Netzwirtschaft

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Apple-Chef Tim Cook und die soziale Verantwortung

Der Nachfolger von Steve Jobs lässt bislang bahnbrechende Neuheiten vermissen, aber er drückt dem Konzern anderweitig seinen Stempel auf. Das zeigt ein Besuch in einem solarbetriebenen Rechenzentrum.

 

© AppleIm Dienste der Apple-„Cloud“: Die größte private Solaranlage auf amerikanischem Boden

Man könnte sie iSheep nennen. Es ist eine kleine Herde von knapp einem Dutzend Schafen, die hier auf einer riesigen Solaranlage mitten im Nirgendwo des amerikanischen Bundesstaats North Carolina für den Elektronikkonzern Apple im Einsatz ist. Die Tiere wurden angeheuert, um das Gras unter den Solarmodulen kurz zu halten. Dafür sind sie bestens geeignet, anders als es Ziegen wären, die schon mal Kabel anknabbern. Die Apple-Schafe verrichten ihre Arbeit offenbar am liebsten unbehelligt und laufen davon, wenn man sich ihnen nähert. Es dürfte ihnen auch herzlich egal sein, wozu sie mit ihrer Landschaftspflege beitragen. Die Solaranlage ist dazu da, ein monströses Rechenzentrum auf der anderen Seite der Straße mit Energie zu versorgen. Es ist eines von vier Rechenzentren, die das Rückgrat von Apples „Cloud“ bilden. Hier landen die gewaltigen Datenmengen, die von Geräten wie dem iPhone oder dem iPad über das Internet bewegt werden. Allein in North Carolina sind das an jedem Tag Milliarden von Kurznachrichten und mehrere hundert Millionen Fotos. Die hier zu bewältigende Computerleistung verschlingt viel Strom, und Apple reklamiert für sich, als einziges Unternehmen der Technologiebranche alle seine Rechenzentren mit erneuerbarer Energie zu betreiben. In North Carolina kommt der Strom von Biogas-Brennstoffzellen sowie von der Solaranlage, auf der sich die Schafe tummeln. Es handelt sich nach Apple-Angaben um die größte Solaranlage in Privatbesitz auf amerikanischem Boden.

Seit fast drei Jahren steht Tim Cook an der Spitze von Apple, und ebenso lange muss er sich an seinem verstorbenen Vorgänger Steve Jobs messen lassen. In den Vergleichen wird Cook oft angekreidet, dass ihm im Gegensatz zu Jobs, unter dessen Führung Produkte wie das iPhone oder das iPad herauskamen, bislang keine bahnbrechenden Neuheiten gelungen sind. Auch hat sich das zu Jobs-Zeiten explosive Wachstum von Apple abgeschwächt.

Aber auch wenn Cook nicht die Qualitäten eines Visionärs wie Jobs zugeschrieben werden, hat er Apple in vielerlei Hinsicht seinen Stempel aufgedrückt und sich dabei auch oft von seinem Vorgänger abgegrenzt. Grob vereinfacht gesagt, versucht Apple, sich unter seiner Führung ein freundlicheres Gesicht zu geben. Zum Beispiel gegenüber Aktionären, die Cook mit Manövern wie Dividenden und Aktienrückkäufen erfreut, gegen die sich Jobs traditionell gesträubt hat. Daneben verwendet Cook viel Energie darauf, Apple als Konzern mit sozialer Verantwortung zu positionieren. Er hat ein unternehmensweites Spendenprogramm aufgelegt, setzt sich für Homosexuellenrechte ein und gibt mehr Einblicke in das Netz seiner Zulieferer, das Apple in der Vergangenheit viele Negativschlagzeilen beschert hat, nicht zuletzt wegen der Arbeitsbedingungen seiner Auftragsfertiger in China.

In dieses Muster passt auch das mit erneuerbaren Energien betriebene Rechenzentrum in North Carolina, denn Umweltschutz gehört zu Cooks bevorzugten Themen. Cook hat Apple die vollmundige Devise verpasst, die Welt einmal in besserem Zustand zu verlassen als sie vom Unternehmen vorgefunden wurde. Und auf diesem Weg sehe Apple auch nicht jede Investition nur unter dem Gesichtspunkt ihrer Rentabilität. Wem das nicht passe, der solle seine Apple-Aktien eben verkaufen, sagte Cook barsch auf der jüngsten Hauptversammlung auf eine kritische Frage eines Anteilseigners zu solchen Initiativen.

Mit dem stärkeren Schwerpunkt auf gesellschaftlicher Verantwortung geht auch ein bisschen mehr Transparenz bei dem Unternehmen einher, das traditionell für seine Geheimniskrämerei berüchtigt ist. Denn über seine Errungenschaften auf Gebieten wie Umweltschutz spricht Apple sehr gerne. Daher öffnete Apple nun auch seine Anlage in North Carolina für Journalisten und machte die von Cook im vergangenen Jahr rekrutierte Umweltbeauftragte Lisa Jackson für Gespräche verfügbar. Jackson, die vor ihrem Wechsel zu Apple die für Umweltschutz zuständige Regierungsbehörde EPA leitete, wollte dabei zwar nicht die Frage kommentieren, ob ein Posten wie ihrer auch unter Steve Jobs hätte geschaffen werden können. Aber sie sagte, Tim Cook habe ihr klar zu verstehen gegeben, dass Apple mehr für den Umweltschutz tun könne als bisher.

