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Foursquare will mehr sein als Spielerei: Gespräch mit CEO Dennis Crowley

03.07.2012, 08:40 Uhr  ·  Der Mitgründer und Vorstandschef hat das soziale Netzwerk radikal umgebaut. „Einchecken" wird zum Rohmaterial degradiert, jetzt stehen Empfehlungen im Vordergrund. Damit soll endlich ein Geschäftsmodell gefunden werden.

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Dennis Crowley will sich von den Turbulenzen um den Börsengang von Facebook nicht beirren lassen. Dabei wirft das schwächer als erwartete Wall-Street-Debüt von Facebook die Frage auf, ob dies auch für die nächste Generation von sozialen Netzwerken, zu deren prominentesten Vertretern das New Yorker Unternehmen Foursquare gehört, ein Dämpfer ist. Crowley, Mitgründer und Vorstandsvorsitzender von Foursquare, weist von sich, dass nach dem Facebook-Börsengang eine neue Ära der Nüchternheit angebrochen sein könnte. Am Enthusiasmus im Kreise seiner Investoren habe sich nichts geändert, und Foursquare nehme sein Tempo nicht zurück, sagte er im Gespräch mit der F.A.Z.

Tatsächlich geht Foursquare gerade in die Offensive: Das Unternehmen hat vor wenigen Wochen eine neue Version seines Dienstes herausgebracht, mit drastischen Veränderungen, die einer strategischen Neuausrichtung gleichkommen. Außerdem forciert Foursquare nun seine Anstrengungen, Geld zu verdienen. Kürzlich wurde ein „Chief Revenue Officer” angeheuert, dessen Aufgabe es ist, Einnahmequellen für Foursquare zu finden – eine dringliche Aufgabe für das Unternehmen, das bislang kaum nennenswerte Umsätze erzielt. Crowley hüllt sich noch in Schweigen, welche Umsatzmodelle genau er sich vorstellen kann, aber er sagt so viel: „Es wird noch in diesem Jahr so weit sein, und es wird sich um eine ganze Reihe verschiedener Konzepte handeln.”

Crowley hat Foursquare 2009 zusammen mit Naveen Selvadurai gegründet, der das Unternehmen mittlerweile verlassen hat. Foursquare ist als standortbezogenes soziales Netzwerk konzipiert: Die Nutzer teilen ihren Freunden ihren Aufenthaltsort mit, indem sie per Handy „einchecken”. Sie verraten also zum Beispiel, in welchem Restaurant oder welchem Park sie gerade sind, sei es um spontane Treffen mit Freunden in der Nähe zu ermöglichen oder aus purem Mitteilungsdrang. Auch Spielerei ist dabei: So können Nutzer fürs Einchecken Punkte sammeln und „Bürgermeister” einer Lokalität werden, was wiederum bisweilen Belohnungen bringt, etwa in Form von Preisnachlässen oder eines Freigetränks. Üblicherweise haben die Nutzer auf Foursquare viel kleinere Netzwerke als auf Facebook: Crowley schätzt, dass jeder Foursquare-Nutzer im Schnitt mit rund 20 anderen Mitgliedern verbunden ist, bei Facebook ist die durchschnittliche Zahl der Kontakte Studien zufolge klar dreistellig. „Ihren Aufenthaltsort wollen viele Leute nicht einem so großen Kreis verraten”, sagt Crowley.

Als Ortungsdienst gehört Foursquare zu einer neuen Garde von Internetgesellschaften, die vor allem als mobile Applikationen auf Handys wie dem iPhone existieren und nur eine beschränkte Präsenz als gewöhnliche Internetseiten haben. Ein anderes Beispiel ist der Fotodienst Instagram, den Facebook für eine Milliarde Dollar kaufen will. Dieser Trend zu mobilen Diensten zählt zu den großen Herausforderungen von Facebook: Zwar wird Facebook auf mobilen Plattformen viel genutzt, aber das Unternehmen macht hier bislang nur geringe Umsätze.

Foursquare hat heute weltweit mehr als 20 Millionen Mitglieder, die insgesamt mehr als zwei Milliarden mal eingecheckt haben. Der Zeitraum, in dem die Nutzergemeinde um eine Million wächst, hat sich nach den Worten von Crowley kontinuierlich verkürzt und liegt derzeit bei weniger als einem Monat. Keine Angaben macht er aber dazu, wie aktiv diese Mitglieder sind, also wie oft sie die Applikation öffnen und einchecken.

Vor wenigen Wochen hat Foursquare eine Neuauflage seiner Applikation veröffentlicht und dabei das Erscheinungsbild radikal verändert. Das Einchecken steht jetzt nicht mehr so stark im Vordergrund wie bisher, dafür gewinnt das Suchen mit einem „Explore”-Feld an Prominenz. Das Ziel dabei ist es, den Nutzern maßgeschneiderte Empfehlungen zu geben, wenn sie etwa nach einem Sushi-Lokal oder nach einem Biergarten suchen. Dazu greift Foursquare auf seine Eincheck-Daten zurück, also etwa wo Nutzer und ihre Freunde in der Vergangenheit waren und zu welcher Tageszeit. Crowley sagt, mit der Neuausrichtung habe sich Foursquare einem veränderten Nutzerverhalten angepasst: Mitglieder öffnen die Foursquare-Applikation immer häufiger, ohne einzuchecken. Freilich kann Foursquare auf die Check-Ins nicht verzichten, da sie ein wichtiges Rohmaterial für die Empfehlungen bleiben.

