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Angriff eines früheren Microsoft-Managers: "Steve Ballmer ist fehl am Platz"

25.01.2013, 15:29 Uhr  ·  Der gebürtige Deutsche Joachim Kempin hat ein Buch über seinen langjährigen Arbeitgeber geschrieben. Sein Urteil über den Vorstandschef ist wenig schmeichelhaft.

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Joachim Kempin arbeitet seit mehr als zehn Jahren nicht mehr für den amerikanischen Softwarekonzern Microsoft, aber er fühlt sich dem Unternehmen noch immer verbunden. Der gebürtige Deutsche findet es traurig, wenn er am Microsoft-Laden in Bellevue bei Seattle vorbeikommt. „Man hat Glück, wenn man da mal drei Leute drin sieht”, sagt er. Das sei umso auffälliger, weil im nahegelegenen Geschäft von Apple regelmäßig Hochbetrieb herrsche – und umso schmerzlicher, weil Microsoft in der Region seine Zentrale und somit einen gewissen Heimvorteil hat. „Microsoft hat sich von Wettbewerbern wie Apple das Wasser abgraben lassen”, stellt Kempin fest. Die Verantwortung dafür sieht er beim Vorstandsvorsitzenden Steve Ballmer, den er auf diesem Posten für fehl am Platz hält und der nach seiner Einschätzung auch nicht mehr so fest im Sattel sitzt. „Fünfzig zu fünfzig”, sagt Kempin auf die Frage, für wie wahrscheinlich er es hält, dass Ballmer in einem Jahr noch im Amt ist.

Der 71 Jahre alte Kempin hat kürzlich ein Buch über Microsoft herausgebracht, es trägt den etwas sperrigen Titel: „Resolve and Fortitude: Microsoft’s „secret power broker” breaks his silence” („Entschlossenheit und Stärke: Der „geheime Drahtzieher” von Microsoft bricht sein Schweigen”). Er schreibt darin über seine fast zwanzig Jahre währende Karriere in dem Softwarekonzern, die ihn von den Anfängen in der deutschen Niederlassung in die amerikanische Zentrale führte, wo er eng mit Ballmer und Mitgründer Bill Gates zusammenarbeitete – unter anderem als Senior Vice President mit Verantwortung für das wichtige Geschäft mit Computerherstellern. Er erzählt von seiner Rolle in dem spektakulären Kartellverfahren der amerikanischen Regierung gegen Microsoft, in dem er als Zeuge auftrat. Und er schildert seine Perspektive auf Microsoft als Außenstehender, seit er 2002 in Rente ging. Wenig schmeichelhaft fällt dabei vor allem sein Urteil über Ballmer aus. Unter dessen Führung sei der einstige Technologiepionier Microsoft zu einer „Vermögensverwaltungsgesellschaft” verkommen.

Mit der Attacke reiht sich Kempin bei anderen harschen Kritikern ein, die Stimmung gegen den seit 2000 amtierenden Vorstandschef gemacht haben. So forderte der Hedge-Fonds-Manager David Einhorn 2011 die Ablösung von Ballmer und verglich ihn mit Charlie Brown, dem Verlierertypen aus der Comicserie „Peanuts”. Er warf dem Microsoft-Chef vor, einen Trend nach dem anderen verschlafen zu haben. „Ballmers Problem ist, dass er in der Vergangenheit feststeckt,” war Einhorns Fazit.

Kempin, der noch immer in Seattle lebt und nach eigener Aussage Kontakt zu vielen gegenwärtigen Microsoft-Mitarbeitern hält, schlägt nun in eine ähnliche Kerbe. Microsoft habe sich auf zu vielen Gebieten abhängen lassen, von Internetsuche bis zu mobilen Plattformen wie Smartphones und Tabletcomputer. Dabei habe der Konzern Zukunftsmärkte wie Tablets oft früh erkannt, aber dann nicht entschlossen genug besetzt. Kempin beklagt außerdem, dass sich das Verhältnis von Microsoft zu wichtigen Partnern verschlechtert habe. So arbeiteten viele unabhängige Softwareentwickler heute lieber an Applikationen für Plattformen von Apple und Google. Seine traditionell enge Beziehung zu Computerherstellern wiederum setze Microsoft mit eigenen Vorstößen ins Hardwaregeschäft wie dem „Surface”-Tablet aufs Spiel. Kempin meint, Microsoft solle sich vollständig auf Software konzentrieren und aufhören, selbst Geräte zu verkaufen. Auch die Videospielekonsole Xbox passe nicht in den Konzern. Das habe er Ballmer auch bei einer persönlichen Begegnung vor zwei Jahren gesagt.

