Netzwirtschaft

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Die Digitalisierung erfasst immer mehr Lebensbereiche. Wie sie sich auf Menschen und Märkte auswirkt, beleuchtet das Netzwirtschaft-Blog auf FAZ.NET.

Wie aus Twitters Problem ein „Google News 2.0" werden könnte

| 17 Lesermeinungen

Was die Newsjunkies an Twitter so lieben, nämlich die Information in Echtzeit von Menschen zu bekommen, deren Meinung ihnen wichtig ist, ist für die Mehrheit der Menschen in dieser puristischen und rastlosen Form kein praktikables Modell. Twitter braucht Aggregatoren, Filter, Algorithmen. Wer das bauen kann, kann die Nachfrageseite des Nachrichtengeschäftes organisieren und hat den Schlüssel für ein soziales "Google News 2.0" in der Hand.

Bild zu: Wie aus Twitters Problem ein „Google News 2.0" werden könnteVorbemerkung: Twitter ist ein geniales Tool, um Informationen zu verbreiten und Informationen zu bekommen. Kein anderes Instrument erlaubt es, Nachrichten mit Hilfe der Retweets der Leser so schnell in alle Ecken des Internet zu verbreiten und sie zu bewerten. Vor allem für Medienunternehmen ist Twitter die Chance, sehr schnell eine große Reichweite für ihre Geschichten zu bekommen. Noch besser: Twitter bietet Medienunternehmen die Chance, den  Informationsfluss mit organisieren zu können und im nachrichtenlastigen Social Web weiterhin eine wichtige Rolle spielen zu können. (Übrigens ist die Chance größer als auf Facebook, das weniger offene Schnittstellen zur Verfügung stellt, den Traffic auf seiner Seite halten will und entsprechend stärker reglementiert.)

Das Problem: Twitter könnte den Massenmarkt nicht erreichen, weil es für die Mehrheit der Menschen weiterhin schwer zugänglich und zeitaufwendig ist. Die eigene Timeline ist für viele Journalisten, PR-Schaffende, Kommunikatoren oder generell nachrichteninteressierte Menschen (vor allem für Technik-Themen) eine unerschöpfliche Quelle stets neuer, spannender Informationen geworden. Was die Newsjunkies an Twitter so lieben, nämlich die Information in Echtzeit von Menschen zu bekommen, deren Meinung ihnen wichtig ist, ist für die Mehrheit der Menschen in dieser puristischen und rastlosen Form kein praktikables Modell. Denn wer kein stark ausgeprägtes Interesse an Nachrichten hat, für den hält Twitter keine bequemen Zugänge bereit. Wer die Timeline einmal sechs Stunden aus den Augen lässt, hat die guten Geschichten eben schnell verpasst. Das Problem besteht vorwiegend auf der Nachfrageseite. Die Angebotsseite, also Twitterer, die gute Informationen einspeisen, gibt es inzwischen auch in vielen Themen außerhalb des Technik/Media/Social Media-Schwerpunktes. 

Die Lösung: Twitter braucht Aggregatoren, lernende Filter und Algorithmen, um den rastlosen Informationsstrom für den Massenmarkt aufzubereiten. Diese Aggregatoren, Filter und Algorithmen müssen zum Beispiel folgende Fragen beantworten:

    – Welche Nachrichten haben meine Freunde in den vergangenen 1,3,6, 12 oder 24 Stunden am meisten interessiert und welche haben sie kommentiert? (Social Graph)

  • – Wer sind die angesehenen Meinungsmacher in den Themen, die mich interessieren und welche Informationen haben diese Meinungsmacher aufgegriffen, diskutiert und weiterverbreitet? Dieser Aspekt geht über den Social Graph weit hinaus, da Daten über die Reputation notwendig sind.
  • – Welche Geschichten sind bei Menschen mit gleichen Interessen auf Resonanz gestoßen und haben eine Resonanzschwelle überschritten, könnten also auch für mich interessant sein?

Wer diese Fragen beantwortet, hat den Schlüssel in der Hand, um im Social Web die Nachfrageseite des Nachrichtengeschäftes zu organisieren (bevor Google oder Facebook es tun.  Deren Erfolg beruht ebenfalls darauf, die Nachfrageseite (Suche nach Information, Wunsch nach Kommunikation) bestmöglich bedient zu haben). Auf diese Weise aufbereitet, kann Twitter schnell den Massenmarkt erschließen.

Das Gute daran: Die Bausteine, die für solche Lösungen gebraucht werden, sind vorhanden. Sie werden teilweise von Twitter und auch Facebook in Form der offenen Schnittstellen (API) selbst zur Verfügung gestellt. Wer die „Retweet-API“ anzapft, kann auch außerhalb von Twitter sehen, welche Geschichten auf Interesse stoßen. Auch Facebook ist offen genug, um außerhalb der Plattform anzeigen zu können, welche Geschichten meinen Freunde gefallen und von ihnen kommentiert werden. Das Instrumentarium ist also vorhanden. Genutzt wird es erst in Ansätzen. Angebote wie Flipboard, TwitterTim.es oder Hourlypress.com gehen in diese Richtung, bleiben aber auf halbem Wege stehen, da sie nur den Social Graph abbilden können. Der Markt ist also noch offen und es gibt keinen Grund, auch dieses Thema wieder freiwillig den Amerikanern zu überlassen, denn anders als die Suche oder die Kommunikation besitzt  das Nachrichtengeschäft eine starke lokale/nationale Komponente. Das soziale (und bessere) „Google News 2.0″ muss nicht aus Mountain View oder Palo Alto kommen.

