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Die Digitalisierung erfasst immer mehr Lebensbereiche. Wie sie sich auf Menschen und Märkte auswirkt, beleuchtet das Netzwirtschaft-Blog auf FAZ.NET.

Amazon macht sich Feinde mit „Showrooming": Target wirft den Kindle raus

| 11 Lesermeinungen

Amazon ist vielen stationären Einzelhändlern in Amerika ein Dorn im Auge. Sie fühlen sich von Amazon als "Schauraum" ausgenutzt. Viele Menschen kommen in die Läden, um sich Produkte anzusehen, kaufen dann aber im Netz - ein Trend, den Amazon zum Ärger der Händler aggressiv forciert. Target hat nun mit der Verbannung des Kindle aus seinen Regalen ein Zeichen gesetzt. Was das bringt, ist freilich offen.

Der Online-Händler Amazon.com weist regelmäßig Wachstumsraten aus, von denen der traditionelle Einzelhandel nur träumen kann. Verbraucher lieben Amazon: Die Seite hat ein riesige Auswahl von Produkten, die Preise sind niedrig, der Kundenservice erstklassig und die Ware wird oft ohne Versandkosten geliefert. Vielen stationären Einzelhändlern ist der Vormarsch von Amazon dagegen ein Dorn im Auge, vor allem in Amerika beklagen sie derzeit einen Trend zum „Showrooming”. Sie fürchten, zum „Schauraum” für Amazon zu verkommen. Das heißt: Viele Menschen kommen zwar in Geschäfte, um sich die Ware mit eigenen Augen anzusehen und anzufassen. Gekauft wird dann aber bei Amazon.

Der Online-Händler animiert die Verbraucher selbst mit bisweilen aggressiven Taktiken, es genau so zu machen. Im Dezember brachte Amazon Einzelhändler mit einer Applikation für Smartphones namens „Price Check” gegen sich auf: Das Programm erlaubt es, ein Produkt in einem Geschäft zu scannen und dann sofort angezeigt zu bekommen, was der Preis für die Ware bei Amazon ist. Amazon bot während der Weihnachtssaison einen Preisnachlass von 5 Prozent auf zuvor in einem Laden mit „Price Check” gescannte Produkte an.

Dem Einzelhändler Target ist nun offenbar der Kragen geplatzt. Vor wenigen Tagen kündigte der Betreiber großflächiger Supermärkte an, die Vorzeigeprodukte von Amazon schlechthin aus seinen Regalen zu verbannen: das Lesegerät Kindle und den Taschencomputer Kindle Fire. Target nannte offiziell keine konkrete Begründung und beschrieb den Rauswurf des Kindle als Teil einer „kontinuierlichen Überprüfung des Sortiments.”

Dass Ärger über von Amazon forciertes „Showrooming” hinter dem Kindle-Rauswurf steht, liegt deshalb nahe, weil Target sich besonders bitter darüber beklagt hat. So schrieb das Target-Management vor einigen Monaten Briefe an seine Lieferanten und forderte sie auf, mehr exklusive Produkte für den Einzelhändler zu entwickeln, die ihn von Amazon abheben – oder zumindest dabei zu helfen, dass Target bei den Preisen von Amazon mithalten kann. „Wir sind nicht bereit dazu, reinen Online-Händlern unsere Geschäfte als Schauraum für ihre Produkte zu überlassen”, hieß es in dem Brief.

Mit der Entfernung des Kindle wird Target freilich dem „Showrooming” in seinen Läden keinen Einhalt gebieten. Aber das Unternehmen hat ein symbolträchtiges Zeichen gesetzt, schließlich sind die Kindle-Produkte Verkaufsschlager. Ob andere Einzelhändler dem Manöver von Target folgen werden, wird sich zeigen. Es gäbe Kandidaten wie den mit Schwierigkeiten kämpfenden Elektronikhändler Best Buy, der derzeit besonders unter der Amazon-Konkurrenz leidet. Offen ist, wie weh Amazon der Schritt von Target tut. Amazon dürfte einen großen Teil seiner Kindle-Geräte über seine eigene Internetseite verkaufen. Das Unternehmen selbst nennt keine Zahlen.

