Netzwirtschaft

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Zwei Deutsche mischen Kanadas Gründerszene auf

Erst Snowboard-Händler, heute Softwareunternehmer: Tobias Lütke und Daniel Weinand haben für Shopify eine Milliardenbewertung herausgeholt. "Nicht jeder will ins Silicon Valley," sagen sie.

© Matthew WiebeTobias Lütke (links) und Daniel Weinand

Die kanadische Technologieindustrie hat schon einmal bessere Tage erlebt. Der Smartphone-Pionier Blackberry, auf den das Land einst so stolz war, wurde von Wettbewerbern wie Apple abgehängt. Der Telekommunikationsausrüster Nortel Networks, ein ehemaliger Börsenstar, brach zusammen und wurde liquidiert. Jetzt nehmen sich ausgerechnet zwei Deutsche vor, eine neue kanadische Erfolgsgeschichte zu schreiben, mit einem hoffentlich besseren Ausgang als bei Blackberry oder Nortel. Tobias Lütke und Daniel Weinand sind Mitgründer von Shopify, einer Plattform, die Unternehmen dabei hilft, ihre Produkte online zu verkaufen. Shopify wurde bei seiner jüngsten Finanzierungsrunde mit rund einer Milliarde Dollar bewertet. Diese Schwelle hat seit dem Platzen der Technologieblase um den Jahrtausendwechsel herum kein anderes Internetunternehmen mehr erreicht. Und Vorstandsvorsitzender Lütke sieht Shopify auf dem Weg zu einem Unternehmen mit einem Jahresumsatz in Milliarden-Dollar-Höhe: „Der Markt ist phänomenal groß,“ sagte er im Gespräch mit dieser Zeitung.

Dass Lütke und Weinand zu einem Aushängeschild der kanadischen Internetszene geworden sind, hat viel mit persönlichen Gründen zu tun und geschah nicht ohne Umwege. Beide haben bei Urlauben in Kanada ihre späteren Frauen kennengelernt, die zunächst mit nach Deutschland kamen, aber dann wieder in ihre Heimat zurückwollten. Lütke ließ sich 2002 in Kanada nieder, Weinand folgte einige Jahre später.

Die Idee für Shopify entstand aus Lütkes und Weinands erstem unternehmerischem Gehversuch, einem Online-Händler für Snowboards und zugehörige Ausrüstung mit dem Namen „Snowdevil“. Die Deutschen fanden es frustrierend und teuer, einen eigenen Online-Laden aufzubauen und zu betreiben. Also kam ihnen der Gedanke, eine Plattform zu schaffen, die vor allem kleineren Anbietern diese Aufgaben abnimmt und ihnen damit den Einstieg in den Online-Handel erleichtert. Lütke und Weinand beschlossen, Snowdevil aufzugeben und von Snowboard-Händlern zu Softwareunternehmern zu werden. Während sie selbst noch 10000 Dollar investieren mussten, um ihren Snowboard-Laden startbereit zu machen, bieten sie ihren Kunden heute für monatliche Gebühren zwischen 14 und 179 Dollar Unterstützung beim Online-Verkauf an. Shopify hat mittlerweile 100000 Kunden, darunter sind neben vielen kleinen Unternehmen auch einige bekannte Namen wie Google und Tesla.

Aber die erste Zeit nach der Gründung von Shopify im Jahr 2006 war nicht leicht, vor allem weil die beiden Deutschen Mühe hatten, Geld aufzutreiben. Wie Lütke erzählt, hätten sich Wagniskapitalgeber auch Jahre nach dem Platzen der Technologieblase noch immer mit Investitionen zurückgehalten, gerade bei Unternehmen, die mit Online-Handel zu tun hatten. Dass Shopify aus Kanada kommt, hat die Ausgangslage nicht erleichtert: „Manche Wagniskapitalgeber haben es zur Bedingung für eine Investition gemacht, dass wir ins Silicon Valley umziehen.“ Da das aber nicht in Frage kam, finanzierten die Deutschen ihr Vorhaben erst einmal selbst mit den Gewinnen aus dem Snowboard-Laden und Geld von ihren Familien, nach einiger Zeit fanden sie auch einen ersten Investor. Insgesamt kam Startkapital von 700000 Dollar zusammen, mit dem die Gründer so sparsam wie möglich umgingen. Lütke zog bei den Schwiegereltern ein, die Gründer arbeiteten von Cafés aus, und sie zahlten sich die ersten paar Jahre kein Gehalt. „Man kann sich lange über Wasser halten, wenn man mit seinem Geld haushaltet,“ sagt Lütke. Erst 2010 kam die erste von mittlerweile drei Finanzierungsrunden mit Wagniskapitalgebern, bei denen Shopify insgesamt 122 Millionen Dollar eingesammelt hat.

