zu den Aufsteigern gehört auch Netshelter. Das Netzwerk verbindet 150 Medien, die sich auf die Berichterstattung zum Thema Technologie spezialisiert haben, und hat seine Reichweite in den Vereinigten Staaten in diesem Jahr um 60 Prozent erhöht. In aller Welt hat Netshelter im Oktober die Marke von 100 Millionen Nutzern übersprungen, was bisher nur wenigen Internetunternehmen gelungen ist. 

Die Internetseite mit dem größten, in Millionen Nutzer gemessenen Zuwachs ist 2009 abermals Facebook. Zwischen Januar und November legte die Reichweite des sozialen Netzwerkes in den Vereinigten Staaten um 45 Millionen oder 80 Prozent auf 102 Millionen Nutzer zu. In Deutschland gehört Facebook mit einem Zuwachs von 6,2 Millionen Nutzern oder 199 Prozent ebenfalls zur Spitzengruppe. In den Vereinigten Staaten hatte Facebook schon 2008 die Wachstumsrangliste angeführt und Google/Youtube abgelöst, den Sieger der Jahre 2006 und 2007. Google hat es 2009 immerhin auf Rang zwei geschafft. Den drittgrößten Sprung (in absoluten Zuwächsen) und den prozentual stärksten Zuwachs hat aber Twitter geschafft, obwohl die Dynamik im zweiten Halbjahr nachgelassen hat. Haben in diesem Jahr die Medienseiten das Wachstum im Internet getrieben, wird in den kommenden Jahren wahrscheinlich das mobile Internet diese Schrittmacherrolle übernehmen. Kurznachrichten auf Twitter werden bald die Zusatzinformation enthalten, wo ein Tweet geschrieben wurde. Google wird seine Dienste wie die Kartendienste Maps und Street View, die visuelle Suche Goggles und sein Handy-Betriebssystem Android miteinander verknüpfen, wofür der amerikanische Medienprofessor Jeff Jarvis gleich den Begriff der Google Synchronicity erfand. Apple hat mit dem iPhone in diesem Wachstumsmarkt ebenfalls eine starke Präsenz. Um in diesem Wettbewerb keine Zeit zu verlieren, werden sicher viele Übernahmen zu beobachten sein. Twitters Kauf des Geo-Dienstes Mixer Labs geht ebenso in diese Richtung wie Googles Interesse an Yelp.

 

_________________________________________________________________________________________

Tägliche Infos zur Netzökonomie:

Bild zu: Die Schrittmacher im Internet Twitter.com/HolgerSchmidt (Web / Media / Social Media) 
 Twitter.com/netzoekonom (Mobile / Telco) 

Bild zu: Die Schrittmacher im Internet Holger Schmidt (Page) 
 Netzökonom (Page)
 

Bild zu: Die Schrittmacher im Internet Holger Schmidt (Profil)

 HolgerSchmidt (Präsentationen) Bild zu: Die Schrittmacher im Internet

 

0

38 Lesermeinungen

  1. Hallo,

    erstaunlich, dass Axel...
    Hallo,
    erstaunlich, dass Axel Springer und Hubert Burda Media beide in den Top 10 zu finden sind. Anstatt sich bei derartigen Zuwachsraten noch zu beschweren, sollte man wie schon im Artikel angedacht versuchen, durch Integration von usergenerierten Inhalten Kosten zu sparen.
    Newsseiten haben in 2009 sämtliche Möglichkeiten ausgereizt, um ihre Inhalte prominent präsentieren zu können. Da Google und Co. wahrscheinlich nicht zu weiteren Zugeständnissen bereit sind und sich bezahlte Inhalte nicht rechnen werden, werden die Zuwachsraten bekannter Newsseiten ohne eine Öffnung für den User bei gleichbleibenden Kosten wahrscheinlich sinken.
    Community basierte, Content produzierende Angebote sind die großen Gewinner des Jahres. Sich zumindest ansatzweise an deren Geschäftsmodell zu orientieren ist sicher nicht der schlechteste Weg…
    Grüße
    Gretus

  2. Interessanter Artikel über...
    Interessanter Artikel über die Geschehnisse des letzten Jahres.
    Doch welche Plattformen/Ereignisse in diesem Bereich erwarten uns im Jahr 2010 in Deutschland/in deutscher Sprache ?

  3. Angesichts der Zuwächse bei...
    Angesichts der Zuwächse bei sozialen Netzwerken wächst auch die Gefahr von Datenmissbrauch und Datenunsicherheit. Können wir mehr tun als zu hoffen nach dem Höllderlin-Prinzip: „Dort, wo Gefahr wächst, wächst das Rettende auch“?

  4. Danke für die informativen...
    Danke für die informativen Statistiken!

  5. Welche gesellschaftliche...
    Welche gesellschaftliche Bedeutung hat der Vormarsch von 2.0, bzw. der eher „konservative“ Vormarsch in Deutschland? Welches sind neue Formen von e-participation gibt es in Deutschland? Bisher sind mir nur wenige Beispiele bekannt wie abgeordnetenwatch.de in Deutschland, fillthathole in GB und senatoronline in Australien..

  6. Solche Tabellen sind immer...
    Solche Tabellen sind immer schön anzusehen und vor allem dann wenn man Plattformen findet die man selber als Verbraucher viel verwendet. Doch schaut man die Werte etwas genau an, dann merkt man schnell welche ausländischen Firmen am Internet-Markt dominieren. Klar ist der englischsprachige Markt größer, dass ist Fakt. Dennoch finde ich es immer wieder schade das es kaum große Projekte und Plattformen gibt die aus dem alten Europa kommen und in den Top20 dabei sind. Ich denke gerade europaische Länder die starkt im Internet vertreten sind, sollten schnell in den Markt eingreifen….
    Paul

  7. @Tobischen:
    Es gibt mit...

    @Tobischen:
    Es gibt mit http://www.unserort.de jetzt schon ein deutschlandweites Portal für lokale Nachrichten, Diskussionen und Meinungsaustausch. Bürger können auch selbst Beiträge einstellen und Kommentare einfügen. Alle Informationen werden dann für jede Region getrennt in einzelnen Ortsportalen bereitgestellt.
    Ich finde die Idee prima!

  8. ich finde es doch sehr...
    ich finde es doch sehr verwunderlich das sich Seiten wie Axel Springer unter den Top 10 ansiedeln und Seiten wie yahoo völlig unbemerkt bleiben.

  9. Hallo,

    ich finde es...
    Hallo,
    ich finde es erstaunlich, dass der Holtzbrinckverlag mit seinen vz-Netzwerken nicht in den Top10 aufgeführt ist. Immerhin sollen das ja die Seiten mit den meisten Unique Visitors in Deutschland sein.
    Gruß
    Harald

  10. Mmmh...von 7 der 10...
    Mmmh…von 7 der 10 zuwachsstärksten US-Seiten habe ich noch nie etwas gehört; erstaunlich sind in Deutschland jedenfalls die Erfolge der Gaming-Seiten.

Kommentare sind deaktiviert.