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Netzwirtschaft

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Die Digitalisierung erfasst immer mehr Lebensbereiche. Wie sie sich auf Menschen und Märkte auswirkt, beleuchtet das Netzwirtschaft-Blog auf FAZ.NET.

Kämpfer um Aufmerksamkeit

Der Umsatz mit Video-On-Demand wächst in Deutschland, doch spielen Abopakete dabei bislang noch eine untergeordnete Rolle. Das Unternehmen Watchever will diesen Umstand ändern - und strebt inzwischen auf eine halbe Million Nutzer zu.

Vor kurzem hat die deutsche Videobranche ein Rekordergebnis vermeldet. Im abgelaufenen ersten Quartal dieses Jahres haben die Deutschen so viel Geld wie noch nie ausgegeben, um Filme oder Serien zu kaufen und zu leihen. Insgesamt wuchs der Umsatz der Branche nach Angaben des Bundesverbands Audiovisuelle Medien auf 443 Millionen Euro. Dabei stach besonders das Wachstum der sogenannten Video-on-Demand-Sparte heraus: Filme oder Serien über das Internet zu kaufen oder zu leihen, ist weiter ein Wachstumsmarkt, der im ersten Quartal dieses Jahres auf nunmehr 46 Millionen Euro angeschwollen ist. In diesem Jahr wird der Umsatz mit Video on Demand damit wohl erstmals die Schwelle von 100 Millionen Euro durchbrechen.

Dazu trägt auch ein Unternehmen bei, das sich erst seit Anfang des Jahres um Zuschauer bemüht: die Berliner Watchever GmbH, ein Tochterunternehmen des französischen Medienkonzerns Vivendi. Watchever ist erst im Januar gestartet und hat seitdem nach Angaben seines Geschäftsführers Stefan Schulz ein ordentliches Wachstum hingelegt. „Das Geschäft hat sich sehr gut entwickelt“, sagt Schulz. „Wir haben nach kaum sechs Monaten im Durchschnitt 2000 bis 4000 neue Kunden pro Tag gewonnen und die halbe Million Nutzer fest im Visier.“ Genaue Zahlen nennt Schulz nicht, doch hochgerechnet, ergibt sich aus seinen Angaben eine Nutzerzahl von rund 340.000 Menschen seit Anfang des Jahres. Zum Vergleich: Als der amerikanische Dienst Netflix im vergangenen Jahr in Großbritannien auf den Markt kam, hatte er nach sechs Monaten schon eine Million Online-Nutzer. Allerdings hatte Netflix damals auf dem amerikanischen Video-On-Demand-Markt auch schon fünf Jahre lang Erfahrung gesammelt.

Hinzu kommt, dass Watchever in einem Marktsegment agiert, das in Deutschland noch immer weit davon entfernt ist, die breite Masse anzusprechen: Bei dem mit SVOD abgekürzten Subscription-Video-On-Demand zahlen Kunden eine feste monatliche Abogebühr und können dafür permanent auf einen ganzen Katalog von Filmen und Serien zugreifen. Watchever hält nach eigenen Angaben derzeit rund 2500 Spielfilme und 7500 Serienepisoden parat, die die Nutzer jederzeit schauen können.

Während etwa bei Musikstreamingdiensten wie Spotify oder Simfy Nutzer inzwischen schon eher daran gewöhnt sind, im Internet für eine Grundgebühr unbegrenzt Medien zu konsumieren, herrscht bei Film- und Fernsehinhalten meist noch das Erlösmodell des Transactional-Video-On-Demand vor (TVOD). Dabei zahlen Nutzer nur für jene Inhalte, die sie tatsächlich anschauen. Im vergangenen Jahr setzten nach Angaben des Bundesverbands Audiovisuelle Medien SVOD-Angebote 22 Millionen Euro um, während TVOD-Angebote 55 Millionen Euro erlösten.

Neben Watchever versuchen andere Anbieter hierzulande schon länger Abopakete voranzubringen, zum Beispiel der Fernsehsender Prosieben Sat.1 mit seinem Angebot Maxdome und das Internetunternehmen Amazon mit seiner Tochtergesellschaft Lovefilm. Während Maxdome nicht offiziell angibt, wie viele Nutzer es hat, teilt Lovefilm nur mit, dass es mehr als 2 Millionen Mitglieder in Deutschland, Großbritannien, Dänemark, Norwegen und Schweden hat. Allerdings ist das Amazon-Unternehmen gleichzeitig auch ein DVD-Verleih. Daher lässt diese Zahl keine Rückschlüsse auf die Video-On-Demand-Nutzung zu.
Watchever ist daher vor allem angetreten, den Gesamtmarkt zu vergrößern. Watchever-Geschäftsführer Schulz nimmt dabei aber naturgemäß keine Rücksicht auf die Konkurrenz. „Unsere Motivation ist es, höhere Nutzungszeiten zu erzeugen. Dabei ist es egal, ob unser Angebot zusätzliche Nutzungsdauer schafft oder den Markt kannibalisiert, also anderen Angeboten die Nutzungszeiten entzieht“, sagt Schulz. „Wir liegen jetzt schon bei 35 Minuten pro Nutzer am Tag und sind auf gutem Weg, die Stunde zu erreichen.“

Nach Angaben von Schulz entscheidet das Engagement der Nutzer, dass sie auf die Plattform zurückkehren und vor allem nach dem ersten kostenfreien Probemonat auch ein kostenpflichtiges Abo abschließen. Bisher scheint Watchever es zumindest zu schaffen, einen großen Teil der Nutzer regelmäßig zurückzuholen. Laut dem Geschäftsführer nutzen rund 60 Prozent das Angebot derzeit täglich.

Noch mehr Engagement soll von der kommenden Woche an eine engere Verzahnung mit dem größten sozialen Netzwerk der Welt bringen. Als einer der ersten Video-On-Demand-Anbieter überhaupt wird Watchever eine eigene Facebook-Anwendung ins Rennen schicken. Es wäre die erste außerhalb Nordamerikas. Mit ihr können bei dem Dienst registrierte Nutzer direkt die im Abo inbegriffenen Filme oder Serien abrufen, ohne Facebook zu verlassen. Das Berliner Unternehmen will das Netzwerk vor allem als Vertriebsweg nutzen – und im Kampf um die Aufmerksamkeit der Nutzer zulegen. „Die wahre Konkurrenz ist da, wo wir um die Zeit mit anderen Unterhaltungs- und Medienangeboten konkurrieren“, sagt Schulz. „Es herrscht ein Verdrängungswettbewerb um Aufmerksamkeit.“

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