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Der Beißer: Uber-Chef Travis Kalanick im Porträt

Sein Fahrdienst hat ihn zum Schrecken der Taxiindustrie gemacht. Mit seinem Ruf als Hassfigur kann er bestens leben.

© AFPTravis Kalanick

Travis Kalanick liebt Videospiele. Und wie bei allem, was er tut, ist er auch dabei sehr ehrgeizig. Er war einmal der siebtbeste Spieler von „Angry Birds“ in Amerika, sagte er vor einigen Monaten stolz der „Financial Times“. Bei dem Kultspiel geht es darum, mit einer Schleuder diebische Schweine abzuschießen. Einen solchen Kampf gegen das Böse führt der Mitgründer und Vorstandsvorsitzende des Fahrdienstes Uber aus San Francisco auch im wahren Leben, zumindest nach seiner eigenen Auffassung. Uber stehe einem „Arschloch namens Taxi“ gegenüber, sagte Kalanick in diesem Jahr auf einer Konferenz. Die Taxiindustrie sei „düster“, „gefährlich“ und „böse“, legte er nach. Niemand möge sie, aber sie sei nun einmal in die „politische Maschinerie“ verwoben, und viele Menschen schuldeten ihr einen Gefallen.

Mit solcher Angriffslust ist Kalanick berühmt geworden. Der 38 Jahre alte Uber-Chef geht keinem Streit aus dem Weg, ja er fordert ihn sogar heraus. Ob es nun Taxibetriebe, Wettbewerber oder Behörden sind: Kalanick teilt in alle Richtungen aus. Er wettert gegen die Gestrigen, die einem Innovationswunder wie Uber Steine in den Weg legen wollen. Kalanick schreibt sich auf die Fahnen, Mobilität zu revolutionieren, und wer einem solch kühnen Vorhaben Verbote und Regulierungen entgegensetzt, den hält er für kleinlich und fortschrittsfeindlich.

Und so hat er es zur Gewohnheit gemacht, Verbote und Unterlassungserklärungen, die Uber in Deutschland wie auch in Amerika regelmäßig ereilen, einfach zu ignorieren. Gegen Wettbewerber wie Lyft setzt Uber derweil harte Bandagen ein, zum Beispiel mit Preiskämpfen oder dem Abwerben von Fahrern. Der Investor Peter Thiel, der sich bei Lyft engagiert hat, nannte Uber kürzlich das „ethisch fragwürdigste Unternehmen im Silicon Valley“.

Trotzdem oder auch deswegen wird Kalanick mit Uber Großes zugetraut. Das Unternehmen wurde in einer Finanzierungsrunde in diesem Jahr mit 17 Milliarden Dollar bewertet. Kalanick selbst wird nun auf der „Forbes“-Liste der reichsten Amerikaner mit einem geschätzten Vermögen von 3 Milliarden Dollar geführt.

Gegründet wurde Uber vor etwas mehr als fünf Jahren. Die Inspiration kam Kalanick und seinem Mitgründer Garrett Camp, als die beiden während einer Internetkonferenz in Paris kein Taxi fanden. Daraus entstand die Idee für eine Smartphone-Anwendung („App“), die es den Nutzern erlaubt, per einfachem Knopfdruck ein Taxi zu bestellen. Uber startete 2010 in San Francisco zunächst als Limousinendienst. Seither hat das Unternehmen rasant expandiert und ist heute in mehr als 200 Städten in der ganzen Welt vertreten. Neben den Limousinen gibt es heute auch andere Angebote wie die Billigvariante Uber X und dessen deutsches Gegenstück Uber Pop, bei dem die Fahrer keine gewerbliche Lizenz brauchen. In New York hat Uber sogar einen Kurierdienst gestartet, mit dem zum Beispiel Pakete ausgeliefert werden. Uber sieht sich als reiner Vermittlungsdienst, betreibt also selbst keinen Fuhrpark.

Kalanick ist in Los Angeles geboren und war schon als Kind ein Verkäufertyp. Er ging von Haustür zu Haustür und brachte Küchenmessersets an den Mann. Er lernte Programmieren, als er in der sechsten Klasse war und begann ein Informatikstudium an der University of California in Los Angeles, das er aber nicht zu Ende brachte. Stattdessen konzentrierte er sich Ende der neunziger Jahre darauf, sein erstes Unternehmen Scour zu gründen. Es war eine Online-Tauschbörse mit Ähnlichkeiten zu dem später populären Musikdienst Napster. Scour handelte sich aber Klagen der Musikindustrie wegen Verletzung von Urheberrechten ein und sah sich horrenden Schadenersatzforderungen von 250 Milliarden Dollar gegenüber. Das Unternehmen beantragte schließlich Insolvenz. Etwas besser lief es für Kalanick mit seinem nächsten unternehmerischen Versuch, dem Softwareunternehmen Red Swoosh, das er im Jahr 2007 für 19 Millionen Dollar verkaufte. Danach ließ es sich Kalanick erst einmal gut gehen und bereiste die Welt, bevor er mit Uber das nächste Kapitel aufschlug.

