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Linkedin: Das Netzwerk, das der Börse besser gefällt als Facebook

03.06.2012, 12:15 Uhr  ·  Das Karrierenetzwerk profitiert von kostenpflichtigen Angeboten für Unternehmen und Mitglieder. Werbung ist nur ein kleiner Teil des Geschäfts

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Jeff Weiner hat tröstende Worte für Facebook. Wenn es nach dem Vorstandsvorsitzenden des amerikanischen Karrierenetzwerks Linkedin geht, hat es wenig zu bedeuten, ob ein Unternehmen einen guten Start an der Börse erwischt oder nicht. Bei einem Interview auf der Technologiekonferenz „D: All Things Digital” in Kalifornien zog Weiner vor wenigen Tagen Parallelen zu einer Ehe: Sicher, es mag am Hochzeitstag regnen, und man mag auch sich lange an das schlechte Wetter erinnern. Aber das sage noch längst nichts darüber aus, ob es am Ende eine gute oder eine schlechte Ehe wird. Reid Hoffman, Mitgründer und Verwaltungsratsvorsitzender des Unternehmens, meinte gar, er beschäftige sich allgemein wenig mit dem Börsengeschehen und schaue sich den Aktienkurs von Linkedin nur einmal im Monat an.

Die beiden haben freilich leicht reden. Denn Linkedin blickt bislang auf eine weitaus glanzvollere Börsenkarriere zurück als Facebook. Der Aktienkurs von Facebook ist seit dem Börsengang am 18. Mai gegenüber dem Ausgabepreis von 38 Dollar um mehr als 25 Prozent abgerutscht, am Freitag schloss er bei bei 27,72 Dollar. Linkedin kam fast auf den Tag genau ein Jahr vor Facebook mit einem regelrechten Kursfeuerwerk an die Börse. Im Vorfeld seiner damaligen Börsenpremiere erhöhte Linkedin – ebenso wie nun Facebook – seine Preisspanne deutlich, am ersten Handelstag verdoppelte sich der Kurs im Vergleich zum Ausgabepreis von 45 Dollar auf 94 Dollar. Der Linkedin-Kurs unterlag seither einigen Schwankungen, mal rutschte er unter 60 Dollar, mal lag er bei mehr als 115 Dollar. Im Moment notiert er um 91,50 Dollar, also in etwa auf dem Niveau des ersten Tages. Die negative Stimmung im Zusammenhang mit der Facebook-Börsenpremiere hat nur begrenzt auf Linkedin abgefärbt: Die Linkedin-Aktie hat seit dem 18. Mai an Wert verloren, aber nicht annähernd so viel wie Facebook.

Besonders bemerkenswert ist, dass Linkedin sich deutlich besser geschlagen hat als andere, viel höher eingeschätzte Internet-Börsengänge aus dem vergangenen Jahr. Die Rabattplattform Groupon und der Online-Spielenanbieter Zynga liegen mit ihren Aktienkursen heute deutlich unter den jeweiligen Ausgabepreisen und mit der Marktkapitalisierung hinter Linkedin. Der Börsenwert von Linkedin beträgt heute rund 9,5 Milliarden Dollar, Groupon kommt auf 6,3 Milliarden Dollar und Zynga auf 4,4 Milliarden Dollar.

Und während Facebook derzeit von vielen Seiten Prügel einstecken muss, bekommt Linkedin Applaus aus der Finanzszene: Analyst Mark Mahaney von der Citigroup stufte die Linkedin-Aktie in dieser Woche auf „Kaufen” hoch und setzte sein Kursziel auf 125 Dollar.

Es mag auf den ersten Blick etwas überraschen, dass die Börse derzeit Linkedin so viel mehr Wohlwollen entgegenbringt als Facebook – schließlich fallen beide Unternehmen in die Kategorie der Online-Netzwerke. Aber Linkedin hat als Karriereplattform nicht nur eine sehr spezifischere Ausrichtung als Facebook, auch das Geschäftsmodell ist ausgereifter. Facebook macht zwar insgesamt deutlich mehr Umsatz als Linkedin, aber das Unternehmen steckt noch in der Experimentierphase, wie aus der gigantischen Nutzergemeinde von mehr als 900 Millionen Mitgliedern am besten Kapital zu schlagen ist. Facebook hat eine Reihe verschiedener Werbeformate eingeführt, aber es fehlt noch die zündende Idee. Werbung ist die mit weitem Abstand wichtigste Einnahmequelle für Facebook und steht für mehr als 80 Prozent des Umsatzes. Der Rest entfällt auf Provisionen, die das Unternehmen zum Beispiel einstreicht, wenn der Partner Zynga in seinen Spielen auf der Facebook-Plattform virtuelle Güter verkauft.