Mit der neuen Version tritt Foursquare in einen direkteren Wettbewerb mit Empfehlungsdiensten wie Yelp. Crowley sagt, Foursquare hebe sich mit der Personalisierung seiner Vorschläge von Yelp ab. Auch die ohnehin schon bestehende Rivalität mit Facebook wird nicht geringer. So fasst Foursquare jetzt Aktivitäten und Kommentare von Freunden in einer Nachrichtenleiste zusammen, die dem Muster von Facebook folgt.

Die stärkere Ausrichtung hin zu einem Empfehlungsdienst könnte Foursquare als Partner für Händler oder Gastronomen interessanter machen – und damit dem Unternehmen Ansatzpunkte liefern, für seine Dienste Geld zu verlangen. Crowley will sich zwar noch nicht auf konkrete Schritte festlegen, aber er sieht Potenzial: „Der lokale Anzeigenmarkt wird bislang nicht ausreichend bedient, und er könnte sehr lukrativ werden.”

Facebook stößt mit dem Ausschlachten von Nutzerdaten für Werbezwecke auf viel Argwohn, diese Datenschutzbedenken sind gerade im Zuge des Börsengangs wieder breit diskutiert worden. Foursquare geht mit der Verwertung von Daten seiner Mitglieder in eine ähnliche Richtung, noch dazu mit sensiblen Informationen wie dem Aufenthaltsort. Könnte es vielleicht eine Gegenbewegung geben, die dazu führt, dass Menschen weniger offenherzig Informationen preisgeben? Crowley zeigt sich gelassen: „Vor zehn Jahren konnten sich die Menschen auch nicht vorstellen, persönliche Fotos ins Internet zu stellen oder zu twittern. Heute tun sie es, weil sie einen Nutzen darin sehen, Informationen auszutauschen.” Das gilt aus seiner Sicht auch für den Aufenthaltsort: „Ich stelle fest, dass mein Leben interessanter ist, wenn ich sage, wo ich bin – weil es mir immer wieder passiert, dass Freunde vorbeikommen.”

Foursquare ist nicht Dennis Crowleys erstes Unternehmen. 2003 gründete er zusammen mit einem Studienkollegen Dodgeball, ebenfalls ein standortbezogener Dienst und eine Art Foursquare-Vorläufer, der über SMS-Nachrichten funktionierte. Crowley verkaufte die Gesellschaft 2005 an den Internetkonzern Google und arbeitete dort einige Jahre lang. Google stellte Dodgeball aber schließlich ein, und Crowley verließ den Konzern wieder. Seine Lektion aus dieser Erfahrung: „Ich würde mein Unternehmen wohl nicht noch einmal so früh verkaufen.” Ob und wann er sich einen Verkauf von Foursquare vorstellen kann oder einen Börsengang, dazu hält er sich bedeckt: „Es gibt keinen Masterplan für ein bestimmtes Szenario, wir beschäftigen uns damit, das bestmögliche Produkt zu entwickeln.”

Dass der gerade 36 Jahre alte gewordene Crowley große Ambitionen für Foursquare hat, lässt sich auch an den neuen Büroräumen ablesen, die das Unternehmen im Januar bezogen hat. Foursquare hat die obersten beiden Stockwerke in einem Gebäude im schicken Stadtteil Soho angemietet, wo derzeit rund 90 der insgesamt 120 Beschäftigten arbeiten (der Rest entfällt auf Niederlassungen in San Francisco und London). Die Räume sind im Moment noch viel zu groß für Foursquare, und eines der beiden Stockwerke wird untervermietet, aber Crowley ist überzeugt, dass sich dies ändern wird: „Irgendwann brauchen wir den ganzen Platz, das ist zwangsläufig.”

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Foto: AFP

 

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (3)
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0 Alexander Witt (BLH) 04.07.2012, 17:24 Uhr

Zwischen Anspruch und...

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit liegen bekanntlich Welten … bei Dennis Crowley besonders viele ;-) … Mit 36 Jahren 20 Mio. Nutzer weltweit ist aus meiner Sicht etwas überschaubar … Bei einer angenommenen durchschnittlichen Wachstumsrate von 1-2 Mio. Nutzern pro Monat könnte er mit 40 Jahren mit sehr viel Wohlwollen bei 100 Mio. Nutzern landen … (!) … Vorausgesetzt die Facebooks, Yelps, Qypes und Googles dieser Welt kommen nicht auf die Idee, Foursquare mit eigenen Entwicklungen oder Zukäufen Paroli zu bieten … Trotzdem braucht die Branche visionäre Typen wie Crowley, die durch ihre frischen Denkanstöße und Taten für Marktveränderungen sorgen … Erinnert mich irgendwie an Steve Jobs ;-)

0 vonHolten 01.09.2012, 13:24 Uhr

Meinse sorge ist und bleibt...

Meinse sorge ist und bleibt der Datenschutz. Ich bin selber Facebooknutzer und sehe mit sorge das der Aktienkurs absinkt.... je schlechter es denen geht umso größer wird die versuchung meine Daten weiter zu monetarisieren. Das wird bei Foursquare nicht anders sein wenn die in schwirigere Gewässer kommen.

0 Querdenker 07.12.2012, 15:56 Uhr

Bis heute konnte sich...

Bis heute konnte sich Foursquare nicht durchsetzen und ich denke, dass wird es auch nicht mehr. Ausser der Early Adopter nutzt das keiner, ist nicht Mainstream genug und wird zu schnell langweilig. Ich denke selbst mit neuem Konzept wird es schwer für die.

Jahrgang 1970, Wirtschaftskorrespondent der F.A.Z. in New York.