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Fotovernichter Snapchat: Mit Zerstörungswut gegen Facebook

10.03.2013, 23:39 Uhr  ·  Die Smartphone-Applikation liefert ein Kontrastprogramm zum Datenhunger anderer sozialer Netzwerke. Versendete Inhalte verschwinden nach kurzer Zeit wieder. Das ist ein Hit bei amerikanischen Teenagern.

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Facebook sieht es als seine Unternehmensmission, die Welt „offener und vernetzter“ zu machen. „Wir glauben, eine offenere Welt ist eine bessere Welt,“ schrieb Mitgründer und Vorstandsvorsitzender Mark Zuckerberg im vergangenen Jahr vor dem Börsengang des sozialen Netzwerks in einem Brief an seine künftigen Aktionäre. Für Kritiker ist dieser Weltverbesserungsanspruch nichts weiter als ein Versuch von Facebook, seine Datensammelwut zu legitimieren. Neuerungen auf der Seite zielen oft darauf ab, dass Nutzer mehr von sich preisgeben und diese Informationen leichter abrufbar werden; sei es die „Chronik“-Darstellung in den Mitgliederprofilen oder die kürzlich angekündigte Suchfunktion „Graph Search“. Der angehäufte Datenberg hilft Facebook dabei, seinen Mitgliedern maßgeschneiderte Werbung zu zeigen, was für das Unternehmen seit dem Börsengang umso wichtiger geworden ist. Bei den Nutzern verstärkt dieser Datenhunger freilich das Gefühl, dass alles, was auf Facebook preisgegeben wird, einen später einmal einholen könnte.

Genau auf diese offene Flanke zielt das Unternehmen Snapchat aus Los Angeles ab, das mit seiner gleichnamigen Smartphone-Applikation derzeit für Furore sorgt. Snapchat verspricht seinen Nutzern ein Kontrastprogramm zur endlosen Datenarchivierung. Stattdessen hat die Plattform einen eingebauten Selbstzerstörungsmechanismus: Die hier ausgetauschten Fotos und Videos sind für den Empfänger nur bis zu zehn Sekunden lang sichtbar, dann verschwinden sie wie von Geisterhand und können nicht gespeichert werden (entsprechend ist auf dem Logo ein Gespenst zu sehen). „Vergänglichkeit hat einen Nutzen,“ heißt es im Blog des Unternehmens.

Die Idee hat in Amerika eingeschlagen, vor allem bei Teenagern. Seit Monaten ist Snapchat hier unter den zwanzig am meisten heruntergeladenen Gratisapplikationen für das iPhone und liegt sogar vor dem populären Fotodienst Instagram, der seit 2012 zu Facebook gehört. Über Snapchat werden mittlerweile 60 Millionen Fotos am Tag verschickt, 20 Millionen mehr als auf Instagram (Facebook selbst lag zuletzt bei 350 Millionen Fotos am Tag). Der Erfolg von Snapchat hat Facebook offenbar alarmiert. Vor ein paar Monaten brachte das Unternehmen eine Konkurrenz-Applikation mit dem Namen „Poke“ heraus, die ebenfalls eine Selbstzerstörungsfunktion hat, bisher aber nicht annähernd so populär ist. Daneben sind andere Unternehmen wie zum Beispiel Wickr entstanden, die einen ähnlichen Ansatz verfolgen.

Das Prinzip der Kurzlebigkeit animiert die Nutzer, offenherziger Inhalte auszutauschen. Es scheint gefahrloser als bei Facebook, auch unschmeichelhafte oder anzügliche Fotos zu verschicken. Nicht umsonst eilt Snapchat in Amerika der Ruf einer „Sexting“-Applikation voraus, die sich vor allem um Schlüpfrigkeiten dreht. Das wollen die beiden Gründer Evan Spiegel und Bobby Murphy freilich nicht gelten lassen. Für sie ist Snapchat ein Instrument für eine authentischere Kommunikation jenseits des weichgezeichneten Bildes, das Facebook-Nutzer oft von sich vermitteln. Spiegel schrieb in dem Unternehmensblog, Snapchat sei eben nicht für den „traditionellen Kodak-Moment“ gedacht, und es gehe nicht nur darum, „hübsch oder perfekt“ zu wirken. Dagegen seien auf Snapchat lustige Bilder gut aufgehoben, auf denen man vielleicht nicht im besten Licht erscheint, etwa weil man eine Grimasse schneidet. Inspiration für Snapchat seien Geschichten von Facebook-Nutzern gewesen, die vor Bewerbungsgesprächen in Notaktionen hastig namentliche Markierungen („Tags“) von Fotos entfernt hätten.

