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Die Digitalisierung erfasst immer mehr Lebensbereiche. Wie sie sich auf Menschen und Märkte auswirkt, beleuchtet das Netzwirtschaft-Blog auf FAZ.NET.

Was Varoufakis mit Videospielen zu tun hat

Giannis Varoufakis© APGiannis Varoufakis

Wer meint, Macher von Videospielen sind nur auf geistloses Herumballern aus, der kennt Gabe Newell nicht. Denn der 52 Jahre alte Mitgründer des amerikanischen Videospieleherstellers Valve macht sich Gedanken um die Welt. Das brachte ihn mit Giannis Varoufakis zusammen, dem Ökonomieprofessor und schillernden neuen griechischen Finanzminister. Vor etwas mehr als drei Jahren schickte Newell eine E-Mail an Varoufakis und gab sich als eifriger Leser von dessen Blog zu erkennen. Varoufakis hatte sich dort als wortgewaltiger Kommentator der Euro-Krise einen Namen gemacht. Newell schrieb, der Blog habe ihm die Augen geöffnet, und er habe im konfliktreichen Zusammenspiel der Euro-Länder Parallelen zu seinem Unternehmen erkannt. Denn die virtuellen Welten in den Spielen von Valve würden auch volkswirtschaftliche Fragen aufwerfen, etwa nach einer gemeinsamen Währung. Inspiriert von Varoufakis, sie ihm dann irgendwann beim Nachdenken über die Spiele seines Unternehmens ein Geistesblitz gekommen: „Das ist wie Deutschland und Griechenland.“

So begann nach Darstellung von Varoufakis eine nicht alltägliche Zusammenarbeit. Valve heuerte den Professor als hauseigenen Ökonomen an, also in einer Position, die man sonst eher in anderen Branchen antrifft, etwa bei Banken oder Rohstoffkonzernen. Dass Varoufakis vorher mit Videospielen wenig am Hut hatte und selbst kaum spielte, schien Valve nicht zu stören. Der Grieche startete auf der Internetseite von Valve einen Ökonomieblog. Dieser Blog ist seit einiger Zeit nicht mehr aktualisiert worden, insofern ist nicht klar, wie lange Varoufakis für das Unternehmen tätig war. Dennoch ist es aufschlussreich, seine Einträge zu lesen, die sich um die digitalen Ökonomien in den Spielen von Valve drehen und auch über die ungewöhnliche Struktur des Unternehmens selbst, das für seine Hierarchielosigkeit berühmt ist. Es ist alles andere als seichter Lesestoff. Varoufakis mutete seinem Publikum komplizierte Formeln zu, und er stellte Vergleiche mit Ökonomen wie Adam Smith oder Friedrich August von Hayek an.

Valve ist als nicht börsennotiertes Unternehmen in der breiten Öffentlichkeit nicht allzu bekannt, hat aber in der Videospieleszene einen Ruf wie Donnerhall, und Newell genießt den Status eines Rockstars. Er gründete das Unternehmen 1996 zusammen mit Mike Harrington, mit dem er zuvor viele Jahre beim Softwarekonzern Microsoft gearbeitet hatte. Die beiden finanzierten Valve aus ihrem Ersparten und verzichteten anders als die meisten Start-Up-Unternehmen auf Wagniskapital. Deshalb steht Valve auch nicht unter Druck, außenstehenden Investoren mit einem Börsengang oder einem Verkauf einen Zahltag zu ermöglichen.

