Netzwirtschaft

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Die Digitalisierung erfasst immer mehr Lebensbereiche. Wie sie sich auf Menschen und Märkte auswirkt, beleuchtet das Netzwirtschaft-Blog auf FAZ.NET.

„43 Hügel und 1 Tal“: Rarer Raum für Gründer

An der Market Street im Zentrum von San Francisco fährt draußen die Vergangenheit vorbei, während drinnen vielleicht die Zukunft entsteht. Vor dem Haus mit der Nummer 925 rumpeln die zum großen Teil mehr als 50 Jahre alten historischen Straßenbahnwagen der F-Linie, die heute ein fahrendes Verkehrsmuseum ist. Im Innern des Gründerzeitbaus arbeiten gut 20 junge Menschen auf zwei Etagen verteilt konzentriert an ihren Laptops und ihren Ideen für das mobile Internetzeitalter. Sie alle sind Gäste des größten Online-Händlers der Welt. Das Gebäude mit der Adresse 925 Market Street beheimatet seit dem vergangenen Oktober dauerhaft das Pop-up Loft von Amazon Web Services, der Cloudcomputing-Sparte des Internethändlers, die Speicher- und Rechnerkapazitäten an Unternehmen vermietet.

###© Martin GroppEingang des Pop-up Lofts von Amazon Web Services in San Francisco

„Das Loft ist ein Raum, wo jeder sich einen Kaffee nehmen, an seiner App arbeiten und persönliche Antworten zu technischen Fragen erhalten kann – und zwar kostenfrei“, beschreibt Amazon Web Services die Aufgabe des Lofts. Tatsächlich gibt es nicht nur einen Kaffeespender, sondern auch Cornflakes, Milch und Wassereis umsonst, Internetzugang sowieso. Auch der für jedes aufstrebende Internetunternehmen fast schon sinnbildlich gewordene Tischkicker steht zwischen den unverputzten Backsteinwänden.

Trotz aller Freigebigkeit ist das Pop-up Loft keine Wohltätigkeitsveranstaltung, sondern ein Instrument zur Bindung künftiger Kunden. Denn die Start-ups von heute sind vielleicht die Börsenkandidaten von morgen, und sie brauchen Rechenkapazitäten für ihre Anwendungen und Dienstleistungen, die sie bei Amazon mieten können. Das Cloud-Segment des Unternehmens wächst derzeit sehr stark. Im ersten Halbjahr dieses Jahres setzte Amazon damit rund 3,4 Milliarden Dollar um – fast zwei Drittel mehr als im Vorjahreszeitraum. Wohl auch deshalb gibt es seit Ende Juni in New York einen zweiten solchen Ort, an dem Amazon jungen Unternehmen einen Platz bietet und ihnen gleichzeitig seine Produkte nahebringt.

Gerade in San Francisco wird Raum für die ganz am Anfang stehenden Internetunternehmen immer rarer. Erst vor kurzem kündigte der Technikkonzern Apple an, ein 7000 Quadratmeter großes Büro in San Francisco mieten zu wollen. Apple sitzt eigentlich in Cupertino, eine gute Autostunde von San Francisco entfernt. Der Ableger in der Innenstadt wird aber auch deshalb nötig, weil immer mehr Mitarbeiter der wachsenden Technikkonzerne in der Stadt wohnen wollen. Das zeigen auch die Busse, die jeden Werktag im Auftrag von Facebook, Google oder eben auch Apple Mitarbeiter von San Francisco aus Richtung Süden fahren.

