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Web-Fernsehen: Vivendi-Tochter will Netflix in Deutschland zuvorkommen

18.04.2011, 19:05 Uhr  ·  Web-Fernsehen könnte das nächste große Thema der digitalen Welt werden. In Amerika macht Netflix das Geschäft, doch in Europa will eine Vivendi-Gesellschaft schneller sein. Im Hintergrund lauern aber schon Apple und Google.

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Web-Fernsehen könnte das nächste große Thema der digitalen Welt werden. In Amerika scheint Netflix die Erfolgsformel gefunden zu haben: Für eine Flatrate von 7,99 Dollar im Monat können die Nutzer unbegrenzt Filme auf ihrem Fernseher, Computer oder iPad anschauen – ohne zusätzliche Set-Top-Box und ohne Vertragsbindung. Nun streckt Netflix seine Fühler nach Deutschland aus, sucht zumindest Mitarbeiter mit guten Deutschkenntnissen. Doch bevor Netflix über den großen Teich kommt, will ein Deutscher den Markt besetzen: Stefan Schulz baut in Berlin für Vivendi Mobile Entertainment, eine hundertprozentige Tochtergesellschaft des französischen Medienkonzerns Vivendi, die Plattform Zaoza auf.

Anders als Netflix hat Zaoza schon Musik für fünf Euro im Angebot, aber noch nicht viele Filme. In Kürze sollen mehr und bessere Filme den nötigen Schub bringen. „Ich gehe davon aus, dass bald Filme von vier großen Majors dazukommen”, sagte Schulz dieser Zeitung. Die Verhandlungen sind weit fortgeschritten, aber noch sind die Verträge nicht unterzeichnet. Auf jeden Fall sollen Filme von Kinowelt und lokale Produktionen ins Angebot kommen. Spätestens im Sommer soll der Netflix-Konkurrent dann fertig sein. Das Modell: „Für rund 10 Euro im Monat gibt es dann zu jeder Zeit 500 bis 1000 Filme und Serien zur Auswahl”, sagt Schulz.

In Amerika hat es Netflix aufgrund seiner Popularität geschafft, die Filme und Serien inzwischen deutlich früher zu bekommen. Je schneller der Film nach dem Kinodebüt zu sehen ist, desto attraktiver ist er. In Deutschland hofft Schulz auf einen ähnlichen Effekt. Sein Ziel: Er will früher als der Bezahlsender Sky an die guten Filme kommen. Die Filme sind auf Zaoza etwa zwölf Wochen verfügbar und werden dann durch neue Produktionen ersetzt. Allerdings können sich die Nutzer Filme und Musik in ihrem persönlichen, zehn Gigabyte großen Cloud-Speicher sichern und untereinander tauschen. Die Nutzer können sich die Filme auf jedem beliebigen Gerät anschauen – egal ob Fernseher, Computer, Tabletcomputer oder Smartphone, da die Filme in einem Browser oder in einer App laufen. Die meisten Musikstücke lassen sich herunterladen; die Filme werden übertragen („gestreamt”). Die Kopplung an eine Set-Top-Box als Empfangsstation entfällt.

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Konkurrierende Angebote wie Entertain von der Deutschen Telekom oder Apple TV setzen noch eine solche Box voraus, haben sich im breiten Markt aber bisher nicht durchgesetzt – und werden es auch nicht mehr, erwartet Schulz: „Set-Top-Boxen sind eine Übergangstechnik.” Apple-Chef Steve Jobs bezeichnet die Boxen gar als Innovationshemmnis: „Die Fernsehindustrie hat ein Subventionsmodell und schenkt jedem ein Set-Top-Box. Daher will niemand mehr dafür etwas zahlen. Innovationen werden verhindert. Der einzige Weg, das zu ändern, ist ein Neustart von Grund auf, die Box zerreißend, in neuem Design und in einer Weise, dass der Kunde es kaufen möchte”, sagte der Apple-Chef Steve Jobs schon im vergangenen Jahr. Noch gebe es diesen Weg nicht, sagte Jobs damals. Das könnte sich inzwischen geändert haben. Denn die Gerüchte um einen Apple-Fernseher werden lauter. Den „Angriff auf das Wohnzimmer” wird Apple nach Ansicht des Analysten Brian White noch in diesem Jahr starten. „Apple wird diesen Weg schneller gehen, als es am Markt erwartet wird”, sagte White, der dem Konzern gute Chancen einräumt: „Die Kombination aus Apples starkem Ökosystem, dem versierten Design, einer starken Marke und der Fähigkeit, Produktkategorien neu erfinden zu können, könnten Apple in den nächsten drei Jahren zu einer starken Kraft im TV-Geschäft machen.”

Ähnlich wie das iPhone den Handy-Markt revolutioniert hat, könnte ein Fernseher aus dem Hause Apple mit einer guten Hardware, aber vor allem einer intuitiv zu bedienenden Software und attraktiven Inhalten den Multi-Milliarden-Dollar-Markt Fernsehen aufmischen. Sein Analysten-Kollege Gene Munster sagt diesen Schritt von Apple allerdings schon seit Jahren voraus, ohne dass bisher etwas passiert ist. Doch der Markt dreht sich in diese Richtung: Gerade hat das amerikanische Unternehmen Envivio seinen Gang an die Börse angekündigt. „Envivios Ziel: Den Videoinhalt der ganzen Welt universell allen Zuschauern auf allen Geräten, in allen Netzen und zu jeder Zeit zur Verfügung zu stellen”, lautet das Ziel des Unternehmens. Wahrscheinlich wird auch Google mit seiner Tochtergesellschaft Youtube in diesem Markt eindringen wollen. Youtube hat gerade ein Büro in Hollywood eröffnet, um direkten Zugang zu guten Filmen aus der Traumfabrik zu haben. Zwar ist es um Google TV nach einem Stolperstart etwas ruhiger geworden, doch Googles Ambitionen im Fernsehmarkt sind sicher nicht kleiner geworden. Professionelle Filme sollen die Nutzer möglichst lang auf Youtube halten, um mehr Werbung verkaufen zu können.

Der Wettbewerb um die digitalen Unterhaltungsmärkte gewinnt an Schärfe, seitdem auch der Online-Händler Amazon einen Cloud-Service gestartet hat, in dem die Nutzer ihre Musikstücke speichern können. Amazon hat dafür allerdings viel Kritik von den Rechteinhabern bezogen, da die Nutzer auch Raubkopien dort speichern könnten. Auch der erfolgreiche On-Demand-Musikdienst Spotify will ein ernsthaftes Wort mitreden, musste aber gerade jetzt einen Rückschlag hinnehmen: Das Modell eines für die Nutzer kostenfreien, weil werbefinanzierten Musikangebots wurde stark eingeschränkt. Das Ziel lautet, mehr als ein Zehntel der zehn Millionen Nutzer zu zahlenden Abonnenten zu machen. Die Modelländerung wird als Vorbedingung der amerikanischen Musikkonzerne interpretiert, denn Spotify steht vor dem Einstieg in den amerikanischen Markt.

Videndi-Mann Schulz sucht derweil den Schulterschluss mit den Fernsehgeräteherstellern. In Gesprächen mit Herstellern wie Sony oder Panasonic will er die erhoffte Vorinstallation seiner Software erreichen, um einen direkten Zugang zu den Kunden zu bekommen. Spätestens 2014, wenn die dann stattfindende Fußball-Weltmeisterschaft den Fernsehgeräteabsatz wieder antreibt, soll Zaoza auf möglichst vielen Geräten präsent sein.

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Veröffentlicht unter: Google, Apple, Netflix, Zaoza, Vivendi

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