Als Partner beim Aufbau eines eigenen Internetvertriebs eröffnet Shopify Unternehmen eine Alternative zum Verkauf ihrer Produkte über große Online-Marktplätze wie Amazon, Ebay oder Etsy. Aber Lütke sieht sich nicht als Konkurrent zu Amazon oder Ebay, sondern als Ergänzung. „Viele unserer Kunden verkaufen ihre Waren über verschiedene Kanäle. Manche machen zum Beispiel ihre ersten Geschäfte über Ebay und starten dann zusätzlich mit unserer Hilfe den Verkauf in Eigenregie.“ In jüngster Zeit versucht Shopify, seinen Aktionsradius auszuweiten und sich auch stärker in der Offline-Welt zu etablieren. So bietet Shopify seinen Kunden Softwarelösungen an, mit denen sie Transaktionen auch in stationären Läden abwickeln können, zum Beispiel von einem iPad aus. Shopify hat dazu auch einen Bezahldienst entwickelt und ist so zu einem Konkurrenten von Unternehmen wie Square geworden.

Lütke kann sich vorstellen, Shopify in ein bis zwei Jahren an die Börse zu bringen. Die Bewertungen von Technologieunternehmen bei privaten Finanzierungsrunden und an der Börse sind stattlich, auch wenn einige vormalige Überflieger zuletzt an der Wall Street etwas in Ungnade gefallen sind. Lütke gibt zu, dass manche Bewertungen etwas überzogen sein könnten, aber sie sind nach seiner Meinung nicht so realitätsfern wie in den Zeiten der Technologieblase. Und er findet, die Bewertung seines Unternehmens mit einer Milliarde Dollar sei zu rechtfertigen, weil sie auf Basis von Fundamentaldaten entstanden sei. Wobei er zugibt, es habe sich um „eine optimistische Interpretation“ dieser Daten gehandelt. Der Umsatz von Shopify wird in der Branche auf mehr als 50 Millionen Dollar geschätzt, Lütke will dazu keine Angaben machen. Gewinne erzielt Shopify im Moment nicht, wie Lütke zugibt. „Für Technologieunternehmen wie uns ist Profitabilität gänzlich optional. Wir waren in unserer Geschichte schon mehrmals profitabel und könnten es sofort wieder sein, wenn wir wollten. Aber im Moment entscheiden wir uns dafür, nicht profitabel zu sein.“

Die beiden Deutschen wollen nicht ausschließen, dass sie es mit Shopify in ihrer Heimat genauso weit hätten bringen können wie in Kanada, zumal sich in jüngster Zeit gerade in Berlin eine lebhafte Gründerszene entwickelt habe. Trotzdem sehen sie in Nordamerika noch immer Vorteile: So sei es hier leichter, Starthilfe zu bekommen. Dabei geht es um mehr als Wagniskapital. Jungunternehmer hätten auch bessere Chancen, Mentoren zu finden, die einen unter ihre Fittiche nehmen. Lütke sagt, in Nordamerika gebe es unter den Arrivierten in der Branche eine Kultur, die nächste Generation von Unternehmern unterstützen zu wollen. Die Shopify-Gründer sehen sich auch in Kanada gut aufgehoben, selbst wenn das Silicon Valley die unangefochtene Top-Adresse der nordamerikanischen Technologiebranche ist. Nicht nur fühlen sie sich hier persönlich wohl („Kanada ist so etwas wie die europäische Version der Vereinigten Staaten“), hier sei auch der Kampf um qualifizierte Mitarbeiter nicht so erbittert wie im Silicon Valley. Kanada habe gute Universitäten für technische Disziplinen, und viele Absolventen bleiben in der Region: „Nicht jeder will ins Silicon Valley.“

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