Home
Netzwirtschaft

Netzwirtschaft

Die Digitalisierung erfasst immer mehr Lebensbereiche. Wie sie sich auf Menschen und Märkte auswirkt, beleuchtet das Netzwirtschaft-Blog auf FAZ.NET.

„Die Ökonomie der Inhalte“ – wie die Inhaltefabrik Demand Media arbeitet

| 1 Lesermeinung

10.000 Menschen produzieren für Demand Media Inhalte wie am Fließband – 5000 Artikel oder Videos am Tag. Zuvor wird mit wissenschaftlichen Methoden errechnet, was die Menschen lesen oder sehen wollen und ob es genügend Werbung dafür gibt. Bald kommt die Inhaltefabrik nach Deutschland. Das Ziel: eine globale Inhalteplattform.

Bild zu: „Die Ökonomie der Inhalte“ - wie die Inhaltefabrik Demand Media arbeitetEs klingt nach Taylorismus im Journalismus: „Demand Media liefert Inhalte, für die Nachfrage besteht. Wir verstehen die Ökonomie der Inhalte, haben unsere Kosten unter Kontrolle, um profitabel zu sein. Wir wissen, wenn wir zu stark in ein Themenfeld investieren, das nicht genügend Return bringt“, sagt Shawn Colo (Foto), Mitgründer des amerikanischen Unternehmens Demand Media.

Demand Media produziert, was Menschen auf Google suchen – und nicht finden. 10.000 freie Autoren, Filmemacher und Rechercheure fertigen jeden Tag 5000 Artikel oder Videos an, stellen sie ins Internet und hoffen, dass Google die Produkte am nächsten Tag anzeigt. Die Hoffnung ist berechtigt: Rund 100 Millionen Besucher im Monat lockt die Inhaltefabrik mit dieser Methode auf ihre Seiten. 

Auch eine Verteilung der Inhalte außerhalb des Netzwerkes ist ein großes Thema in den kommenden Jahren. „In dem Modell produzieren wir Inhalte für Partner. Wir sind zum Beispiel einer der größten Produzenten von Videos auf Youtube. Das generiert Umsatz für uns und für Youtube. Das Modell können wir wiederholen – nicht nur für Videos. Es wird es einige Ankündigungen in den kommenden Wochen geben“, sagt Colo. Damit meint er auch Gespräche mit großen amerikanischen Verlagshäusern wie der New York Times, die überlegen, Inhalte von Demand Media einzukaufen. 

Produziert wird nur, was sich erfolgreich vermarkten lässt. „Ausgangspunkt ist immer die Frage, nach welchen Informationen die Menschen auf Google suchen. Mit wissenschaftlichen Methoden analysieren wir dann, ob die Werbekunden auch bereit sind, Werbung im dem Umfeld zu schalten. Daraus errechnen wir den Return-on-Investment der Produktion des Inhaltes“, sagt Colo. Als dritte Stufe folgt noch die Konkurrenzanalyse: Wenn der Suchbegriff schon auf vielen anderen Seiten vorkommt, macht es wenig Sinn, einen weiteren Suchtreffer auf Platz 65 in der Google-Rangliste zu produzieren. „Es ist für jeden Inhalteproduzenten entscheidend, dass ihre Inhalte gefunden werden. Im Internet ist die Suche entscheidend. Immer wichtiger werden allerdings auch soziale Medien, auf die Menschen die Inhalte ihren Freunden empfehlen“. 

Als Erfinder dieser wissenschaftlichen Methode gilt Byron Reese, der den Titel des „Chief Innovation Officers“ bei Demand Media trägt. 550 Mitarbeiter, in der Mehrheit Softwareingenieure, entwickeln den komplexen Inhalte-Algorithmus stetig weiter. Im Gegensatz zu klassischen Medienunternehmen analysiert Demand Media also ganz genau, was die Nutzer lesen oder sehen wollen, bevor der Artikel oder das Video produziert wird. Dennoch: „Wir sind auch ein Medienunternehmen. Wir produzieren Inhalte, wir verteilen sie und wir monetarisieren sie“, sagt Colo.

Für die Verteilung hat das Unternehmen eine Reihe von Konsumentenmarken im Netz wie eHow, einer Seite für Heimwerker, oder Livestrong.com, einer Seite für Gesundheit und Wellness, die zusammen mit dem Radrennfahrer Lance Armstrong betrieben wird. Auch die Golf-Gemeinschaft Golflink.com oder Trails.com, ein Angebot für Outdoor-Reisen in Nordamerika, gehört zum Portfolio von Demand Media. Immer mehr Seiten kommen dazu, die von Demand Media aufgekauft und „car-washed“ werden, wie es im Unternehmen heißt. Das bedeutet, dass die Seite perfekt auf die Bedürfnisse von Google optimiert wird, damit die Inhalte möglichst gut von der Suchmaschine gefunden werden. 

