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Die Digitalisierung erfasst immer mehr Lebensbereiche. Wie sie sich auf Menschen und Märkte auswirkt, beleuchtet das Netzwirtschaft-Blog auf FAZ.NET.

Periscope: „Wir hätten es auch ohne Twitter geschafft“

Kayvon Beykpour© TwitterKayvon Beykpour

Es ist eine gute Zeit für Gründer in Amerika. Wer eine vielversprechende Idee hat, kann darauf hoffen, bald von Investoren umworben zu werden. Und vielleicht sogar davon träumen, es Start-Up-Unternehmen wie Uber, Airbnb oder Snapchat gleichzutun, die mit zweistelligen Milliardenbeträgen bewertet werden. Aber nicht jeder hofft auf einen solchen ganz großen Wurf. Viele Gründer entscheiden sich dagegen, es im Alleingang zu versuchen, und verkaufen ihre Unternehmen an etabliertere Adressen. Besonders schnell ging das im Fall von Periscope, einer Smartphone-Anwendung („App“) zur Übertragung von Live-Videos. Die beiden Gründer Kayvon Beykpour und Joe Bernstein verkauften Periscope nicht einmal ein Jahr nach dem Start an den Kurznachrichtendienst Twitter. Zu diesem Zeitpunkt war die App noch nicht einmal veröffentlicht. Twitter soll Schätzungen zufolge einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag bezahlt haben. Wie Beykpour im Gespräch mit dieser Zeitung sagt, sollte der Verkauf in einem so frühen Stadium die Erfolgschancen der App erhöhen. Dies sei den Gründern wichtiger gewesen als ihre Unabhängigkeit.

Seit dem Verkauf an Twitter im Januar hat Periscope ereignisreiche Monate erlebt. Die App wurde im März veröffentlicht, sah sich aber beim Start unverhofft starker Konkurrenz gegenüber. Denn kurz zuvor fuhr die rivalisierende Video-App Meerkat Periscope in die Parade und wurde zum Liebling des trendbewussten Publikums auf der Digitalkonferenz South by Southwest in Austin, wo einst auch schon Twitter den Durchbruch geschafft hat. Aber mit Twitter im Rücken konnte Periscope den Rückstand aufholen. In den Listen der populärsten Smartphone-Apps, die von der Marktforschungsgruppe App Annie veröffentlicht werden, liegt Periscope heute weit vor Meerkat. Dabei dürfte geholfen haben, dass Twitter seinem hauseigenen Dienst Periscope einen Vorteil verschaffte, indem Meerkat der Zugang zu seinen Nutzerdaten versperrt wurde.

Beykpour gibt zu, dass es in den ersten Monaten hilfreich für Periscope war, Twitter im Rücken zu haben. Er sagt aber auch, dass nach seiner Meinung der Erfolg letztlich vom Produkt abhänge, und dieses Produkt habe sich seit dem Verkauf an Twitter nicht wesentlich verändert. „Wir sind verrückt genug, zu glauben, dass wir so oder so Erfolg gehabt hätten.“ Beykpour will indessen weder Meerkat noch andere Wettbewerber abschreiben. „Jemand in einer Garage kann an etwas arbeiten, das die Welt verändert.“ Er hält es außerdem für möglich, dass sich mehrere Live-Videodienste nebeneinander behaupten können, zumal wenn sie verschiedenen Schwerpunkte haben: „Manche richten sich eher an Unternehmen, manche an Verbraucher, manche speziell an Nutzer von Videospielen.“

Periscope und ähnliche Dienste erlauben es ihren Nutzern, live zu übertragen, was sie gerade tun oder was um sie herum passiert. Beykpour beschreibt das Konzept als eine Art „Teleportation“, die das Publikum miterleben lässt, was überall in der Welt vor sich geht. Die Idee dafür kam ihm, als er vor zwei Jahren in die Türkei reisen wollte und es dort Proteste gab. Er fand, dass ihm weder Twitter noch Fernsehnachrichten ein Gefühl dafür geben konnten, wie sicher das Land für ihn wäre. Er dachte sich, dass Live-Aufnahmen, die jemand vor Ort mit seinem Smartphone macht, dafür besser geeignet sein könnten. Auf Periscope kommen solche Echtzeit-Übertragungen heute nach Angaben von Beykpour von einem breiten Spektrum von Nutzern: Prominente wie Oprah Winfrey oder Channing Tatum, Journalisten, Eltern, die die ersten Schritte ihrer Tochter für die Außenwelt aufzeichnen, oder auch ein Astronom, der seinem Publikum die Sternbilder erklärt. Amerikaner und Briten gehörten derzeit zu den eifrigsten Nutzern, wohingegen Deutschland noch nicht unter den größten Märkten für Periscope sei.

Beykpour ist klar, dass Periscope im „Selfie“-Zeitalter ein weiteres Instrument zur Selbstdarstellung liefert. Daher sei als Standardeinstellung in der App bewusst die nach außen gerichtete Kamera gewählt worden. Nutzer müssen also zumindest noch einen kleinen zusätzlichen Schritt gehen und ihre Smartphone-Kamera auf die entgegengesetzte Richtung umstellen, um sich selbst zu filmen. „Uns geht es schließlich in erster Linie darum, dass man mit Periscope die Welt erkunden kann.“

Live-Videodienste wie Periscope und Meerkat haben auch potentielle Schattenseiten. Sie können genutzt werden, um urheberrechtlich geschütztes Material zu verbreiten, zum Beispiel sonst nur im Bezahlfernsehen zugängliche Sportveranstaltungen oder Fernsehserien. Auch für Pornographie bieten sich solche Dienste an. Beykpour sagt, Periscope sei sich dessen bewusst, aber dies betreffe nur einen „extrem kleinen Prozentsatz“ der Inhalte auf der Plattform. Periscope beschäftige außerdem eine Gruppe von Moderatoren, die Beschwerden von Inhabern von Urheberrechten prüfen und gegebenenfalls Videos entfernen. Wie groß dieses Team ist, will Beykpour nicht verraten. Insgesamt habe Periscope derzeit 19 Mitarbeiter und baue sein Personal „aggressiv“ aus.

Die Periscope-Muttergesellschaft Twitter hat gerade einen Führungswechsel hinter sich. Mitgründer Jack Dorsey hat den Vorstandsvorsitz Anfang Juli übergangsweise von Dick Costolo übernommen. Eine permanente Besetzung wird gesucht, und auch Dorsey gilt als einer der Kandidaten. Beykpour sagt, ihm sei es wichtig, auf wen die Wahl am Ende falle. Er will sich aber nicht festlegen lassen, ob er Dorsey gerne auf Dauer an der Spitze sähe. Beykpour selbst jedenfalls beteuert, er habe keine Absichten, Twitter bald wieder zu verlassen, so wie manche andere Gründer es tun, nachdem sie ihr Unternehmen verkaufen. „Wir sind kaum mehr als ein Jahr alt und kommen gerade erst in die Gänge.“ Unter dem Dach von Twitter zu arbeiten, habe noch einen anderen Vorteil: Der Mutterkonzern mache ihm bisher keinen Druck, mit seinem kostenlosen Dienst Geld zu verdienen.

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