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Die Digitalisierung erfasst immer mehr Lebensbereiche. Wie sie sich auf Menschen und Märkte auswirkt, beleuchtet das Netzwirtschaft-Blog auf FAZ.NET.

Google X: Scheitern gehört zum System

Astro Teller auf der SXSW© APAstro Teller auf der SXSW

Eigentlich wäre es ein Anlass zum Jubel gewesen: Astro Teller und seine Mitarbeiter testeten zum ersten Mal einen Prototypen für eine fliegende Windturbine, und alles lief wie geschmiert. Dies ist eines von vielen Projekten bei Google X, der von Teller geführten Forschungseinheit des amerikanischen Internetkonzerns. Anders als bei einer konventionellen Windanlage mit Turm lässt Google eine mit Rotoren ausgestattete flugzeugähnliche Konstruktion durch die Luft kreisen, die über ein Seil mit dem Boden verbunden ist. Auf diese Weise könnte nach Hoffnung von Google Windenergie viel billiger gewonnen werden, und das wiederum könnte erneuerbaren Energien allgemein einen Schub geben. Teller erinnert sich, was ihm Google-Vorstandschef Larry Page auf den Weg gegeben hat, als die Zeit für einen Test unter realen Bedingungen gekommen war: „Sorg‘ dafür, dass fünf von den Dingern abstürzen.“ Hinter der Aufforderung steckte keine Zerstörungswut, sondern die Überzeugung, dass auf dem Weg zu wirklich großen Taten Dinge schiefgehen müssen, denn andernfalls mache man wahrscheinlich nur kleine Fortschritte. Teller suchte sich also für den ersten Test eine der windigsten Gegenden in Kalifornien aus. Aber das Gerät stürzte nicht ab, sondern funktionierte einwandfrei. Anstatt sich darüber zu freuen, hatte Teller gemischte Gefühle. Und fragte sich, ob das Projekt vielleicht nicht ambitioniert genug ist.

Diese Episode hat Teller gerade auf der Digitalkonferenz South by Southwest in Austin erzählt. Er lieferte Einblicke in die geheimnisumwitterte Forschungsabteilung, der Heimat von zukunftsweisenden Vorhaben wie dem selbstfahrenden Auto, Drohnen oder „Project Loon“, womit Google entlegene Regionen der Welt von hoch über der Erde schwebenden Ballons ans Internet anbinden will. Wie Teller sagte, gehört Scheitern bei Google X zum Alltag, ja es ist sogar erwünscht. Das lässt freilich auch an die hier entstandene und höchst umstrittene Computerbrille Google Glass denken, deren Verkauf an Endverbraucher das Unternehmen kürzlich vorerst gestoppt hat.

Google X ist vor fünf Jahren ins Leben gerufen worden. Teller erinnert sich, wie er damals mit Larry Page über die Mission der Abteilung diskutierte. Ein sollte nicht einfach eine weitere Geschäftseinheit von Google sein und auch kein gewöhnliches Forschungszentrum. Stattdessen wurde das einst vom amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy vorgegebene Ziel, einen Menschen auf den Mond zu bringen, zur Inspiration. Google X sollte ein Ort für „Moonshots“ werden, womit nicht buchstäblich Flüge zum Mond gemeint sind, sondern im übertragenen Sinne besonders ambitionierte Projekte. Für Google heißt das: Dinge nicht nur um 10 Prozent verbessern, sondern um den Faktor 10. Und weil Google X sich vom Rest des Konzerns abheben will, hat Teller nicht einen gewöhnlichen Titel wie etwa „Senior Vice President“, sondern er nennt sich „Captain of Moonshots“.

Was an dem 44 Jahre alten Astro Teller sofort auffällt, sind sein Name und seine Frisur. Er hat langes, krauses Haar, das meist zu einem Pferdeschwanz gebunden ist. Geboren ist er als Eric Teller, das „Astro“ ist also ein Spitzname, allerdings gibt es dafür keinen wissenschaftlichen Zusammenhang, wie man vermuten könnte. Vielmehr gaben Schulfreunde ihm den Namen, weil seine damalige Frisur sie an den Kunstrasen „Astro Turf“ erinnerte.