Den Vorwurf, dass Demand Media haufenweise Billiginhalte von Billigkräften ins Netz kippt, lässt Colo nicht gelten. „Wir haben unseren Produktionsprozess nur sehr effizient organisiert. Jeder Autor hat ein Spezialgebiet, auf dem er sehr effizient ist. Wir haben Leute dabei, die schon für die New York Times oder USA Today geschrieben haben. Die meisten nutzen den Verdienst als Zusatz zu anderen Einkommen. Mitarbeiter können bis zu 30.000 oder 40.000 Dollar im Jahr verdienen“, sagt Colo. Die Mitarbeiter können selbst bestimmen, wie viel sie arbeiten wollen. In dem „Demand Studios“ hängen Listen mit Inhalten aus – dahinter gleich das wissenschaftliche ausgerechnete Honorar, das dafür gezahlt wird. Dafür müssen die Autoren alle Rechte an den Inhalten an Demand Media abgeben.

Den Vorwurf der Billiginhalte lässt er nicht gelten. „Wir produzieren, was die Nutzer wollen. Am Ende des Tages muss man in der Lage sein, die Fragen der Menschen zu beantworten, gute Hintergründe zu liefern. Wenn wir diese Nachfrage nicht befriedigen, haben wir ein Problem. Aber unsere Werbekunden sind zufrieden mit dem Ausmaß an Engagement, das die 100 Millionen Nutzer auf unseren Seiten zeigen. Wir machen also einen guten Job“, sagt Colo. Die Geschäftszahlen geben ihn Recht. „Unser Umsatz ist ein dreistelliger Millionenbetrag. Wir sind sehr profitabel“. Die Einnahmen kommen vorwiegend aus der Online-Werbung. „Dazu kommen einige Abo-Modelle und Social-Media-Software für Dritte“, sagt Colo. 350 Millionen Dollar Risikokapital sind schon in das Unternehmen geflossen; ein Börsengang gilt als wahrscheinlich. 

Während klassische Medienunternehmen versuchen, den Marktpreis ihrer Beiträge im Internet auf die Produktionskosten zu heben, geht Demand Media den umgekehrten Weg, die Produktionskosten zu senken, bis sie dem Marktpreis entsprechen. Viele Parallelen zu klassischen Medienunternehmen sieht Colo ohnehin nicht. „Wir machen keine Nachrichten; unsere Inhalte sind zeitlos“, sagt Colo. „Wir versuchen zwar, die Prozesse der traditionellen Medienunternehmen, Inhalte zu produzieren, zu kopieren – aber effizienter zu sein. Unser Modell ist skalierbar – nur so können wir das Wachstumstempo hoch halten“. 

Was das bedeutet, wird noch in diesem Jahr in Deutschland zu sehen sein. „Wir haben unsere Handwerkerplattform eHow schon in Großbritannien an den Start gebracht und werden dies auch in Deutschland tun, später im Jahr. Der Markt ist bereit für diese Art der Erfahrung“, sagt Colo. Immer mehr Seiten, immer mehr Länder, lautet die einfach klingende Strategie. „Wir wollen eine globale Inhalteplattform aufbauen“. Ob Demand Media in Deutschland Seiten kauft oder neue Angebote ins Netz stellen will, sei noch nicht entschieden. „Wir sehen auch viele Möglichkeiten, mit Partnern zusammen zu arbeiten“. Das umfasst auch die Produktion lokaler Inhalte in Deutschand, in Zusammenarbeit mit lokalen freien Kräften.

Link: Wired: The Answers Factory

Foto: Holger Schmidt

 

_________________________________________________________________________________________

Bild zu: „Die Ökonomie der Inhalte“ - wie die Inhaltefabrik Demand Media arbeitetTägliche Infos zur Netzökonomie 
unter twitter.com/HolgerSchmidt (Web / Media / Social Media)
und twitter.com/netzoekonom (Mobile / Telco)
Tweetranking-Profil: http://tweetranking.com/holgerschmidt 

 

 

0

1 Lesermeinung

  1. interessanter Artikel....
    interessanter Artikel. inwieweit die seiten einen mehrwert für den user bringen sei dahin gestellt und bleibt abzuwarten.
    dass google mehrwertlose seiten mal eben aus dem index kickt, hat man schön an suche.chip.de gesehen. mehrwertloses gespamme bei google und co ist meist nur temporär.

Kommentare sind deaktiviert.