Netzwirtschaft

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Flipboard: Das Social-Media-Magazin der nächsten Generation

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Flipboard ist eine spannende iPad-App, die Social-Media-Inhalte als Magazin aufbereitet. Das Spannende ist aber unter der Motorhaube: Die Algorithmen, die Inhalte nach relevanz sortieren.

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Die Schönheit und Einfachheit des gedruckten Magazins mit der Kraft von Social Media verbinden. Mit diesem Ziel hat das kalifornische Unternehmen Flipboard eine interessante iPad-App entwickelt, die gerade im Web für Schlagzeilen sorgt. Das Neue an Flipboard: In einer magazinähnlichen Aufmachung werden nicht Links gezeigt, sondern die Fotos, Videos oder Texte, auf die Links verweisen. Die Nutzer sehen also keine chronologisch sortierten Linklisten wie auf Twitter, sondern gleich die schön aufbereiteten Inhalte. Das eigentlich Spannende daran sind aber die im Hintergrund arbeitenden semantischen Verfahren, die Inhalte nach persönlicher Relevanz sortieren.

„Mit mehr als 1 Milliarde Nachrichten, die jeden Tag verbreitet werden, haben sich soziale Netzwerke schnell als primärer Weg zum Entdecken und Verteilen von Inhalten im Internet etabliert. Allerdings müssen sich die Menschen durch eine Flut eingehender Nachrichten und Links auf verschiedenen Websites durcharbeiten, um auf dem Laufenden zu bleiben. Die zeitlosen Prinzipien des Gedruckten können soziale Medien weniger laut und der Allgemeinheit besser zugänglich machen“, sagte Mike McCue, der CEO von Flipboard, zur Kombination von Social Media und einem Magazin.

Die Inhalte können aus drei Quellen kommen: Aus den Posts der Freunde auf Facebook oder Twitter, deren Inhalte in Echtzeit auf dem iPad gezeigt werden. Stellt also ein Freund ein neues Urlaubvideo auf Facebook ein, erscheint das Video zeitgleich auch in der App. Das gilt auch für aufgelöste getwitterte Links. Flipboard importiert einige Absätze und Fotos, leitet zum Lesen des ganzen Artikels aber auf die Originalquelle weiter. Konflikte mit den Betreibern der Inhalteseiten sind wohl zu erwarten. „Für die Anbieter dieser Inhalte im Internet sind allerdings Fragen des Urheberrechts und des Leistungsrechtsschutzes zu klären“, heißt es beim Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger. Flipboard leite die Nutzer auch auf Inhalte von Online-Zeitungen weiter, was für diese durchaus positiv sei. „Auf alle Fälle wird damit die Herausforderung an die Verlage, Qualitätsinhalte zu produzieren und zu verkaufen und zwar gedruckt, online und mobil nicht geringer“, sagte eine Sprecherin des Verbandes.

Bei der Menge des angezeigten Inhalts orientiert sich Flipboard  nach Angaben von McCue am Umfang des RSS-Feeds des Mediums: Wenn ein Medium in seinem RSS-Feed nur eine oder zwei Zeilen transportiert, werden auch nur diese Zeilen angezeigt. Wer den ganzen Text lesen will, muss auf die Website des Inhalteproduzenten wechseln. Die Seite hat Flipboard bereits zwischengespeichert, um eine schnelle Anzeige zu ermöglichen. Wer aber den Volltext per RSS-Feed ausgibt, von dessen Inhalt zeigt Flipboard dann mehrere Absätze an, um einen besseren Eindruck vom Text zu ermöglichen. Den Volltext gibt es auch nur auf der Website des Anbieters.

 

Interview von Robert Scoble mit dem Flipboard-Gründer Mark McCue:

Die Nutzer können sich auch Kategorien einrichten, in denen es sich um Themen oder Personen drehen kann. Flipboard schlägt Kategorien vor, deren Inhalte von einer Redaktion ausgewählt werden. Dazu hat die Redaktion Twitter-Listen erstellt, die bekannte Quellen (Zeitungen, Zeitschriften, Magazine) aggregiert und deren Inhalte anzeigt. Zudem können die Nutzer neue Kategorien einrichten, indem sie nach Themen oder Personen suchen. Allerdings sind die Personalisierungsmöglichkeiten noch nicht bis zum Ende ausgereift. Auch lassen sich die Inhalte in der aktuellen Version nur lesen, wenn eine Internetverbindung besteht. In einer künftigen Version ist daher auch ein Offline-Modus vorgesehen.