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17 Lesermeinungen

  1. Meiner Ansicht nach gibt es...
    Meiner Ansicht nach gibt es für das Filter- und Aggregatorenproblem schon längst Lösungen. Sie heißen Rivva Social, Twitter Times, paper.li und – am elegantesten und überzeugendsten – Flipboard.

  2. @ Ulrike Langer: Aber alle...
    @ Ulrike Langer: Aber alle haben es bisher nicht geschafft, Twitter in den Massenmarkt zu führen.

  3. Ja, außerhalb von Twitter und...
    Ja, außerhalb von Twitter und für Blogs nennt sich das netmoo!
    http://www.netmoo.de

  4. < Welche Nachrichten haben...
    < Welche Nachrichten haben meine Freunde in den vergangenen 1,3,6, 12 oder 24 Stunden am meisten interessiert und welche haben sie kommentiert? (Social Graph) >
    Dafür habe ich eine ganz einfache Lösung gefunden: Ich habe mir auf der Liste einen Punkt „unbedingt lesen“ eingefügt, der nicht öffentlich ist. So weiß ich immer, was meine Freunde geschrieben haben.

  5. @Ulrike, @Holger - Vielleicht...
    @Ulrike, @Holger – Vielleicht will „der Massenmarkt“ das gar nicht? „Wir“ sind – so glaube ich – unglaublich neugierig. Wir sind interessiert. Wir wollen Neues erfahren, wir wollen auf der Höhe der Zeit sein, wir wollen uns weiterentwickeln.
    ABer will das auch „der Masssenmarkt“? Ich will kein zweiter Sarrazin sein, aber ich glaube, das will er nicht. Was ich in der Tagesschau, auf Bild(.de) und vielleicht noch spiegel.de lesen kann, reicht den meisten einfach aus. Wozu denn noch mehr Informationen? Die freie Zeit will „der Massenmarkt“ dann mit Entertainment und Sensationen verbringen. Und das dann total einfach, bestenfalls mit einer kleinen Bewegung des Daumens auf der Fernsteuerung.
    Und ich will auch nicht fatalistisch sein. Aber vielleicht muss man die Realitäten eben sehen.

  6. Das Problem ist die hohe...
    Das Problem ist die hohe Einstiegshürde. Um interessanten Content über Seiten wie twittertim.es, paper.li usw. aggregieren zu können, muss ich erst einmal die Leute finden, die guten Content bei Twitter einlaufen lassen. Die sind aber, außerhalb der Markenkommunikation, nur schwer zu finden. Während Facebook innerhalb seines geschlossenen Systems immerhin eine gute Suchfunktion hat, fehlt die bei Twitter vor allem für deutschsprachige User. Da pennt Twitter leider komplett.

  7. ich glaube trotz einer...
    ich glaube trotz einer individuellen Filtertechnik und Archiv-Funktion wird Twitter nie die breite Masse erreichen, als Sparten Ergänzung oder als Basis für einen völlig neuen Dienst vielleicht schon.

  8. Ich sehe das ähnlich wie Don...
    Ich sehe das ähnlich wie Don Dahlmann: Ein Dienst wie Flipboard macht erst dann Sinn, wenn man sich die Mühe gemacht hat, auf Twitter oder Facebook ein produktives Netzwerk aufzubauen. Zudem fehlt es speziell auf Twitter noch zu sehr vielen Themenbereichen an den „Lieferanten“ von gutem und aktuellem Content.
    Am Ende hat vermutlich doch Facebook die besseren Chancen, der Nachrichten-Aggregator für die breite Masse zu werden, weil hier die große Zahl an Mitgliedern eine sehr gute Basis für Filtermechanismen bietet, so dass das Social Network hier leicht selbst den entsprechenden Dienst dazu entwickeln und implementieren kann.

  9. @Don Dahlmann @Matthias...
    @Don Dahlmann @Matthias Schwenk: Auf Twitter beleben sich einzelne Themen wie zum Beispiel Bau/Architektur/Immobilien. Mein Startup Tweetranking hat inzwischen gute Listen mit Qualitätstwitterern zu ziemlich vielen Themen. Es fehlt in erster Linie
    an der Nachfrage. Aggregatoren /Filter könnten den Nachfragern den Zugang zu Twitter entscheidend erleichtern.

  10. <p>ALs schwer abhängiger...
    ALs schwer abhängiger Newsjunkie kannich auch nur Rivva Social, Twitter Times und paper.li empfehlen, hab aber auch zusätzlich eine Liste, auf der immer die wichtigsten newas der letzten Stunden erscheinen. Twitter hilft mir tatsächlich, den information overflow zu bändigen.

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