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Googles Geheimwaffe: Android-Chef Sundar Pichai

An Sundar Pichai gibt es bei Google kein Vorbeikommen mehr. Er hat sich in den innersten Führungszirkel vorgekämpft. Und gibt dem Konzern ein freundlicheres Gesicht als sein Chef.

© AFPSundar Pichai auf der Konferenz „Google I/O“

Die Konferenz „Google I/O“ ist immer für Knalleffekte gut. Es ist eine der wichtigsten Veranstaltungen des Jahres für den amerikanischen Internetkonzern. Sie richtet sich an Softwareentwickler, ein wichtiges Publikum für das Unternehmen: Sie schreiben Programme für Google-Plattformen wie das Betriebssystem Android für Smartphones und Tabletcomputer. Vor zwei Jahren hatte hier Mitgründer Sergey Brin einen spektakulären Auftritt, als er die Datenbrille „Google Glass“ präsentierte. Brin ließ eine Gruppe Fallschirmspringer mit der Brille ausrüsten und von einem Zeppelin aus auf den Boden schweben. Das Publikum konnte das Ganze aus der Perspektive der Sportler live mitverfolgen. Im vergangenen Jahr war es Larry Page, der Vorstandsvorsitzende und zweite Gründer von Google, der die Bühne übernahm und eine Grundsatzrede über die Technologiebranche hielt.

Vor wenigen Wochen war es wieder so weit, aber bei der diesjährigen „Google I/O“ trat keiner der beiden Gründer auf. Im Rampenlicht stand stattdessen Sundar Pichai. Google startete die Veranstaltung in typischer Verspieltheit mit einer sogenannten Rube-Goldberg-Maschine, einem gigantischen Apparatus, bei dem sich Kugeln und sonstige Dinge in aberwitzigen Kettenreaktionen den Weg über die Bühne bahnten. Danach übernahm Pichai das Kommando. Fast zweieinhalb Stunden spielte er den Zeremonienmeister für eine Show, die sich fast ausschließlich um das von ihm verantwortete Geschäft mit Android drehte.

Erst ratterte er Statistiken herunter: Eine Milliarde Android-Nutzer gebe es schon auf der Welt! 93 Millionen „Selfies“ würden an jedem Tag mit Android-Geräten geschossen! Danach zündete Pichai ein wahres Feuerwerk von Android-Varianten, mit denen Google sich jenseits von Smartphones und Tabletcomputern künftig noch in ganz anderen Bereichen breitmachen will: im Auto, auf Fernsehern oder am Handgelenk mit Digitaluhren. Pichais Botschaft: Vor Android soll es kein Entrinnen mehr geben.

Das heißt allerdings auch, dass es bei Google an Pichai kein Vorbeikommen mehr gibt. Er gehört zum innersten Führungszirkel um Larry Page, oft auch das „L-Team“ genannt. In der Branche heißt es, der schlanke und großgewachsene Pichai wäre einer der ersten Nachfolgekandidaten, sollte Page einmal seinen Posten an der Google-Spitze aufgeben.

Pichais Job sei der schwerste im ganzen Unternehmen, behauptete jüngst die Managerzeitschrift „Bloomberg Business Week“. Viele unterschiedliche Handy-Hersteller, allen voran Samsung, hantieren mit Android. Google legt die Quellen des Betriebssystems offen, das heißt, jeder Hersteller kann es frei nach seinen Vorstellungen verändern. Inzwischen gibt es Versionen, die alle Google-Angebote vollständig umgehen. Verglichen mit der kompakten Marktmacht der Suchmaschine, gleicht dieser Zustand einem Flickenteppich.

Dass der 42 Jahre alte Manager auf dem aufsteigenden Ast ist, zeigt sich auch daran, dass sein Name fällt, wenn andere Technologieunternehmen hochrangige Posten zu besetzen haben. Als der Softwarekonzern Microsoft in diesem Jahr einen Nachfolger für seinen Vorstandsvorsitzenden Steve Ballmer suchte, wurde zwischenzeitlich auch Pichai als Kandidat gehandelt, bevor der Posten an Satya Nadella ging und das Unternehmen sich somit für eine interne Lösung entschied. 2011 stand Pichai offenbar kurz davor, als Produktchef zum Kurznachrichtendienst Twitter zu wechseln. Google soll ihn mit einem Aktienpaket im Wert von 50 Millionen Dollar zum Bleiben überredet haben.

Andere Manager hingegen verlassen den Konzern, auch das dürfte Pichais Position weiter festigen. Gerade hat der Chief Business Officer Nikesh Arora, zuständig für das Tagesgeschäft, seinen Abgang verkündet, um zum japanischen Kommunikationskonzern Softbank zu gehen. Auch andere Führungskräfte drehten dem Konzern den Rücken: Pichais Vorgänger, Andy Rubin, gehörte zu der Reihe spektakulärer Abgänge, die seit dem vergangenen Jahr für Furore sorgen.