Um relevante Inhalte herauszufiltern, hat Flipboard das Start-up Ellerdale übernommen, das eine semantische Suchmaschine entwickelt hat. Ellerdale gehört zu den „Firehouse“-Partnern von Twitter, bekommt also wie Google oder Bing alle Tweets übermittelt. Ellerdale versucht, aus den Tweets nicht nur Schlagworte oder Personen herauszufiltern, sondern Themen mit Hilfe semantischer Verfahren zu identifizieren. Wie gut das gelingt, kann auf trends.ellerdale.com besichtigt werden. Die Suchergebnisse werden weit besser aufbereitet als von Twitter selber. Zudem werden Suchergebnisse von Wikipedia, RSS-Feeds und aus dem Web berücksichtigt.

Flipboard könnte das Problem lösen, von Freunden empfohlene Inhalte lesegerecht aufzubereiten, ohne jeden Link anklicken zu müssen. Mit Vorsicht hat sich Flipboard auch daran gewagt, die Inhalte zu sortieren. „Die Zahl der Retweets eines Inhaltes ist ein zentrales Kriterium für die Relevanz. Auch das Ausmaß der Interaktion ist ein Relevanzkriterium“, sagte McCue. Allerdings basiere der Algorithmus in diesem frühen Stadium noch vorwiegend auf der Zeit. Um die Relevanz zu erhöhen, kann sich Flipboard Kooperationen mit Unternehmen wie Skygrid und Klout vorstellen, die ebenfalls Algorithmen zur Messung der Relevanz der Social-Media-Inhalte entwickelt haben. „Wir müssen Rankingalgorithmen entwickeln, um die Inhalt im Social Web leichter verdaulich zu machen“, sagte McCue. 

Als Geschäftsmodelle setzt Flipboard auf Werbung und Abo-Modelle. Beim Werbemodell scheint der Streit mit den Inhalteanbietern vorhersehbar zu sein, denn Flipboard will Werbung um die Inhalte anderer Unternehmen herum plazieren. McCue setzt aber auch auf Bezahlinhalte. „Wir können uns vorstellen, dass die Inhalteproduzenten ein Interesse haben, wenn ihre Artikel angezeigt werden. Und die Nutzer könnten dann zum Beispiel 1 Dollar je Monat an die Inhaltelieferanten ihrer Wahl zahlen“, sagte McCue. Modelle wie Flipboard könnten die Pläne der Verlage durchkreuzen, ihre elektronischen Produkte per Abo auf dem iPad zu monetarisieren. Statt ganzer Produktbündel aus einem Verlag suchen sich die Flipboard-Nutzer nur einzelne, von ihren Freunden empfohlene Texte aus. Die Verlage müssten dann Modelle entwickeln, einzelne Artikel zu vermarkten und endgültig Abschied nehmen vom heute vorherrschenden Modell, Bündel zu schnüren. 

Noch gibt es Flipboard nur für das iPad. Bald sollen auch Versionen für Smartphones kommen, allen voran für das iPhone. McCue outete sich als Apple-Fan. Alle anderen Hersteller seien weit zurück im Vergleich zu Apple. 

Fazit: Sehr coole App., die die Schönheit eines Magazins mit den Vorteilen eines persönlichen Newsaggregators verknüpft. Social Media für den Massenmarkt. Und endlich ein echter Grund, ein iPad zu kaufen.

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Link: Der menschliche Algorithmus – wie Relevanz im Social Web gemessen wird.

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Weitere Infos zur Netzökonomie:

Bild zu: Flipboard: Das Social-Media-Magazin der nächsten Generation Twitter.com/HolgerSchmidt (Web / Media / Social Media) 
 Twitter.com/netzoekonom (Mobile / Telco) 

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 Netzökonom (Page)
 

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2 Lesermeinungen

  1. Das Flipboad ist ein sehr...
    Das Flipboad ist ein sehr interessanter Ansatz um „Ordnung“ in die aus der Sicht des Nutzers verwirrende Angebotsvielfalt des Internets zu bringen –> Selektion auf Basis eines Algorithmus .
    Nach wie vor steht allerdings das zentrale Problem im Raum –> Angebotsfinanzierung in Verbindung mit dem Streit um die Nutzung von Inhalten und deren (journalistsicher) Erstellung.
    Viele Grüße

  2. Immerhin, da steckt Hirn drin....
    Immerhin, da steckt Hirn drin. Es wurde ja verschiedentlich schon angemahnt, es müsse neue visuelle Formate geben. Nur… IPod ist nicht Internet. IPod ist ein walled garden. Von daher, hm…

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