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Die Digitalisierung erfasst immer mehr Lebensbereiche. Wie sie sich auf Menschen und Märkte auswirkt, beleuchtet das Netzwirtschaft-Blog auf FAZ.NET.

Holtzbrinck Ventures investiert 177 Millionen Euro ins deutsche Internet

Holtzbrinck Ventures hat sich mit Harbourvest einen Partner geholt und einen vierten Investitionsfonds mit 177 Millionen Euro aufgelegt. Martin Weber, Partner bei Holtzbrinck Ventures, über seine Investitionspläne, das Erfolgsmodell Groupon, das Beinahe-Scheitern von Brands4Friends und den täglichen Ärger über Facebook.

Bild zu: Holtzbrinck Ventures investiert 177 Millionen Euro ins deutsche InternetHoltzbrinck Ventures hat sich mit Harbourvest einen Partner geholt und einen vierten Investitionsfonds mit 177 Millionen Euro aufgelegt. Martin Weber, Partner bei Holtzbrinck Ventures, erklärt seine Investitionspläne, das Erfolgsmodell Groupon, das Beinahe-Scheitern von Brands4Friends und den täglichen Ärger, StudiVZ damals nicht an Facebook verkauft zu haben.

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Alle sprechen über Facebook, Twitter und Groupon. Lohnen sich Investitionen in europäische Internetunternehmen eigentlich?

Holtzbrinck Ventures investiert seit zehn Jahren sehr früh in digitale Unternehmen. Es gibt weiterhin ausgesprochen viele Möglichkeiten, in digitale Märkte zu investieren. Aufgrund des geringen Kapitalbedarfs können Unternehmen Geschäftsmodelle sehr einfach testen und es gibt viele Modelle aus anderen Regionen oder Märkten, die einfach übertragbar sind. Und wenn Dinge funktionieren wie im Beispiel Groupon, lässt sich die internationale Expansion meist sehr schnell vorantreiben. Zudem gibt es in Deutschland kaum Anbieter, die Risikokapital an junge Unternehmen bereitstellen.

Jetzt haben Sie Harbourvest als Partner ins Boot geholt. Warum?

Damit stellen wir das Geschäft auf eine höhere Ebene. Harbourvest hat in den vergangenen Jahrzehnten in rund 800 VC-Fonds investiert und bringt daher viel Erfahrung und ein breites Netzwerk mit. Es gibt kaum ein Unternehmen in unserer Branche, in das Harbourvest nicht – zumindest indirekt – investiert ist.

Wie sind die Anteile verteilt?

Das Team besitzt rund 7,5 Prozent; den großen Rest teilen sich Holtzbrinck Ventures und Harbourvest zu etwa gleichen Teilen.

Warum fließt so wenig Risikokapital ins deutsche Internet?

Es gibt kaum Unternehmen wie wir, die ins Internet investieren, weil es so schwierig ist, einen rentablen Geschäftsansatz zu finden. Die meisten VC-Fonds verdienen relativ schlecht – egal in welchen Branchen. Stattdessen wird lieber in späten Phasen investiert, wenn sich ein Geschäftsmodell schon bewährt hat. Dann aber ist die Konkurrenz natürlich größer. Zudem ist der Exit-Markt schwierig. Wir haben gerade Brands4Friends für 150 Millionen Euro verkauft. Das ist schon ein großer Exit. Man muss aber auch mit 20, 30 oder 40 Millionen Euro zufrieden sein.

Exits in Europa sind für Medienunternehmen schwierig, wenn man nicht von Google oder Microsoft gekauft wird. Dagegen scheinen die Handelsunternehmen wie Tengelmann ihre Liebe für das Internet entdeckt zu haben. Bestimmt der Exit-Markt ihre Investitionen?

Man kann seine Investitionsstrategie nicht an den derzeitigen Exit-Märkten ausrichten, denn wir wissen ja nicht, wie die Ausstiegsmöglichkeiten in drei, fünf oder sieben Jahren aussehen. Wir investieren gerne in E-Commerce-Unternehmen, weil wir eine gute Erfahrung damit haben und weil wir mit einem überschaubaren Betrag testen können, ob ein Geschäftsmodell funktioniert. Aber generell stimmt, dass Exits im E-Commerce im Moment leichter sind, weil es einfach mehr Unternehmen gibt, die Übernahmen stemmen können. Aber auch nicht in der 150-Millionen-Euro-Klasse.

Werden die europäischen Medienunternehmen in diesen Markt zurückkommen? Oder haben sie stillschweigend vor den Amerikanern kapituliert?

Große Exits sind meist nur mit den Amerikanern möglich – es sei denn, ein Unternehmen passt beim Springer-Verlag in die Strategie, der in große Themen und Marktführer auch substantielle Summen investiert. Ansonsten ist es aber dünn und ich glaube auch nicht, dass sich das ändert.