© Roland LindnerLisa Jackson

Auf dem gut 40 Hektar großen Feld, wo die Schafe weiden, stehen 55000 Solarmodule. Ein paar Kilometer weiter ist eine zweite Anlage mit ebenso vielen Modulen, und eine dritte soll bald folgen. An sonnigen Tagen kann Apple sein Rechenzentrum komplett mit selbst erzeugtem Strom betreiben und hat oft noch überschüssige Energie, die in das örtliche Netz eingespeist wird. Bei weniger guten Bedingungen kann die Selbstversorgerquote auf 60 Prozent fallen, und Apple kauft Strom von außen zu, der dann aber ebenfalls komplett aus erneuerbaren Quellen kommt. Insgesamt erzeugt Apple in der Anlage 167 Millionen Kilowattstunden Energie, was nach Angaben des Unternehmens reichen würde, um 14000 Privathaushalte zu versorgen. Gäbe es die hauseigenen Solar- und Brennstoffzellenanlagen nicht, würde der Energiemix von Apple hier wohl ganz anders aussehen. Denn in der Region kommt mehr als die Hälfte des Stroms von Atomkraft und 35 Prozent von Kohle.

Jenseits solcher Statistiken sind der Offenheit von Apple noch immer enge Grenzen gesetzt, und es gibt vieles, das die Besucher in North Carolina nicht erfahren. Zum Beispiel wie viele Computer hier stehen, wie viele Menschen hier arbeiten oder wie hoch die Investitionen waren. Das Unternehmen gewährt auch keinen Zugang zu den Räumen mit den Computern, dem Herz des Standorts.

Apple war keineswegs immer ein Liebling von Umweltschützern. So zog sich das Unternehmen vor zwei Jahren mit seinem Ausstieg aus einem Umweltzertifizierungsprogramm heftige Kritik zu und sah sich gezwungen, zurückzurudern. Im gleichen Jahr stellte die Umweltorganisation Greenpeace Apple ein vernichtendes Zeugnis aus und warf dem Unternehmen vor, „dreckige Energie“ einzusetzen. Heute aber schlägt Greenpeace ganz andere Töne an. In ihrem jüngsten Umweltbericht bescheinigte die Organisation Apple, sich von allen Unternehmen am meisten verbessert zu haben. Apple war das einzige Unternehmen, das in dem Bericht in einem Index für saubere Energie die höchste Bewertung von 100 Prozent bekam. Google und Facebook lagen bei weniger als 50 Prozent, obwohl auch diese Unternehmen das Ziel ausgegeben haben, ihre Rechenzentren komplett mit erneuerbaren Energien zu betreiben. Apple bedient sich jenseits seiner vier Rechenzentren, die anders als bei Google oder Facebook ausschließlich in den Vereinigten Staaten angesiedelt sind, heute auch bei rund einem Drittel seiner 427 Läden in der Welt aus erneuerbaren Energiequellen.

Auch für Apple gibt es indessen noch viel zu tun, wie das Unternehmen selbst zugibt. Denn die mit den sauberen Rechenzentren verbesserte CO2-Bilanz sieht gleich viel trüber aus, wenn man die Zulieferer mit einbezieht. Fast 70 Prozent der Treibhausgasemissionen, für die sich Apple verantwortlich sieht, entfallen auf die Herstellung seiner Produkte, und die liegt meist im Ausland bei Partnern wie Foxconn. Umweltchefin Jackson sagte, Apple sehe sich auch bei seinen Zulieferern in der Pflicht, denn „es kommt nicht darauf an, wessen Name an der Tür steht.“ Apple wolle versuchen, seine eigene Umweltexpertise auch bei seinen Partnern zur Anwendung kommen zu lassen, konkrete Schritte wollte Jackson aber nicht nennen. Sie gab zu, dass die Ausgangslage dadurch erschwert wird, dass Apple viele Zulieferer „in anderen Ländern mit anderen Regeln“ hat.

Jackson beteuerte, das stärkere Gewicht von sozialer Verantwortung im Auftritt von Apple sei keine Reaktion auf das abgeschwächte Wachstum, und dem Unternehmen gehe es nicht um Imagepflege. „Ich halte das für eine zynische Ansicht,“ sagte sie über entsprechende Vermutungen. Und sie wies auch von sich, dass ihre Rekrutierung mit ihren Verbindungen nach Washington zu tun gehabt haben könnte, zumal in einer Zeit, in der viele Politiker Apple wegen seiner Steuersparmethoden kritisieren. Jackson sagte, sie unterliege einer zweijährigen Karenzzeit, während der sie nur begrenzt Kontakt mit der Regierung halten könne. Aber sie gab auch zu: „Wenn man einmal in Washington gearbeitet hat, versteht man besser, wie die Stadt funktioniert, und dieses Informationen gebe ich gerne weiter.“

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