Linkedin hat drei Umsatzsäulen: Werbung ist eine von ihnen, aber mit einem Anteil von zuletzt rund einem Viertel bei weitem nicht die größte. Mehr als die Hälfte des Umsatzes macht Linkedin mit Personalbeschaffungslösungen für Unternehmen. Darunter fallen kostenpflichtige Stellenangebote oder Instrumente, um auf der Seite nach geeigneten Kandidaten für eine Position zu suchen. Rund 20 Prozent des Umsatzes kommt direkt von Mitgliedern, die für Premium-Abonnements bezahlen. Alle drei Säulen schafften im ersten Quartal dieses Jahres deutliches Wachstum. Insgesamt konnte Linkedin in dem Zeitraum seinen Umsatz auf 188 Millionen Dollar mehr als verdoppeln. Es war das siebte Quartal in Folge mit einem Umsatzwachstum von mehr als 100 Prozent. Der Nettogewinn betrug 5 Millionen Dollar.

So dynamisch das Wachstum ist: Die Börsenbewertung von Linkedin ist nach traditionellen Maßstäben wie dem Kurs-Gewinn-Verhältnis atemberaubend hoch, sogar um ein Vielfaches höher als bei Facebook. Im Aktienkurs von Linkedin steckt somit viel Zukunftsphantasie: eine Wette, dass das Unternehmen sein Geschäft enorm ausweiten kann.

Das ist auch die Absicht von Vorstandschef Weiner, wie er auf der Konferenz sagte. Nach seiner Vorstellung soll Linkedin in Zukunft mehr sein als eine Adresse, um einen Job zu finden oder zu vergeben. Er will Linkedin zu einer Plattform für alle möglichen Formen der Geschäftsanbahnung machen, etwa um Investoren zu finden oder potentielle Kunden. Weiner grenzte sich dabei auch klar von Facebook ab: „Bei Linkedin geht es nicht darum, sich die Zeit zu vertreiben, sondern Zeit zu sparen.”

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (5)
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0 eduardheindl 03.06.2012, 13:49 Uhr

Ein Kurswert von fast 10 Mrd....

Ein Kurswert von fast 10 Mrd. erfordert längerfristig einen Gewinn von 1 Mrd. Offensichtlich liegt der Nettogewinn bei 20 Mio/a. Damit muss Linkedin seinen Gewinn über 8 Jahre jedes Jahr verdoppeln, soweit mir bekannt ist das bisher Unternehmen extrem selten gelungen.

0 mapar 04.06.2012, 09:20 Uhr

Die Börsenbewertung ist...

Die Börsenbewertung ist zweifellos zu hoch. LinkedIn bringt aber einen wirklichen Mehrwert für viele Nutzer. Als Freiberufler habe ich durch Anfragen über LinkedIn schon Aufträge mit sechsstelligen Erlösen bekommen. Die Auftragsvermittler und potentiellen Auftraggeber (im internationalen Geschäft) tummeln sich dort in größerer Zahl. Stellenangebote, also konkrete Anfragen weil zu meiner Qualifikation passend, kommen auch häufig.

0 Karin 04.06.2012, 22:02 Uhr

Facebook ist doch für viele...

Facebook ist doch für viele eine reine Spielerei, wie auch Weiner selbst feststellt - und einen echten Mehrwert bietet es einfach nicht. Das Netzwerke und Plattformen wie Facebook kommen und gehen ist für "AltInternetter" ja nichts neues - Facebook wird sich vielleicht länger als andere halten, aber letztendlich ist auch da die Luft raus. Mich wundert bei Facebook nur, wie viele Anleger sich von Statistiken einlullen lassen, die Insidern die Haare zu Berge stehen lassen, z. B. die Zahl angemeldeter (nicht die der aktiven) Nutzer. Linkedin hat hier einfach den besseren Ansatz von vornherein in einer Nische zu operieren, die es voll ausfüllt anstatt mal wieder mehr vom gleichen zu bieten.

0 Alexander Witt (BLH) 05.06.2012, 07:55 Uhr

Bin auch der Meinung, dass die...

Bin auch der Meinung, dass die Börsenbewertung irrsinnig hoch ist, auch wenn LinkedIn ein gesundes Geschäftsmodell hat … Leider fällt mir in diesem Segment kein Unternehmen ein, das LinkedIn kurz- bis mittelfristig das Geschäft streitig machen könnte … Viadeo, Xing, Ecademy und Co. bieten zwar ähnliche Services an, sind aber aufgrund ihrer überschaubaren Größe und Fokus auf ausgewählte geografische Regionen viel zu unbedeutend …

0 Olivar 30.06.2012, 12:39 Uhr

Solange die amerikanischen...

Solange die amerikanischen User der Ansicht sind, dass LinkedIn für sie interessant sind, mag zumindest dieses Portal gut aufgestellt sein. Wer allerdings auf Xing registriert ist, wird feststellen, dass außer dem Garen in eigener Soße und vordergründiger Werbung dort nicht viel passiert. Interessanter ist da die Entwicklung bei Google, das zur Zeit seine Features auffällig in Richtung von Business-Nutzungen entwickelt. Hangouts On Air, Currents und andere Dienste sind sämtlich auf professionelle Anwendungen ausgerichtet und könnten für die Idee stehen, in Zukunft speziell die Unternehmen enger an sich zu binden.

Jahrgang 1970, Wirtschaftskorrespondent der F.A.Z. in New York.