Ihre Investition in den Coupon-Anbieter Citydeal, der sehr schnell von amerikanischen Weltmarktführer Groupon übernommen wurde, ist dafür ein tolles Geschäft gewesen. Waren Sie eigentlich traurig, dass Groupon nicht für 6 Milliarden Dollar von Google übernommen wurde?

Nein. Die Übernahme ist von Leuten abgesagt worden, die sehr viel von dem Geschäft verstehen und das Angebot sicher nicht leichtfertig ausgeschlagen haben. Aber es gibt keinen Grund, dem Ende der Verhandlungen eine Träne nachzuweisen. Groupon ist auf einem erfolgreichen Weg. Und es ist ja kein Geheimnis, dass der eine oder andere Investor aussteigen kann, wenn er möchte. Auf dem Weg zu einem anderen Exit – zum Beispiel einem Börsengang – gibt es immer wieder Transaktionen, die Kleinaktionären die Möglichkeit zum Ausstieg gibt.

Und, wollen Sie aussteigen?

Das schaue ich mir an, wenn ein Angebot auf dem Tisch liegt.

Wie groß ist Ihr Anteil an Groupon?

Zu klein.

Im Markt werden die Anteile von Holtzbrinck Ventures, eVenture Capital Partners (Otto) und AV Kinnevik aus Schweden auf zusammen 3 bis 4 Prozent geschätzt. Könnte das stimmen?

Das könnte stimmen. Aber eher am oberen Ende.

Aber Sie trauern doch der Gelegenheit nach, StudiVZ damals nicht an Facebook verkauft zu haben?

Ja, jeden Tag. Ich hatte damals die Möglichkeit, nicht an Holtzbrinck, sondern an Facebook zu verkaufen. Holtzbrinck selbst hatte später auch noch einmal die Gelegenheit, StudiVZ zu 100 Prozent an Facebook zu verkaufen. Das wäre dann das wirklich dicke Ding gewesen. Aber damals war Facebook lange nicht so stark und profitabel wie heute. Damals stand das Geschäftsmodell in Frage, heute nicht mehr. Und Facebook wollte damals nur mit Anteilen bezahlen, weil sie kein Geld hatten.

Schauen wir nach vorne. In welche Märkte investieren Sie in diesem Jahr? Wo liegen die Schwerpunkte?

Einerseits wollen wir die heute schon funktionierenden Geschäftsmodelle skalieren und internationalisieren. Viele deutsche Unternehmen gehen zu selten ins Ausland. Neue Investitionen werden wohl auf die Themen E-Commerce, Mobile oder Spiele entfallen. Auch in der Autobranche werden wir sicherlich ein oder zwei Themen besetzen.

Ist das mobile Internet das wichtigste Thema in diesem Jahr?

Man weiß inzwischen, dass im mobilen Internet Geld liegt. Aber wo? Wir werden nicht in Innovationen wie Foursquare investieren. Die Themen werden in den Vereinigten Staaten entschieden. Andere Geschäftsmodelle sind aber oft noch vage.

Wie sieht es mit der Spielebranche aus? Die wächst doch dynamisch.

Mit Investitionen in Spieleunternehmen haben wir gute Erfahrungen gemacht. Wir sind seit langem in Gameduell investiert und freuen uns über die Entwicklung von Wooga, die im Social-Gaming-Markt sehr gut unterwegs sind. Daher werden wir uns in diesem Umfeld, vielleicht auch im Mobile Gaming, einige Unternehmen näher anschauen.

Wo liegen die Chancen im E-Commerce? Wird es mehr spezialisierte Anbieter wie Zalando geben?

Wenn die Branchen groß genug sind und die Unternehmen eine entsprechende Relevanz erreichen können, dann ja. Autos sind so ein Beispiel. In die letzte Nischenseite werden wir aber nicht investieren. Spannend sind künftig sicher auch Social Commerce Projekte, die aber heute noch nicht sichtbar sind.

Was ist eigentlich bei Brands4Friends passiert? Es gab viele Gerüchte.

Brands4Friends hatte typische Wachstumsprobleme. Die Prozesse waren nicht so institutionalisiert, um das Wachstum zu bewältigen. Im Finanzbereich wurde schlampig gearbeitet. Und dann schaukelte sich das Problem schnell hoch, wenn man so ein großes Volumen bewältigt. Kapital musste nachgeschossen werden. Brands4Friends hatte das Glück, aus dem bestehenden Gesellschafterkreis Hilfe zu bekommen, seine Marktführerschaft verteidigen zu können und jetzt einen positiven Exit gefunden zu haben. Wenn man diese Hilfe nicht bekommt, kann man auch ein respektables Unternehmen an die Wand fahren.

Würden Sie noch einmal in ein soziales Netzwerk investieren?

Nein. Es gibt höchstens in der Nische noch Potential, aber dann stellt sich die Frage, ob die Relevanz hoch genug ist.

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