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Die Digitalisierung erfasst immer mehr Lebensbereiche. Wie sie sich auf Menschen und Märkte auswirkt, beleuchtet das Netzwirtschaft-Blog auf FAZ.NET.

Der menschliche Algorithmus – wie Relevanz im Social Web gemessen wird

| 7 Lesermeinungen

Auf Twitter und Facebook werden täglich mehr als 100 Millionen Tweets oder Statusmeldungen produziert. Aus dieser Masse die wichtigen Informationen herauszufiltern ist eine Herkulesaufgabe. Nun ist ein Wettlauf um die Relevanz im sozialen Internet entbrannt.

Auf Twitter werden 55 Millionen Kurznachrichten produziert – am Tag. Auf Facebook sind es sogar mehr als 60 Millionen Statusmeldungen. Dazu kommen noch Blogbeiträge und Hunderttausende Videos, die von den mehr als eine Milliarde Internetnutzern in aller Welt jeden Tag ins Netz gestellt werden. Die Flut der von den Nutzern erzeugten Inhalte wird täglich größer – und damit das Problem, die wirklich relevanten Inhalte zu finden. An dem Problem hat sich sogar Google bisher die Zähne ausgebissen. „Das Sortieren der Inhalte aus den sozialen Medien ist eine unserer größten Herausforderungen”, sagte Google-Chef Eric Schmidt.

Konkret geht es darum, die Relevanz dieser Inhalte zu messen, zu bewerten und in eine Reihenfolge zu bringen. Relevanz ist dabei meist persönlich zu nehmen: Welcher Inhalt für einen Nutzer wichtig ist, hängt von Faktoren wie seinen Interessen, der Zeit und seinem Aufenthaltsort ab. Beispiel Twitter: Der Kurznachrichtendienst liefert wie keine andere Internetseite Informationen in Echtzeit. Etwa jeder fünfte Tweet enthält einen Link auf einen Medieninhalt. Wer aber nur wissen möchte, welche Rockband gerade im Park nebenan ein Konzert gibt, wird ebenfalls fündig. Dafür genügt es meist, den Namen des Parks in die Twitter-Suche einzugeben. Der Name der Band wird mit einiger Sicherheit in den angezeigten Tweets der Konzertbesucher erscheinen. Diese Information ist in diesem Fall relevant (beantwortet also die Frage des Nutzers), weil sie in Echtzeit kommt, was in großem Stil nur im Social Web zustande kommen kann.

In diesem Beispiel war es leicht, Relevanz über den Ort zu generieren. Aber gerade auf Twitter mit seinen 55 Millionen Tweets am Tag ist das Herausfiltern relevanter Inhalte eine große Herausforderung, an der viele Unternehmen arbeiten. Auch Twitter selbst. Das Unternehmen hat den Dienst @TopTweets entwickelt. „Top Tweets ist ein neuer Algorithmus, der Tweets identifiziert, die das Interesse unserer Nutzer gefunden haben”, sagte der Twitter-Chefwissenschaftler Adbur Chowdhury dem Informationsdienst Search Engine Land. „Der Algorithmus schaut auf alle Arten von menschlichen Interaktionen mit Tweets wie das Retweeten oder als Favorit markieren, um die Tweets mit der größten nicht erwartbaren Geschwindigkeit zu identifizieren”, sagte Chowdhury.

Der Punkt ist die Formulierung „nicht erwartbare Geschwindigkeit”. Denn jeder Twitterer erzeugt ein erwartbares Niveau an Aufmerksamkeit. Ashton Kutcher (@aplusk) mit rund 5 Millionen Followern oder Sascha Lobo (@saschalobo) in Deutschland mit mehr als 35000 Followern generieren sicher stetig Resonanz auf ihre Tweets, aber es sollen eben nicht nur die Tweets der Promis auf @TopTweets auftauchen. „Wir wollen Tweets von allen Nutzern herausheben und nicht die Twitterer mit vielen Followern bevorzugen”, sagte Chowdbury. Noch scheint @TopTweets aber nicht die wirklich relevanten Ergebnisse zu liefern, denn der Account hat bisher nur rund 50.000 Follower.

Auch Google versucht sich daran, in seiner Echtzeitsuche möglichst relevante Ergebnisse zu liefern. Dort werden Echtzeitinformationen von Twitter, Facebook, MySpace, Friendfeed und weitere Web-Inhalte erfasst und nach Relevanz sortiert. Die Relevanz wird ebenfalls anhand des Beziehungsgeflechts auf Twitter ermittelt. Nach Angaben von Marissa Mayer, die bei Google für Suchprodukte und Nutzererfahrung verantwortlich ist, berücksichtigt der Sortieralgorithmus unter anderem, wie häufig ein Tweet weitergeleitet oder beantwortet wurde und wie viele hochqualifizierte/populäre Follower ein Nutzer hat.

Google hat dazu das PageRank-System, das den Ursprung seiner Suchmaschine darstellt, auf Twitter angewendet. PageRank bedeutet, dass die Zahl der Links, die auf eine Seite verweisen, entscheidend für die Reputation einer Seite ist. Je mehr Links die verlinkenden Seiten selber zuvor erhalten haben, desto höher ist der Reputationseffekt. Übertragen auf Twitter bedeutet das PageRank-Prinzip, dass das Folgen eines Twitterers wie ein Link bewertet wird. „Beides sind Formen von Empfehlungen”, sagte Amit Singhal, der für die Echtzeitsuche zuständige Softwareingenieur bei Google, der Fachzeitschrift „Technology Review”. Haben die Follower eines Twitterers selber viele Follower, erhält dieser Twitterer eine hohe Reputation im Google-System – unabhängig davon, wie viele Follower er tatsächlich hat. „Das ist definitiv mehr als ein Popularitätswettbewerb”, sagte Singhal. Tweets dieser Menschen mit hoher Reputation werden dann bevorzugt in die Google-Echtzeitsuche integriert. „In den Augen von Google kreiert die Anwendung des PageRank für Social Media einen menschlichen Algorithmus oder PeopleRank, der als Messgröße für die Autorität eines Menschen im Social Web dient”, sagte Brian Solis von der Medienagentur Futureworks.

