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Airbnb und die Sharing Economy: Die Couch wird Kollektivobjekt

03.03.2013, 13:41 Uhr  ·  Das amerikanische Online-Portal treibt die „Sharing Economy“ voran. Zugang wird wichtiger als Eigentum, sagen die Gründer. Es ist eine Idee mit Tücken.

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Bethany Nagy kam es wie die perfekte Lösung vor, um ihren finanziellen Engpass zu überbrücken. Die New Yorkerin hatte ihren Job in einer Werbeagentur verloren, warum also nicht ihre Wohnung über den Online-Dienst Airbnb an Touristen vermieten, um sich erstmal über Wasser zu halten? Es ließ sich glänzend an: Nagy nahm 200 Dollar je Nacht ein, sie selbst fand in der Zwischenzeit bei einer Freundin Unterschlupf. Die ersten Gäste waren wie aus dem Bilderbuch. Ein netter und ruhiger Engländer war dabei, der sogar ein paar kleine Geschenke hinterließ. Oder eine Spanierin, nach deren Auszug die Wohnung ordentlicher war als vorher. Dann aber kamen die drei Jungs aus Argentinien. Mitte zwanzig, sehr freundlich, aber extrem partywütig und mit fragwürdigem Sauberkeitsverständnis. Bilanz nach zehn Tagen: Ein Couchtisch mit zerbrochener Glasscheibe, Decken voller Flecken und Dutzende von Zigarettenkippen auf der Terrasse. Nagy sagt: „Das war ein ziemlicher Dämpfer nach den guten Erfahrungen am Anfang. Aber ich finde Airbnb noch immer eine tolle Idee.“

Fremde Menschen in die eigene Wohnung lassen – es ist ein Konzept, das erst abenteuerlich klang, trotzdem zum Massenphänomen wurde, aber offenbar bis heute seine Tücken hat. Airbnb hat sich damit seit der Gründung im Jahr 2007 an die Speerspitze eines Trends gesetzt, der „Sharing Economy“. Die eigene Wohnung oder auch nur ein Zimmer oder eine Couch werden mit anderen geteilt, sprich vermietet, und Airbnb tritt dabei als Makler auf, der vom Vermieter und vom Gast eine Gebühr bekommt. Das Teilen beschränkt sich längst nicht mehr auf Wohnraum. Es gibt Airbnb-ähnliche Vermittlungsdienste für eine Vielzahl anderer Dinge, von Autos über Parkplätze und Büroraum bis hin zu Werkzeugen, Elektronikgeräten und Musikinstrumenten. Die Idee ist es, vorhandene Ressourcen besser zu nutzen. Warum selbst ein Auto, eine Videokamera oder eine Bohrmaschine kaufen, wenn es genug Leute gibt, bei denen diese Dinge gerade ungenutzt herumstehen oder –liegen? „Zugang wird viel wichtiger als Eigentum,“ sagt Joe Gebbia, einer der drei Gründer von Airbnb. Gebbia denkt in großen Dimensionen: „Die Sharing Economy kann so bedeutend wie die industrielle Revolution werden.“

Die Anfänge von Airbnb waren freilich klein und aus der Not geboren. Es begann in der Wohnung in San Francisco, die sich Gebbia mit Brian Chesky teilte, einem Freund aus Studientagen an einer Design-Universität in Rhode Island. Die beiden hörten, dass wegen einer Konferenz alle Hotelzimmer in ihrer Gegend ausgebucht waren. Das Geld war knapp, also kam der Gedanke, Platz in der Wohnung zu vermieten. Sie besorgten sich zwei Luftmatratzen (daher das „Air“ im Namen), entwarfen eine Internetseite und boten dort die Schlafgelegenheiten an, für die sie schnell Abnehmer fanden. Die Gäste waren dankbar, nicht nur für die billige Bleibe, sondern auch, weil ihnen die Übernachtung bei Einheimischen mehr Lokalkolorit bot als ein Hotel. Gebbia und Chesky witterten eine Geschäftschance, auch wenn ihre Eltern es erst für eine Schnapsidee hielten. Nathan Blecharczyk wurde als weiterer Ko-Gründer rekrutiert, und die drei landeten erste Erfolge, indem sie auf Städte mit Großveranstaltungen abzielten. Etwa Denver zur Zeit des Parteitags der Demokraten 2008. Heute hat Airbnb 300000 Unterkünfte in 35000 Städten auf der ganzen Welt, zum Angebot zählen sogar Schlösser und Iglus. Allein 2012 haben drei Millionen Menschen auf Airbnb gebucht. Angaben zu Umsätzen oder Gewinnen macht das Unternehmen nicht.

Freilich hat Airbnb ebenso wie die „Sharing Economy“ im allgemeinen einen wunden Punkt. Die Konzepte leben davon, dass die Nutzer sich vertrauen können. 2011 sorgte der Fall einer Kalifornierin, deren Wohnung von einem Airbnb-Gast verwüstet wurde, auf der ganzen Welt für Schlagzeilen. Airbnb bemüht sich, das Risiko für Horrorgeschichten zu minimieren. Die Kundenbetreuung wurde ausgebaut, und es gibt umfangreiche Bewertungs- und Sicherheitsmechanismen. So hat das Unternehmen unter seinen 600 Mitarbeitern ein Team mit dem Namen „Vertrauen und Sicherheit“ mit einem früheren Geheimdienstoffizier des amerikanischen Militärs an der Spitze. Außerdem wurde ein Garantieprogramm eingeführt, das Gastgeber für etwaige Sachschäden unter bestimmten Konditionen mit bis zu einer Million Dollar (700000 Euro in Deutschland) kompensiert. Gebbia sagt, die Garantie sei bislang „schockierend selten“ in Anspruch genommen worden. Er meint, unter den Nutzern der Plattform herrsche ein Gemeinschaftsgefühl: „Leute mit bösen Absichten kommen nicht zu Airbnb.“