Uber versteht sich ebenso wie der Zimmervermittlungsdienst Airbnb als ein Vertreter der „Sharing Economy“. Die Idee dahinter ist es, vorhandene Ressourcen wie Autos oder Wohnungen besser zu nutzen, indem sie mit andern geteilt werden. Kalanick will nicht nur dafür sorgen, dass Menschen Uber anstelle eines Taxis benutzen, sondern womöglich sogar anstelle eines eigenen Autos. Und er hat auch schon öffentlich mit dem Gedanken gespielt, eines Tages selbstfahrende Autos zum Einsatz kommen zu lassen.

Mit Airbnb und vielen anderen Unternehmen aus dem Silicon Valley verbindet Uber auch ein Hang zu forschen Geschäftspraktiken. Unbeeindruckt von etwaigen Vorschriften, prescht man mit seinem Angebot erst einmal voran, begeistert Nutzer für sich und lässt etwaigen Widerstand auf sich zukommen. Beide Unternehmen geraten regelmäßig ins Visier der Politik und der Justiz.

Kalanick lässt sich von seinen Gegnern nicht einschüchtern, und seine bisherige Bilanz gibt ihm recht. So sind eine Reihe amerikanischer Städte und Regionen, die Uber zunächst mit aller Macht bekämpft haben, am Ende doch eingeknickt und haben den Dienst erlaubt. In Deutschland hat das Landgericht Frankfurt vor einigen Wochen das Angebot Uber Pop landesweit verboten, aber die einstweilige Verfügung des Gerichts wurde seither wieder aufgehoben.

Der Rechtsstreit in Deutschland ist indessen längst nicht ausgestanden, genauso wie Uber auch in Amerika noch regelmäßig rauer Wind ins Gesicht bläst. So drohten kalifornische Anwälte Uber und konkurrierenden Diensten kürzlich mit einer einstweiligen Verfügung und warfen den Unternehmen vor, irreführende Angaben darüber zu machen, inwiefern sie ihre Fahrer auf kriminelle Vorgeschichte überprüfen. Die Vertrauenswürdigkeit der Fahrer ist ein möglicher wunder Punkt für Uber. Erst kürzlich sorgte ein Vorfall in San Francisco für Schlagzeilen, bei dem ein Uber-Fahrer einen Passagier mit einem Hammer attackiert und verletzt haben soll. Uber muss sich zudem mit neuen Regulierungen auseinandersetzen. In Kalifornien wurde zum Beispiel unlängst ein Gesetz verabschiedet, das Versicherungsstandards für Uber und andere Fahrdienste festlegt.

Das Taxigewerbe hat jedenfalls guten Grund, Uber zu fürchten. In San Francisco haben Taxis heute 65 Prozent weniger Fahrten im Monat als noch vor zwei Jahren, die Verkehrsbehörde der Stadt führt dies auf Uber und ähnliche Dienste zurück. Nicht überall dürfte der Uber-Effekt so drastisch sein, aber offenbar hat Kalanick mit seinem Unternehmen einen Nerv getroffen. Das mag damit zu tun haben, dass viele Menschen sich oft über gewöhnliche Taxidienste ärgern und daher offen für Alternativen sind. Was nicht heißt, dass sie mit Uber hundertprozentig zufrieden sind. Für Unmut sorgt Uber zum Beispiel regelmäßig mit seinem „Surge Pricing“. Dabei werden die Preise für Fahrten in Zeiten hoher Nachfrage angehoben, oft um ein Vielfaches des regulären Betrags. Uber argumentiert zu seiner Rechtfertigung, der höhere Preis mache zu Stoßzeiten mehr Autos verfügbar, weil er einen Anreiz für die Fahrer biete. Viele Verbraucher ärgern sich freilich über diese Preisschübe, der Schriftsteller Salman Rushdie etwa machte seiner Wut darüber vor einiger Zeit auf Twitter Luft und sprach von „zynischer Abzocke.“

Die Beißermentalität von Kalanick spiegelt sich in der Uber-Zentrale in San Francisco wider. Von Gemütlichkeit und Verspieltheit wie bei vielen anderen Silicon-Valley-Unternehmen ist hier wenig zu spüren. Stattdessen prägen kühles Design und wuchtiges Mobiliar die Büros, ein Konferenzzimmer hat den martialischen Namen „War Room“.

Kalanick weiß einige prominente Investoren auf seiner Seite. So haben sich zum Beispiel der Internetkonzern Google, die Bank Goldman Sachs und Jeff Bezos, der Vorstandschef des Online-Händlers Amazon.com, bei Uber engagiert. Aber offenbar kann der Uber-Chef nicht jeden um den Finger wickeln. Ein Investor erzählte dem Wirtschaftsblog „Business Insider“, seine Firma habe kein Geld in Uber gesteckt, weil Kalanick es mit seiner Großspurigkeit zu weit getrieben habe. „Der kam herein, als ob er ein Geschenk Gottes wäre.“

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