Neben Google und anderen Suchmaschinen versuchen auch viele Start-Ups, Ordnung und Autorität in die sozialen Medien zu bringen. So zum Beispiel das Unternehmen My6sense, das die Inhalte filtert, die ein Nutzer verbreitet oder liest. Nach und nach soll die Anwendung dabei lernen, welche Inhalte den Nutzer besonders interessieren. Noch steckt das System aber in den Anfängen; am Markt hat es sich noch nicht durchgesetzt.

Auch Risikokapitalgeber suchen nach einer Lösung für das Problem. Jüngster Hoffnungsträger ist das junge kalifornische Unternehmen Klout.com, das gerade immerhin 1,5 Millionen Dollar von Investoren zur Verfügung gestellt bekommen hat. Mit Hilfe von Ranking-Algorithmen und semantischen Verfahren versucht das Unternehmen, einflussreiche Menschen auf Twitter zu identifizieren und wer von wem beeinflusst wird. Das Ergebnis ist der „Klout Score”, der als Wert zwischen 1 und 100 den Maßstab für den Einfluss auf Twitter anzeigen soll. Klarer Spitzenreiter in der Liste der 100 einflussreichsten Twitterer in Deutschland ist nach den Berechnungen von Klout der Twitter-Account @smashingmag mit einem Score-Wert von 81, gefolgt von @frauenfuss (73), @HerrTutorial (73), @Piratenpartei und @DerWesten (66). Die Twitterer haben allerdings wenig gemeinsam: Hinter Smashingmag verbirgt sich der Chefredakteur eines Designmagazins, Frauenfuss ist eine Künstlerin, die ihre Follower malt, HerrTutorial twittert vornehmlich über Videos, während die Piratenpartei über Netzpolitik und DerWesten als Nachrichtenmedium agiert. Das Problem, Relevanz nach Themen zu ordnen, löst auch Klout nicht.

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Doch ob Echtzeit schon die Königsdisziplin im Internet bedeutet, ist umstritten. „Das ,Right-Time-Internet‘ bringt in einigen Fällen mehr Wert als das ,Echtzeit-Web‘. Echtzeitdaten sind nur interessant, wenn ich aktuell nach Informationen schaue. Es gibt aber keinen Dienst heute, der die Informationen liefert, wenn man sie wirklich braucht. Wenn Ihre Firma das kann – ich bringe mein Scheckbuch mit”, sagte der amerikanische Risikokapitalgeber David Pakman jüngst auf der Twitter-Entwicklerkonferenz Chirp.

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7 Lesermeinungen

  1. Bin gespannt wie das gelöst...
    Bin gespannt wie das gelöst wird. Hier müsste Google eigentlich führend sein.

  2. es wird auf keinen fall...
    es wird auf keinen fall technik mit technik gelöst werden sondern nur mensch-technik

  3. Wie schön. Ich glaube wir...
    Wie schön. Ich glaube wir können anhand unseres Twitter Accounts sehr eindrucksvoll den Zusammenhang zwischen Relevanz und PageRank widerlegen. Oder vielleicht doch beweisen?

  4. Ganz einfach: Die "Relevanz"...
    Ganz einfach: Die “Relevanz” der Inhalte bei Twitter oder Facebook ist Null.

  5. Im Kern geht es doch um einen...
    Im Kern geht es doch um einen Paradigmen-Wechsel: von der Bücherei zum Dorf

  6. Sehr geehrte Damen und...
    Sehr geehrte Damen und Herren,
    im Rahmen eines Master-Projektseminars der Universität Kassel untersuchen wir das Nutzerverhalten und die Bedürfnisse bezogen auf mobile Dienste für die Generation 50plus. Aus diesem Grund möchten wir Sie bitten an der Umfrage teilzunehmen, wenn Sie zu dieser Generation gehören. Ihre Daten werden selbstverständlich streng vertraulich behandelt und dienen nur dem Zwecke dieser Umfrage.
    Zur Beantwortung dieser Umfrage und für weitere Informationen folgen Sie bitte diesem Link https://www.soscisurvey.de/cis2010?r=von_FAZ
    Es handelt sich dabei um eine Onlinebefragung, an der Sie mit Beantwortung der Fragen automatisch teilnehmen.
    Wir bedanken uns für Ihre Unterstützung!
    Mit freundlichen Grüßen
    Andrea Höschler, Anna Kotenko, Jens Möller und Sarah Oeste
    Kontakt:
    Anna Kotenko: anna.kotenko@wi-kassel.de
    Andrea Höschler: andrea.hoeschler@wi-kassel.de
    Sarah Oeste: sarah.oeste@wi-kassel.de
    Jens Möller: moeller@wi-kassel.de

  7. Google ist spät dran, hätte...
    Google ist spät dran, hätte man schon deutlich früher haben können:
    http://www.prudsys.de/Service/Downloads/files/DMC2007_tuerling_shsviveon.pdf
    Ab Seite 12 eine Darstellung zum Ansatz, wie ein Social Rank zur Relevanzbestimmung in Social Media berechenbar ist

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