All das schließt Reinfälle wie bei der New Yorkerin Nagy aber nicht völlig aus – ebenso wenig wie Enttäuschungen auf Seiten der Gäste. Die Berlinerin Inti Reiland quartierte sich zum Beispiel im vergangenen Jahr über Airbnb für vier Nächte im New Yorker Stadtteil Brooklyn ein. Die Wohnung habe auf den Fotos einen soliden Eindruck gemacht, aber die Realität sei reichlich unappetitlich gewesen: „In der Küche kamen Motten aus dem Mehl raus, überall lagen Hundehaare, der Badewannenabfluss war total verstopft.“ Reiland hat darauf verzichtet, eine schlechte Bewertung für den Gastgeber auf der Airbnb-Seite zu hinterlassen: „Ich wollte nicht an das Erlebnis erinnert werden.“ Abgeschworen hat sie Airbnb trotzdem nicht: „Es ist schon ein gute Option fürs Reisen. Ich hatte halt diesmal Pech.“

Mitgründer Gebbia erzählt lieber andere Episoden. Etwa von der Südamerikanerin Isabella, die regelmäßig Airbnb-Gäste in ihrer Wohnung in San Francisco beherbergt und damit nicht nur die Haushaltskasse aufbessert, sondern auch gelernt hat, fließend Englisch zu sprechen. Der 31 Jahre alte Unternehmer nutzt seine Seite auch rege selbst: „Ich war seit mindestens fünf Jahren in keinem Hotel mehr.“ In seiner Wohnung – die gleiche wie 2007, die er noch immer mit Chesky teilt – hat er bis heute Airbnb-Gäste. Rund 180 seien es in all den Jahren gewesen, „lauter wunderbare Menschen aus allen möglichen Ländern; ich kann mich höchstens an einen erinnern, der nicht ganz auf meiner Wellenlänge lag.“ Für Gebbia hört die „Sharing Economy“ nicht damit auf, Besuchern einen Schlafplatz in seiner Wohnung zu geben: „Außer ganz persönlichen Sachen wie Briefen gibt es kaum etwas, das ich nicht teilen würde. Ich fühle mich sowieso besser, wenn ich weniger Zeug habe.“

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (4)
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6 Moses Steinhausen 03.03.2013, 18:38 Uhr

„Außer ganz persönlichen Sachen wie Briefen gibt es kaum etwas, das ich nicht teilen würde. Ich fühl

Die "Sachen"sind dann halt nicht weg, sondern nur "woanders". Schade, dass die recht interessante Geisteshaltung im letzten Satz nicht weiter hinterfragt wird. In Berlin hat der Trend, Wohnungen möglichst ganzjährig an Touristen zu vermieten, so ausgeufert, dass jetzt gesetzlich reguliert wird.

1 Virginia Winter 04.03.2013, 02:30 Uhr

Zukunft

Wir reisen wenn es geht IMMER mit AirBnB und sind noch nie enttäuscht worden!

Warum in Grossstädten in unpersönlichen Motels und Hotels landen wenn man ein schönes Zuhause teilen kann. Klar gibt es zum Beispiel in Vancouver Häuser die komplett vermietet sind an Untermieter, mit einem Zimmermädchen- oder jungen der in der Garage schlafen muss. Aber das melden wir dann auch, vor allem wenn es so dargestellt wird auf der Seite als wäre es ein ganz normales Privathaus.

Die Idee mit dem teilen jetzt freilich eine gewisse geistige Reife voraus. Und ist wohl das Gegenteil von "mein Haus - mein Auto - mein Pferd".

Hier in Nordamerika ist teilen viel verbreiteter, auch ganz ohne entsprechende Organisationen. Es ist einfach mit der Tatsache verknüpft das sich die Einwanderer früher gegenseitig geholfen haben und helfen mussten. Das hat sich zu einem festen Bestandteil der Kultur entwickelt. So sehen Europäer dies häufig hier in Kanada als besondere "Freundlichkeit", es ist aber die in der Kultur verankerte Hilfsbereitschaft und das teilen von Dienstleistungen und Besitztum.

So ist ja hier auch die Voluntärarbeit von Kindheit an eine sehr wichtige Angelegenheit und man bekommt zum Beispiel keinen Job bei der kanadischen Polizei, wenn man nicht seine Voluntärstunden nachweisen kann und es genügend davon sind!

1 Heinz Müller 04.03.2013, 08:07 Uhr

Berlin als Beispiel zu nehmen

trifft natürlich immer ... aber das hat nichts mit Teilen zu tun.
Im Übrigen wäre es doch sinnvoller, die Geisteshaltung zu hinterfragen, die das Sein über das Haben definiert, Herr Steinhausen. ;)

0 Gast 05.03.2013, 16:54 Uhr

[...] Dennoch denke ich, dass auf der...

[...] Dennoch denke ich, dass auf der kollektiven Nutzung von Privateigentum basierende Geschäftsmodelle weiteren Zulauf erfahren werden. Als begünstigende Faktoren hierfür sehe ich die sinkende Kaufkraft und zunehmende Verarmung, insbesondere der jungen Generation in Europa, die weitere Ausbreitung der Internetkultur und Akzeptanz sozialer Netzwerke, geschicktes Marketing kapitalstarker Investoren sowie Nachhaltigkeitserwägungen bei einkommensstärkeren Bevölkerungsschichten. Quellen: Wirtschaftswoche: Besitzen ist out – Teilen ist in Netzwirtschaft: Airbnb und die Sharing Economy [...]

Jahrgang 1970, Wirtschaftskorrespondent der F.A.Z. in New York.

Chronik 2014