Gabe Newell© APGabe Newell

Eine andere Eigenheit von Valve ist die Aversion gegen Hierarchien. „Wir sind seit 1996 ohne Bosse,“ rühmt sich das Unternehmen auf seiner Internetseite. In der Belegschaft von Valve gibt es keine Chefs und keine Titel. Mitarbeiter werden nicht Projekten zugewiesen, sondern suchen sie sich selbst aus und wechseln aus eigenem Antrieb die Teams. Symbol für diese Philosophie der Selbstbestimmung sind die mit Rädern ausgestatteten Schreibtische. Von den Beschäftigten wird erwartet, dass sie ihren Arbeitsplatz selbst zu dem Team verschieben, an dessen Projekt sie mitwirken wollen. „Jeder wandert immer umher,“ heißt es in einem Handbuch für neue Mitarbeiter. Dort unterstreicht Valve seine Denkweise auch mit einer humorigen Definition des Begriffs „Manager“: „Die Art von Leuten, von denen wir keine haben. Also wenn Ihr einen seht, sagt Bescheid, denn es ist wahrscheinlich der Geist von jemandem, der vor uns in diesem Gebäude war. Was immer Du tust, lass Dir keine Präsentation von ihm geben.“

Zu den bekanntesten Spielen von Valve gehören „Half-Life“ und „Team Fortress“, aber neben seinen eigenen Titeln ist das Unternehmen auch für die Online-Plattform Steam bekannt, eine Art iTunes für Videospiele. Auf Steam vertreibt Valve sowohl eigene als auch fremde Spiele, die Plattform hat 100 Millionen Nutzer. Valve veröffentlicht keine Finanzdaten, aber Analysten haben den Wert des Unternehmens auf mehrere Milliarden Dollar geschätzt. Newell sagte der Zeitschrift „Forbes“ vor einigen Jahren, Valve sei je Mitarbeiter profitabler als Google und Apple.

Wie eine Reihe anderer Wettbewerber auch stellt Valve Titel her, die von vielen Nutzern gleichzeitig gespielt und in denen virtuelle Güter gekauft, getauscht oder auch verschenkt werden können. Und genau das hat offenbar Varoufakis fasziniert. „Die Leute haben nicht nur die Möglichkeit, sich gegenseitig umzubringen, sondern auch Sachen zu tauschen,“ sagte er begeistert in einem Interview mit der Zeitschrift „Reason“. Die virtuellen Welten von Valve nannte er „ein Paradies für einen Ökonomen.“ Videospielehersteller hätten mit den Titeln, in denen die Nutzer interagieren, digitale Volkswirtschaften geschaffen. Von der Beschäftigung mit diesen virtuellen Ökonomien versprach sich Varoufakis persönlich ein besseres Verständnis dafür, wie echte Ökonomien ticken. Im Gegenzug könnte das Studium des Spielgeschehens unter volkswirtschaflichen Gesichtspunkten auch den Kunden von Valve nutzen, wenn dadurch das Spielerlebnis verbessert werde.

Und so stieg Varoufakis in seinem Blog für Valve tief in die Details einzelner Spiele ein. In einem mit Tabellen, Grafiken und Formeln gespickten Eintrag kam er zum Beispiel zu dem Schluss, dass die Preise für virtuelle Güter wie Hüte, Schlüssel oder Laserwaffen im Spiel „Team Fortress 2“ nicht im Gleichgewicht sind, sondern es die Möglichkeit zur Arbitrage gibt. Eine Spielerin könne zum Beispiel mit einer bestimmten Zahl eines virtuellen Gutes anfangen und nach einer Reihe von Tauschgeschäften mit einer höheren Zahl dieses Gutes dastehen. Es gebe also die Möglichkeit, billig zu kaufen und teuer zu verkaufen – und umgekehrt übers Ohr gehauen zu werden.

Einen anderen Eintrag widmete Varoufakis der Unternehmensstruktur von Valve. Er verglich die hierarchielose Organisation mit Adam Smiths Idee der „unsichtbaren Hand“ und Friedrich August von Hayeks Konzept der „spontanen Ordnung“. Alternative und dezentralisierte Strukturen wie bei Valve hätten eine viel bessere Überlebenschance als gewöhnliche kapitalistische Unternehmen. Denn die sind nach Auffassung von Varoufakis „auf dem Weg zum sicheren Aussterben.“

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