Target hat derweil vielleicht auch noch andere Motive, zu Amazon auf Distanz zu gehen. Denn der Einzelhändler sucht derzeit verstärkt die Nähe zum Elektronikkonzern Apple und hat angekündigt, in ein paar Dutzend seiner Läden eigene Sonderflächen mit Apple-Produkten einzurichten. Amazon und Apple stehen in immer härterer Konkurrenz zueinander: Der Kindle Fire konkurriert mit dem iPad, und auch im Vertrieb digitaler Inhalte von Büchern bis Musik sind die Unternehmen Rivalen.

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11 Lesermeinungen

  1. Da hat Target wohl recht....
    Da hat Target wohl recht. Ähnlich geht es hier auch. Teure Produkte kaufe ich selbst auch meist online. Und “Inspiration” gibt es im Geschäft.
    Sorry, das ist nunmal die Realität. Bei den großen Preisdifferenzen: Selber schuld. Das ist halt freie Marktwirtschaft.

  2. Zur Klarstellung:...
    Zur Klarstellung: “showrooming” steht ganz grundsaetzlich dafuer dass Kunden Produkte im Laden ansehen und testen und dann online kaufen (nicht nur bei Amazon). Online Preise selber sind nicht unbedingt billiger, es faellt aber keine Mehrwertsteuer an.
    Fuer diejenigen, die Target nicht kennen: Target zeichnet sich durch ein gehobenes Sortiment, guenstige Preise und guten Service aus, gegen die MWSt kommt es aber auch nicht an. Als Beispiel: Der Kindle Fire kostet bei Target und bei Amazon $ 199, die MWSt (oder vielmehr VAT) im Bundesstaat WA betraegt 9.5% , die nicht im Preis enthalten ist, sondern auf diesen zusaetzlich aufgeschlagen wird- man zahlt an der Kasse also nicht $ 199, sondern $ 218. Online werden nur $ 199 faellig. Guckt man sich also den Kindle bei Target an und kauft dann bei Amazon (kostenlose Lieferung) hat man schon mal fast $ 20 gespart. Da immer mehr Kunden dieses tun, hat Target wenig Interesse daran, Verkaufsflaeche, und Personal, fuer den Kindle zur Verfuegung zu stellen. Durchaus nachvollziehbar.

  3. @TJ82: Was der Showroom...
    @TJ82: Was der Showroom kostet:
    -> Miete für die Lokalitäten vor Ort
    -> Gehälter für die Verkäufer (Beratung)
    -> und weiteres
    Immer schön, wenn man solche Kosten auf dem Rücken der Einzelhändler “Outsouren” kann.

  4. Neben dem fast schon...
    Neben dem fast schon unlauteren Wettbewerb, ist auch Amazon für Händler ein zweischneidiges Schwert. Zum einen er- und behält Amazon sämtliche Kunden Adressen und Daten, zum anderen sind die Kosten nicht ohne, so das Amazon eine gut gefüllte Kriegskasse haben dürfte… Wie bei amerikanischen Firmen üblich, gibt es eine unübersichtliche Abrechnung aus Luxemburg und CallCenter mit allen Vor- und Nachteilen, wie eigentlich keine wirklichen Verantwortlichen und endlose Fragekaskaden bei Problemen.
    Amazon zeigt sich dem Kunden ggb. extrem kulant und rücknahmefreundlich, da der Händler ja dafür zahlen muss. Amazon streicht den Lorbeer der Kundenfreundlichkeit ein.
    Es gibt genügend Händler, welche bereit sind das Spiel mitzuspielen, bzw. es ist wie bei Ebay ein eigener Markt entstanden. Aber es gibt auch einige, welche bewusst auf Amazon, Ebay & Co verzichten. Bloß diese Anbieter stehen bei Google nicht auf Platz 1 und 2.
    Wenn dann noch die kleinen regionalen Einzel-Händler wegfallen und große globale Ketten die Einkaufsstrassen immer ähnlicher aussehen lassen… Sollte man sich auch Gedanken über die Abschreibungsmöglichkeiten und Steuern machen, welche diese Konzentration auf so wenig und vor allem kapitalstarke Vertriebswege provoziert hat.
    Es liegt auch am Kunden, bei Google finden sich eher Einträge dieser Art als bei anderen Suchmaschinen. Und wie viele ahnen, hat der Händler um die Ecke auch seine Vorteile, denn es läuft nicht alles auf den Preis hinaus.