Der Selbstzerstörungsmechanismus ist freilich nicht ganz wasserdicht. So kann der Empfänger ein Snapchat-Foto vom Bildschirm seines Smartphones mit einem „Screenshot“ festhalten, bevor es verschwindet. In dem Fall wird der Versender allerdings benachrichtigt, was als Abschreckungsmechanismus wirken könnte. Es gab allerdings Berichte, wonach eine solche Screenshot-Benachrichtigung mit ein paar Kniffen umgangen werden kann. Gänzlich machtlos ist Snapchat zudem, wenn ein empfangenes Bild mit einem zweiten Gerät abfotografiert wird. Auf diese Gefahr weist das Unternehmen auch in seinen offiziellen Privatsphärerichtlinien hin. Dort heißt es auch, dass Snapchat die versendeten Bilder und Videos nur vorübergehend auf seinen eigenen Rechnern speichere. Das Unternehmen versuche, die Daten „so bald wie möglich“ zu löschen, könne aber nicht garantieren, dass dies auch in jedem Fall geschehe. „Deshalb sendet der Nutzer Nachrichten auf eigenes Risiko.“

Der Verzicht auf das Datensammeln schränkt die Optionen von Snapchat bei der Kommerzialisierung des Dienstes ein. Bislang erzielt das 2011 gegründete Unternehmen keine Umsätze. Trotzdem stößt Snapchat bei Investoren auf Interesse: Nach einem Bericht der „New York Times“ hat Snapchat kürzlich in einer von der Wagniskapitalgesellschaft Benchmark Capital angeführten Finanzierungsrunde 13,5 Millionen Dollar eingesammelt und wurde dabei mit bis zu 70 Millionen Dollar bewertet. Benchmark-Partner Mitch Lasky sagte: „Wir glauben, dass Snapchat eines der wichtigsten Unternehmen für mobile Dienste in der Welt werden kann.“

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Veröffentlicht unter: Facebook, Snapchat

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (2)
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27 Guido Wirtz 11.03.2013, 11:08 Uhr

Das SNAPCHAT-Prinzip wäre eine ideale Anwendungsphilosophie für 99% aller FACEBOOK-Inhalte

Ex & Hopp, war eh nicht wichtig.

SNAPCHAT verdient derzeit kein Geld. Ich bin aber überzeugt, dass es ein geldwerter Nutzen werden wird, nicht auf Ewigkeiten von seinen eigenen (nicht immer intelligenten) Absonderungen verfolgt werden zu können.

Am Erfolg dieses Prinzips werden GOOGLE und FACEBOOK wesentlichen Anteil haben.
Die unglaubliche Flut an Information öffnet den Nutzern immer weiter die Augen, wie wenig Relevanz das Allermeiste über einen längeren Zeitraum hat. Vom Missbrauchspotential spreche ich noch gar nicht.
Der Einbau von Verfallsdaten in den Umgang mit unseren eigenen gespeicherten Informationen ist überfällig.

Sonst werden wir am Ende alle zu Datenmessies. Im Unterschied zu normalen Messies finden wir zwar alles wieder. Die eigentliche Frage aber bleibt dieselbe: WOZU wollen wir all das nutzlose Zeug aufheben?

5 H. Trickler 11.03.2013, 13:31 Uhr

Das digitale Verfalldatum ist eine gefährliche Illusion!

Was einmal im Netz gespeichert war lässt sich (leider) unter keinen Umständen mehr zuverlässig entfernen. Wer über die dafür notwendigen übernatürlichen Fähigkeiten verfügt wäre über Nacht mächtig und stinkreich...

Jahrgang 1970, Wirtschaftskorrespondent der F.A.Z. in New York.