Netzwirtschaft

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Die Digitalisierung erfasst immer mehr Lebensbereiche. Wie sie sich auf Menschen und Märkte auswirkt, beleuchtet das Netzwirtschaft-Blog auf FAZ.NET.

Tinder: Es gibt keine Formel für die Liebe

Sean Rad© DLDSean Rad

Sean Rad kann sich vorstellen, dass er eines Tages selbst zu einem Beispiel für eine Tinder-Hochzeit wird. Er hat seine Freundin Alexa Dell, die Tochter des Computerunternehmers Michael Dell, über den von ihm mitgegründeten Online-Partnervermittler kennengelernt. Wenn es dazu kommt, wäre der 28 Jahre alte Rad bei weitem nicht der erste, wie er in einem Gespräch mit dieser Zeitung am Rande der Digitalkonferenz DLD in New York sagte. Tinder habe „Tausende von E-Mails“ von Nutzern bekommen, die auf der Dating-Plattform jemanden gefunden hätten, den sie später geheiratet haben. Allein in seinem Bekanntenkreis gebe es vier Fälle. Selbst seine 56 Jahre alte Großtante nutze Tinder in der Hoffnung, einen festen Partner zu finden.

Freilich eilt Tinder ein etwas anderer Ruf voraus. Der 2012 entstandenen Smartphone-Anwendung („App“) wird nachgesagt, die Partnersuche oberflächlicher und unverbindlicher zu machen und für viele Nutzer ein Vehikel für schnellen Sex zu sein. Tinder ist simpler als viele andere Dating-Portale. Die App verzichtet auf langwierige Nutzerprofile und beschränkt sich weitgehend auf Äußerlichkeiten. Nutzer bekommen Fotos potentieller Partner präsentiert und können mit einer einfachen Wischgeste nach rechts oder links entscheiden, ob sie Kontakt aufnehmen wollen. Nur wenn beide Seiten per Wisch nach rechts Interesse signalisieren, wird es möglich, miteinander zu kommunizieren und ein Treffen zu vereinbaren. Die App ist mit der Standortfunktion des Handys verbunden, was es erlaubt, sich auf Personen in der näheren Umgebung zu beschränken. Das erleichtert spontane Dates.

Das Konzept hat eingeschlagen. In amerikanischen Metropolen wie New York trifft man kaum noch auf Singles, die Tinder nicht nutzen. Rad will keine genauen Nutzerzahlen nennen und sagt lediglich, global seien es „weit mehr als 30 Millionen“ und in Deutschland mehrere Millionen. Deutschland sei erst der siebtgrößte Markt für Tinder, wachse aber „unglaublich schnell“.

Rad will nicht behaupten, dass Tinder seinen Nutzern höhere Chancen als andere Dating-Dienste bietet, einen Partner zu finden. „Aber wir können unsere Nutzer mit mehr Leuten bekannt machen. Und dann ist es an ihnen, herauszufinden, wer in Frage kommt und wer nicht.“ Versprechen anderer Portale, über spezielle Algorithmen kompatible Partner liefern zu können, sollte man nach seinen Worten nicht glauben. „Ich halte die Vorstellung für dumm, dass es eine Formel gibt.“

Den Vorwurf der Oberflächlichkeit will Rad nicht auf sich sitzen lassen: „Leute zu treffen, ist nun einmal eine oberflächliche Sache. Wenn ich in eine Kneipe oder ein Restaurant gehe und mich dort jemand interessiert, dann doch auch wegen der äußeren Erscheinung.“ Tinder sei nichts anderes und insofern besser als die reale Welt, weil man hier nicht fürchten müsse, sich einen peinlichen Korb einzuholen. Rad findet es auch unfair, Tinder als bloße „Sex-App“ abzukanzeln. Tinder werde aus unterschiedlichen Motiven genutzt. Manche seien auf Beziehungen aus, manchen gehe es ums Vergnügen, aber das sei nicht nur bei Tinder so. „Wenn Leute nur Sex wollen, dann haben sie dazu viele Mittel zur Verfügung. Ich habe Freunde, die nutzen den Fotodienst Instagram, um Frauen aufzureißen.“

Für seinen Mutterkonzern, das New Yorker Internetkonglomerat IAC Interactive Corp., wird Tinder immer wichtiger. IAC hat neben Tinder noch etliche andere Dating-Angebote wie Match.com unter seinem Dach. Tinder ist in der Basisversion gratis, bietet aber seit kurzem Zusatzfunktionen im gebührenpflichtigen Abonnement. Zahlenden Nutzern wird es zum Beispiel möglich, einen versehentlichen Wisch nach links rückgängig zu machen und damit eine Person auf den Bildschirm zurückzuholen. Das Gebührenmodell hat bei seiner Einführung für einige Aufregung gesorgt, weil Tinder von älteren Nutzern mehr Geld verlangt als von jüngeren. Rad sagt, Tinder habe jüngeren Nutzern einen „Nachlass“ geben wollen, um den Dienst für möglichst viele Menschen erschwinglich zu machen.

IAC zeigte sich gerade bei der Vorlage des Quartalsberichts zufrieden mit den bisherigen Abonnentenzahlen, ohne Details zu nennen. Seit kurzem werden auf Tinder auch Anzeigen geschaltet, als Kunden nennt Rad die Biermarke Budweiser und das Reiseportal Orbitz. Bislang stehen die Gebühren für den größten Teil der Tinder-Umsätze, aber Rad kann sich vorstellen, dass auf längere Sicht Werbung das größere Standbein wird. Der für das Dating-Geschäft von IAC verantwortliche Greg Blatt sagte jedenfalls, er sei „sehr, sehr optimistisch“, dass aus Tinder ein einträgliches Geschäft wird.

Freilich sieht sich Tinder auch verstärktem Wettbewerb gegenüber. Andere Smartphone-Apps versprechen eine gezieltere Auswahl von möglichen Partnern, der Konkurrent „Hinge“ zum Beispiel schlägt nur Kandidaten mit gemeinsamen Facebook-Freunden vor. Rad zeigt sich unbeeindruckt: „Wir sind aggressiv und hungrig, und wer uns ablösen will, muss etwas tun, das zehn Mal so gut ist. Bisher habe ich höchstens marginal andere Sachen gesehen.“

Rad hat kürzlich den Posten als Vorstandsvorsitzender an Chris Payne abgegeben, der vom Online-Händler Ebay geholt wurde. Er ist jetzt als Präsident unter anderem für Produktentwicklung zuständig. Sein Rückzug wurde eingeläutet, nachdem ihm und einem anderen Mitgründer in einer Klage von einer früheren Managerin sexuelle Belästigung vorgeworfen wurde. Die Klage wurde mit einem Vergleich beigelegt. Rad will sich zu der Klage nicht näher äußern und sagt lediglich, der Vergleich sei ohne jegliches Schuldeingeständnis geschlossen worden. Und dem Vorstandsvorsitz trauere er nicht hinterher: „Ich bin viel glücklicher. Ich kann mich jetzt auf die Sachen beschränken, die ich wirklich gerne tue.“

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