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Keine Lust mehr auf Zynga-Spiele

24.08.2013, 16:14 Uhr  ·  Der einstige Aufsteiger der amerikanischen Internetbranche gibt heute ein desolates Bild ab. Die Nutzer wandern in Massen ab. Und der wichtige Partner Facebook geht auf Distanz.

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Die amerikanische Internetbranche hat in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe enttäuschender Börsendebüts erlebt. Ob das soziale Netzwerk Facebook, das Rabattportal Groupon oder der Spielespezialist Zynga: Sie alle kamen mit hohen Erwartungen an die Wall Street, aber sie mussten mit ansehen, wie die Kurse ihrer Aktien weit unter die Ausgabepreise beim Börsengang fielen. Mittlerweile hat sich die Stimmung zumindest für einige Unternehmen wieder gedreht. Die Facebook-Aktie setzte kürzlich nach viel besser als erwarteten Quartalszahlen zu einem Höhenflug an und notiert jetzt wieder über dem Ausgabepreis. Soweit ist Groupon zwar noch nicht, aber der Kurs des Rabattportals hat sich seit Jahresanfang verdoppelt. Nur das Bild bei Zynga bleibt desolat: Hier reißen die schlechten Nachrichten in diesem Jahr nicht ab. Nutzerzahlen und Umsätze schrumpfen, und das Unternehmen sah sich zu Massenentlassungen und einem Führungswechsel gezwungen. Der Aktienkurs von rund 2,90 Dollar bleibt weit vom Ausgabepreis von 10 Dollar beim Börsengang im Dezember 2011 entfernt.

Der jüngste Rückschlag kam bei der Vorlage des Quartalsberichts. Nicht nur waren die Zahlen an sich verheerend, Zynga hatte auch noch eine böse Überraschung parat. Das Unternehmen kündigte an, nun doch keine Lizenz für Glücksspiel mit echtem Geld in Amerika beantragen zu wollen. Damit war die Hoffnung von Analysten dahin, dass Zynga sich neben seinem schwächelnden angestammten Spielegeschäft ein neues Standbein als Online-Kasino schaffen könnte.

Zynga wurde 2007 gegründet und machte sogenannte „social games“ populär. Das sind interaktive Spiele, die vor allem auf sozialen Netzwerken wie Facebook gespielt werden. Einer der ersten großen Erfolge von Zynga war die Bauernhofsimulation „Farmville“, danach kam eine Reihe ähnlicher Spiele wie „Cityville“ oder „Chefville“. Die Spiele an sich sind für die Nutzer meist kostenlos. Zynga erzielt seine Umsätze vor allem mit dem Verkauf virtueller Güter, die Spieler voranbringen oder ihnen zusätzliche Optionen eröffnen.

Das Geschäft lief gut, solange sich die Nutzer für die Spiele von Zynga begeistert haben. Aber mittlerweile haben viele Titel an Zugkraft verloren, und Zynga hat es nicht geschafft, mit erfolgreichen neuen Spielen für Nachschub zu sorgen. Auch Akquisitionen konnten die entstandenen Lücken nicht dauerhaft füllen. Im vergangenen Jahr kaufte Zynga den Hersteller des damals sehr beliebten Spiels „Draw Something“. Schon bald nach der Übernahme schwand das Interesse an dem Spiel, und Zynga musste einen großen Teil des Kaufpreises abschreiben.

Zynga hat zuletzt eine wahre Erosion bei den Nutzerzahlen erlebt. So hatte das Unternehmen im zweiten Quartal 187 Millionen monatliche Nutzer, nur drei Monate zuvor war noch von 253 Millionen die Rede, im Vorjahr lag Zynga bei 306 Millionen. Vor wenigen Monaten verlor Zynga seine Position als Anbieter von Facebook-Spielen mit den meisten Nutzern. Neuer Spitzenreiter ist das britische Unternehmen King, von dem das Spiel „Candy Crush Saga“ kommt.

Trotz aller Bemühungen, sich mit einer eigenen Plattform von Facebook unabhängiger zu machen, ist das soziale Netzwerk noch immer von enormer Bedeutung für Zynga. Im zweiten Quartal hat Zynga mehr als 75 Prozent seiner Umsätze auf der Plattform erzielt. Aber Facebook geht mehr und mehr auf Distanz: Vorstandsvorsitzender Mark Zuckerberg hat wiederholt öffentlich gesagt, dass Zynga-Titel sich auf Facebook schlechter schlagen als andere Spiele. Bei der Vorlage der letzten Quartalszahlen im Juli hob Facebook die gute Entwicklung der Titel von King hervor. Insgesamt sei der Umsatz mit Spieleherstellern, von denen Facebook Provisionen kassiert, um 7 Prozent gewachsen. Zynga wies dagegen für das zweite Quartal ein Umsatzminus von 31 Prozent aus. Neben der verstärkten Konkurrenz leidet Zynga auch unter seiner bisher vergleichsweise schwachen Position auf mobilen Geräten wie Smartphones und Tabletcomputern, die als Vehikel für Videospiele immer beliebter werden.

Das schrumpfende Geschäft zwingt Zynga zum Sparen. Anfang Juni kündigte das Unternehmen einen drastischen Personalabbau an. 520 Stellen wurden gestrichen, was fast einem Fünftel der Belegschaft entspricht. Wenige Wochen später kam der nächste Paukenschlag, als Zynga-Gründer Mark Pincus seinen Posten als Vorstandsvorsitzender abgab. An seine Stelle rückte Don Mattrick, der vorher im Softwarekonzern Microsoft das Geschäft mit der Videospielekonsole Xbox führte. Die Berufung von Mattrick, der in der Branche einen guten Ruf genießt, galt als Coup für Zynga und hat dem Aktienkurs zwischenzeitlich einen Schub gegeben.

Mittlerweile hat sich aber wieder Ernüchterung breitgemacht, nicht zuletzt aufgrund der Entscheidung, bei den Initiativen mit dem Glücksspiel auf die Bremse zu treten. Zynga zieht sich noch nicht ganz zurück und will einen in Großbritannien laufenden Test mit Glücksspielaktivitäten fortsetzen. Aber  der amerikanische Heimatmarkt, auf dem Online-Kasinos seit kurzem in einigen Bundesstaaten erlaubt sind, fällt nun als Hoffnungsträger aus. Zynga begründete die Entscheidung damit, seine Aufmerksamkeit auf sein angestammtes Spielegeschäft fokussieren zu wollen. Mit einer schnellen Belebung rechnet der neue Vorstandschef Don Mattrick aber selbst nicht. Bei der Vorlage der jüngsten Zahlen sagte er: “Wir erwarten in den nächsten zwei bis vier Quartalen mehr Volatilität in unserem Geschäft als wir das gerne hätten.”

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Jahrgang 1970, Wirtschaftskorrespondent der F.A.Z. in New York.