Teller wurde im britischen Cambridge geboren und wuchs in der Nähe von Chicago auf. Er stammt aus einer Familie mit mehreren berühmten Akademikern. Einer seiner Großväter war der Physiker Edward Teller, der als „Vater der Wasserstoffbombe“ gilt, der andere war Gérard Debreu, der einst den Wirtschaftsnobelpreis gewann. Teller kann selbst einige akademische Titel vorweisen: Er hat zwei Informatik-Abschlüsse der kalifornischen Stanford-Universität und einen Doktortitel in künstlicher Intelligenz von der Carnegie Mellon University. Er schlug danach bald eine Unternehmerkarriere ein, auch wenn er zwischenzeitlich noch in Stanford lehrte. Ende der neunziger Jahre gründete er zum Beispiel Body Media, einen Anbieter von am Körper tragbaren Geräten, die Gesundheitsdaten messen. Teller wagte sich damit schon früh in das sogenannte „Wearable“-Geschäft, das heute als Wachstumsmarkt gilt. Er verkaufte Body Media später an den Wettbewerber Jawbone. Auch einen Hedgefonds hat Teller schon gegründet.

2010 hat er sich von Google für die Forschungseinheit rekrutieren lassen. Die von ihm hier vertretene Philosophie des Scheiterns hat mit seiner Überzeugung zu tun, dass Projekte möglichst schnell das Labor verlassen und in der realen Welt getestet werden sollten, auch wenn sie noch nicht ausgereift sind: „Man wird nie die richtigen Antworten bekommen, wenn man nur in einem Konferenzzimmer sitzt“. In Austin nahm Teller das selbstfahrende Auto als Beispiel. So habe sich eines der Google-Autos vor einigen Monaten in einer höchst ungewöhnlichen Situation wiedergefunden. Mitten auf der Straße sei eine Frau in einem Rollstuhl gewesen, die versucht habe, mit einem Besen eine Ente zu verscheuchen. Auf ein solches Szenario wäre Google selbst nie gekommen, sagte Teller. Das Auto habe das Richtige getan und gewartet, bis die Frau samt Ente die Straße verlassen habe. Genau um solchen kniffligen Situationen zu begegnen, legten die Google-Autos jeden Tag Tausende von Meilen zurück. Denn das helfe, die Software zu verbessern.

Auch die Brille Google Glass ist ein Beispiel für ein Produkt, das in frühem Stadium auf die Menschheit losgelassen wurde. Hier aber ging die Strategie nach hinten los, denn dem Produkt schlug eine Welle der Feindseligkeit entgegen. Viele Menschen empfanden den auf der Nase sitzenden Minicomputer nicht nur als scheußlich, sondern auch als Angriff auf die Privatsphäre, weil er unauffälligeres Fotografieren erlaubt als ein Smartphone. In vielen Kneipen wurde das Tragen der Brille verboten. Teller sagte, er halte es bis heute für die richtige Entscheidung, die Brille schon früh in der Öffentlichkeit getestet zu haben. Aber er gab zu, dass Google einen gewichtigen Fehler begangen hat. Das Unternehmen habe es zugelassen und sogar selbst dazu beitragen, dass das Produkt „zu viel Aufmerksamkeit“ bekommen habe. Google habe dazu ermuntert, die Brille als fertiges Produkt zu sehen, obwohl sie nur ein Prototyp war. Dies habe zu überzogenen Erwartungen an das Produkt geführt.

Teller wollte freilich nicht so weit gehen, Kritikern der Brille recht zu geben. Die Sorgen um den Datenschutz etwa hält er für überzogen: „Es verblüfft mich, wie sensibel die Leute reagiert haben.“ Wenn man etwa in die Kneipe gehe, sei man ohnehin von Kameras umringt, ob sie nun in Smartphones sind oder von der Decke hängen. Neben all diesen anderen Kameras sei Google Glass kaum ins Gewicht gefallen und nicht mehr als ein „Rundungsfehler“ gewesen. Damit nahm Teller freilich eine im Silicon Valley verbreitete Haltung ein: Er fühlt sich vom Rest der Welt unverstanden und ungewürdigt.

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