Im Innern des Pop-up Lofts© Martin GroppIm Innern des Pop-up Lofts

Doch wenn selbst die Großen der Branche in die Stadt vorstoßen, wird der Mietmarkt für junge Unternehmen immer angespannter – und wer wie die Nutzer des Amazon Pop-ups Loft gerade erst angefangen hat, freut sich womöglich über einen kostenlosen Platz, wo er seinen Laptop aufklappen kann. Auch der Erfolg des New Yorker Unternehmens Wework zeigt, dass es Bedarf an flexiblen Arbeitsplätzen für Kleinunternehmen gibt. Wework betreibt Coworking-Spaces, es vermietet also zeitlich flexibel einzelne Schreibtischarbeitsplätze oder ganze Büros. Ein Einzelplatz kostet 450 Dollar im Monat, ein Vier-Personen-Büro 2400 Dollar. Wework ist erst fünf Jahre alt und damit selbst noch im Start-up-Alter. Doch nachdem das Unternehmen Ende Juni in einer Finanzierungsrunde 400 Millionen Dollar einsammelte, wird es mit mehr als 10 Milliarden Dollar bewertet.

Aber auch Statistiken zeigen, dass Büroraum im Zentrum von San Francisco knapp wird. Nach Daten des Büroimmobilienvermittlers Cushman & Wakefield hat sich die Leerstandsquote im ersten Quartal dieses Jahres im Zentrum von San Francisco im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um rund 1,8 Prozentpunkte auf nunmehr 7,5 Prozent verringert. Der amerikanische Durchschnitt liegt bei rund 12 Prozent. Nur im südlichen Manhattan standen noch weniger Büros leer. Noch stärker sank der Leerstand allerdings in den günstigeren Stadtvierteln der kalifornischen Metropole außerhalb der Innenstadt. Dort ist lediglich noch 4 Prozent der Bürofläche unbelegt – ein Rückgang um 7 Prozentpunkte.

Zuletzt sind aber auch die Wohnungsmieten in den Vereinigten Staaten deutlich gestiegen. Wie der Immobiliendatenbank-Betreiber Zillow in der vergangenen Woche mitteilte, werde es für Amerikaner immer schwerer, sich die Miete überhaupt leisten zu können. Das zeigt sich am Anteil des Einkommens, der in die Miete fließt. Zwischen 1985 und 2000 lag dieser Anteil laut Zillow im Schnitt bei rund 24 Prozent. Im zweiten Quartal dieses Jahres hat er die 30-Prozent-Marke überschritten. „In einigen Märkten ist das Problem sogar noch schlimmer“, heißt es in der Meldung. „Mieter in Märkten mit hoher Nachfrage wie Los Angeles, San Jose, Miami oder San Francisco können damit rechnen, dass sie mehr als 40 Prozent ihres Einkommens für die Miete aufwenden müssen.“ Dies liege 10 Prozentpunkte über den historischen Durchschnittswerten. Laut einer Analyse des Wohnungsvermittlers Zumper führt San Francisco inzwischen die Rangliste der Städte mit den höchsten Mieten in den Vereinigten Staaten an. Die Median-Miete für eine Ein-Zimmer-Wohnung liegt demnach bei umgerechnet etwa 3140 Euro. Das heißt, dass 50 Prozent der Wohnungen günstiger, aber auch 50 Prozent teurer sind. Die Median-Miete für ein Zwei-Zimmer-Apartment erreicht rund 4260 Euro.

Einige Technikunternehmen treten deshalb die Flucht nach Osten an und wagen den Sprung über die Bucht von San Francisco nach Oakland. So ist der Grafikdesign-Marktplatz 99 Designs schon im Frühjahr dieses Jahres nach Oakland gezogen. Das Webdesign-Unternehmen Fluid wird es ihm demnächst gleichtun. „Mehrere Gründe haben den Ausschlag gegeben für den Umzug nach Oakland“, sagte der 99-Design-Geschäftsführer Patrick Llewellyn und lobte dabei die gerade aufkeimende Kunst- und Technikszene. Doch hinterlässt diese Entwicklung auch in Oakland schon ihre Spuren. Dort ist laut Zumper die Median-Miete für eine Ein-Zimmer-Wohnung im vergangenen Jahr um 20 Prozent gestiegen – so viel wie nirgendwo sonst in Amerika. Sie liegt jetzt bei 1980 Dollar.

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