Pichai wurde in der südindischen Stadt Chennai als Sohn eines Ingenieurs und einer Stenographin geboren. Er wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Seine Familie teilte sich eine Zwei-Zimmer-Wohnung, er und sein jüngerer Bruder schliefen im Wohnzimmer. Die Familie hatte lange weder einen Fernseher noch ein Auto. Pichai war ein glänzender Schüler und entschied sich, Ingenieurwissenschaften am renommierten Indian Institute of Technology in Kharagpur nahe Kalkutta zu studieren, rund 1500 Kilometer weg von zu Hause. Nach seinem Abschluss bekam er ein Stipendium für ein Studium der Werkstofftechnik an der Stanford-Universität im kalifornischen Silicon Valley, wo auch die beiden Google-Gründer einst studierten. Pichais Eltern gingen an ihr Erspartes, um ihrem Sohn seinen amerikanischen Traum zu ermöglichen. Nach Stanford ließ Pichai sogar noch ein drittes Studium an der Wharton School in Pennsylvania folgen, wo er einen Wirtschaftsabschluss machte.

Seine berufliche Karriere begann Pichai bei Applied Materials, einem Hersteller von Anlagen zum Bau von Halbleitern, und der Unternehmensberatung McKinsey. Zu Google kam er vor zehn Jahren. Hier kümmerte er sich zunächst um das Google-Suchfeld, das in Internetzugangsprogramme wie den Explorer von Microsoft oder Firefox integriert wurde. Bald kam ihm die Idee, einen Google-eigenen Browser zu entwickeln. Das Programm mit dem Namen „Chrome“ kam 2008 heraus und hat mittlerweile die beiden Konkurrenzprodukte Explorer und Firefox hinter sich gelassen. Zu dem Browser gesellte sich ein paar Jahre später „Chrome OS“, ein Computer-Betriebssystem und der nächste Angriff auf Microsoft und dessen marktbeherrschende Windows-Plattform. Chrome OS wurde als internetbasiertes Programm konzipiert, in dem fast alle Aktivitäten online stattfinden. Google schlägt sich damit mittlerweile beachtlich. Unter den fünf meistverkauften Laptops auf der amerikanischen Seite von Amazon sind derzeit drei sogenannte Chromebooks mit dem Google-Betriebssystem.

Die Krönung von Pichais bisheriger Google-Karriere kam im vergangenen Jahr, als ihm zusätzlich zu seinen anderen Aufgaben auch noch die Verantwortung für Android übertragen wurde. Damit liegt nun eines der wichtigsten und erfolgreichsten Produkte des Unternehmens in seinem Machtbereich. Android dominiert heute den Smartphone-Markt und lässt auch Apple mit seinem iPhone weit hinter sich. Zuletzt waren vier von fünf verkauften Smartphones in der Welt Android-Geräte, auch bei Tabletcomputern liegt es heute vor Apple und dessen iPad. Gefertigt werden die Android-Produkte von Samsung und anderen Unternehmen, denen Google die Software gratis gibt. Das Kalkül dahinter: Besitzer von Android-Geräten nutzen mehr Google-Dienste, was wiederum gut für das Geschäft mit Online-Werbung ist, mit dem der Konzern den größten Teil seines Umsatzes macht.

Bei Auftritten wie zur „Google I/O“ kommt Pichai sympathisch herüber. Er gilt als umgänglicher und diplomatischer Typ, der auf Teamarbeit aus ist. Das sind Eigenschaften, die er in seinem Job brauchen kann, denn er muss komplexe Verhandlungen mit den vielen Android-Partnern führen, deren Interessen sich nicht immer mit denen von Google decken. Und in einer Zeit, in der Google immer mehr Misstrauen wegen seiner Geschäftspraktiken und seiner überwältigenden Marktmacht entgegenschlägt, kann es dem Unternehmen nicht schaden, jemanden mit einnehmender Ausstrahlung in den Reihen seines Topmanagements zu haben. Der hölzern und verschlossen wirkende Vorstandschef Page ist wenig dazu geeignet, ein freundliches Bild von Google zu vermitteln.

Gepaart ist diese Freundlichkeit mit einer ganz anderen, ganz besondere Gabe. Er soll ein fotografisches Zahlengedächtnis haben und schon in jungen Jahren damit aufgefallen sein, sich jede Telefonnummer merken zu können, die er jemals gewählt hat, heißt es in „Bloomberg Business Week“. Angeblich sorgt er bei Google bis heute manchmal für Verblüffung, wenn er Statistiken aus seinem Gedächtnis hervorkramt, die eigentlich in den Zuständigkeitsbereich von Kollegen fallen.

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