Kempin findet viele gute Seiten an Ballmer. Der Microsoft-Chef sei ein „glänzender Verkäufer”, der Respekt dafür verdiene, dass das Unternehmen bis heute eine gut geölte Gewinnmaschine geblieben ist. Aber auch wenn die Ergebnisse stimmen, sei Microsoft kein Unternehmen mehr, das in der Branche die Richtung vorgibt. Ballmer sei „ein Zahlenmensch und kein Technologievisionär”, der auf der Position eines für das Tagesgeschäft zuständigen Chief Operating Officer besser aufgehoben wäre. Microsoft hat nach Auffassung von Kempin keinen Mangel an talentierten Mitarbeitern mit Innovationsgeist, die aber oft durch die Konzernbürokratie behindert und nicht gefördert würden. Er vermutet, prominente Manager-Abgänge in den vergangenen Jahren wie Windows-Chef Steven Sinofsky oder Softwarestratege Ray Ozzie hätten damit zu tun gehabt, dass ihnen nicht genügend Freiraum gelassen wurde.

Bei aller Kritik an Ballmer sieht Kempin Microsoft gar nicht einmal auf einem durchweg schlechten Weg. Für sehr gelungen hält er zum Beispiel Windows 8, die neue Version des für Microsoft so wichtigen Betriebssystems. Selbst sein 19 Jahre alter Sohn sei davon begeistert. Kempin gefällt, dass Microsoft mit der sowohl für Personalcomputer als auch für Tablets konzipierten Neuauflage eine Brücke zu den aufstrebenden mobilen Plattformen schlägt. Daher zeigt er sich gegen Ende des Buches doch eher optimistisch mit Blick auf die Zukunft von Microsoft. Ob das freilich Steve Ballmer versöhnlich stimmt, ist eine andere Frage. Kempin sagt, er habe kurz vor Weihnachten sowohl an Ballmer als auch an Gates ein Exemplar des Buches geschickt. Keiner von beiden habe bislang reagiert.

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Foto: Archiv

 

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (3)
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0 barheine 25.01.2013, 17:50 Uhr

Das Kernproblem von Microsoft...

Das Kernproblem von Microsoft würde sich wohl auch mit einem neuen CEO nicht beseitigen lassen: Microsoft hat als Quasimonopolist für PC-Betriebssysteme und Officeanwendungen bei Konsumenten und Hardwareherstellern sehr viele Sympathien verspielt. Das ist wahrscheinlich das Schicksal, das jeden Anbieter mit einer marktbeherrschenden Stellung irgendwann ereilt. Ich prophezeie, dass es Google, Apple & Co. in ein paar Jahren nicht besser ergehen wird. Alles hat seine Zeit.

0 kraehendienst 26.01.2013, 16:01 Uhr

Dieser Kamikatze Balmer ist...

Dieser Kamikatze Balmer ist wie ein unerzogener Gorilla. Seine Gestikulierungen auf den Messetagen in Chicago oder San Francisco und bei seinen Hampelvorträgen erinnern an grenzdebile Schimpansen, die von Baum zu Baum im Kongo sprigend gleiten, wobei er unter Ügewicht holpert, rumpelt und nach seinem aktuellen Schauspieldesaster in der nächsten Mc-Filiale gelandet oder gerade von einer solchen gekommen sein könnte. Was "barheine" hier anspricht, ist ein typisch deutsches Phänomen: das des biederen, kleinbürgerlichen Neides. MS wie Multiple-Sklerose hat eine solche auf netzwerktechnische Art durch immer mehr Sicherheitslücken in seinen ach-so-aktuell-toll-weiterentwickelten Browserprogrammen IExxx. Hingegen stimmt sicherlich, dass Google nahe an dieser Klippe ist mit seinem krankhaft-ziellosen Datenwahn.

0 hauke 29.01.2013, 23:13 Uhr

Der Vergleich Apple Microsoft...

Der Vergleich Apple Microsoft hingt in meinen Augen immer. Microsoft ist der Riese der den Massenmarkt bedient, eine breite Nutzerbasis hat und mit Innovationen behutsam vorgehen muss. VW wird beim Golf auch keine Experimente wagen. Apple hat sich aus einer absoluten Krise heraus neu erfunden und konnte frei agieren. Heute gibt es viele Anzeichen dafür das auch Sie deutlichen an Schwung verlieren und sich in Richtung Microsoft entwickeln.

Jahrgang 1970, Wirtschaftskorrespondent der F.A.Z. in New York.