  5. Ich habe schon daran gedacht,...
    Ich habe schon daran gedacht, ein Schild im Laden aufzustellen: “Alles, was ihr hier seht, gibt’s bei Amazon billiger.” Um den Kunden das Auspacken ihrer Smartphones zu ersparen. Bei CDs ist der Trend klar: VK = Amazon-Preis + 3,50 € Amazon-Versandkosten (Amazon verkauft ja häufig nur wenige Cent über dem EK, komplett übernehmen geht nicht, da ist mir das Regal zu schade für). Bei Büchern hilft zum Glück die Buchpreisbindung – obwohl man auch da grün vor Neid werden könnte: gleiche Gewinnspanne von 30-40%, aber nur ein Bruchteil der Kosten, da kein Verkaufspersonal, keine Ladenmiete, keine Deko und – da in Luxemburg – kaum Steuer. Bei allem andern helfen Exklusivprodukte oder Gelegenheitsware, für die sich kein Mensch hinter’n Rechner klemmt.

  6. @ DTaggert05

    Ich muss Ihren...
    @ DTaggert05
    Ich muss Ihren Ausführung leider weitersprechen.
    1) Die USA kennt keine VAT (oder MwSt), sondern Sales Tax.
    Diese Steuer unterscheidet sich grundlegend von dem deutschen Model.
    2) Amazon berechnet keine Sales Tax auf der Webseite. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Waren dort steuerfrei angeboten wird. Vielmehr ist der Endverbraucher verpflichtet diese in seiner Steuererklärung anzugeben und an den Bundesstaat abzuführen.
    Die genannten Savings kommen als durch Steuerhinterziehung zustande.

  7. @DTaggert

    So ein Schwachsinn...
    @DTaggert
    So ein Schwachsinn – nur im Business to Business Bereich wenn eine Leistung eine vorleistung ist – der Autohersteller zahlt keine Mehrwertsteuer an seinen Lieferanten auf die mit dem Auto verkauften Reifen – die zahlt der Endkunde – kommt der wieder von den DURCHGEKNALLTEN PARANOID QUERULATORISCHEN Finanzbeamten die Leute “halbtotprügeln” und sich dann wundern daß sie von “Behinderten” keine Steuern mehr bekommen?
    “Online Preise selber sind nicht unbedingt billiger, es faellt aber keine Mehrwertsteuer an.”

  8. @DTaggert - das stimmt so nur...
    @DTaggert – das stimmt so nur für einige Bundesstaaten – im Bundesstaat WA kommt auch bein Online-Bestellungen bei Amazon die Sales Tax auf den Preis drauf, mit Sparen ist da nix.
    Vermutlich liegt es auch daran, dass Target vor Kurzem mit Apple einen Rahmenvertrag über iTunes-Kiosks in deren Läden abgeschlossen hat – ein Schelm wer Böses dabei denkt…

  9. Ich kann mir nicht vorstellen,...
    Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Kindle “Boykott” Amazon etwas ausmachen wird. Wenn sich noch mehr Unternehmen Target anschliessen wird Amazon sicher etwas einfallen lassen.

  10. Showrooming ist so alt, wie es...
    Showrooming ist so alt, wie es Schaufenster gibt. Es schaue doch ein jeder mal, wie viele Radio- und Fernsehhändler es noch gibt, die in den 1980er erleben mussten, dass die Kunden bei Ketten einkauften, sich aber bei ihnen beraten liessen.
    Amazon ist die Zukunft und niemand sollte sich beirren lassen. Franchaise-Ketten in den Einkaufszentren die im Grunde das Angebot wie zur Zeiten des Sozialismus künstlich eingeschränkt hatten, um Kosten zu minimieren, werden verschwinden. Warum sollte ein Kunde sich mit weniger zufrieden geben, wenn er alles haben kann?
    Der Grund liegt in der erhöhten Markttransparenz des Internets.

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