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„43 Hügel und 1 Tal“: Ein Duschkopf entzückt das Silicon Valley

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Unter dem Duschkopf des kalifornischen Unternehmens Nebia sind nur die ersten Augenblicke unspektakulär. Wer sich im Büro des Start-ups in San Francisco unter die Testdusche stellt, muss wie in vielen Nasszellen rund um die Welt erst einmal das Wasser aufdrehen. Doch sobald es läuft, wird schnell deutlich, warum das Unternehmen und dessen Produkt Nebia heißt, angelehnt an das italienische Wort „nebbia“ für Nebel. Es gluckert kurz, dann zischt es, und neun Düsen sprühen feinste Wassertröpfchen von oben auf Kopf und Schultern. Eine Art Handbrause sorgt dafür, dass die Tröpfchen auch von der Seite kommen. In Sekunden ist der ganze Körper wie von Wasser umhüllt. Das ist keine Dusche, es ist eine Mischung aus Dampfbad und norddeutschem Nieselregen. Nur wohltemperierter.

„Wir atomisieren das Wasser“, umschreibt Philip Winter, Mitgründer und Geschäftsführer des Unternehmens, was da im und unter dem Duschkopf geschieht. Das Wasser wird mit hohem Druck durch die Düsen geschossen, und das hat Folgen: Der Duschkopf senkt nach Winters Angaben den Wasserverbrauch während des Duschens um 70 Prozent. Statt 9,5 Liter je Minute verbrauche Nebia lediglich 2,8 Liter. Das liegt daran, dass der Duschkopf statt eines konstanten Wasserstrahls viele Millionen kleinste Tröpfchen ausspuckt. Das vergrößert laut Winter die gesamte Wasseroberfläche und macht den Wassereinsatz dadurch effizienter.

Der Duschkopf im Einsatz.© NebiaDer Duschkopf im Einsatz.

Im Gespräch macht der 25 Jahre alte Geschäftsführer die Körperhygiene zu einer Wissenschaft. Die Funktionsweise des Duschkopfs habe viel mit Fluiddynamik zu tun, einem Teilgebiet der Strömungslehre. Professoren der Universität Toronto und der Stanford Universität in Palo Alto haben Winter und seinen inzwischen sieben Mitstreitern geholfen, den Kopf in seinen jetzigen Zustand zu bringen. Weil sie die Strömung der Tröpfchen zuerst per Software im Computermodell nachvollzogen, konnten sie schnell und kostengünstig bei der Entwicklung vorankommen. „Es ist wirklich Raketenwissenschaft“, heißt es auf der Internetseite des Unternehmens.

Und raketenartig ist auch das Unternehmen inzwischen unterwegs – zumindest was die Bekanntheit angeht. Am 10. August stellte Nebia seinen Duschkopf auf der Finanzierungsplattform Kickstarter ein. Dort werben Unternehmen um das Geld von Privatinvestoren, bevor sie überhaupt anfangen zu produzieren. Kommt genügend Geld zusammen, wird das Projekt durchgezogen. Als Dank erhalten die Schwarmfinanziers meistens das Produkt – so auch bei Nebia. Doch verlief die Finanzierung schneller als bei anderen Kickstarter-Projekten.

Eigentlich wollte das Unternehmen in einem Monat 100 000 Dollar einnehmen. Doch dieses Ziel erreichte es nach acht Stunden. Die erste Million hatte es nach 36 Stunden zusammen, die zweite Million nach weniger als einer Woche. Fast 6100 Unterstützer hat Nebia inzwischen auf Kickstarter gefunden, 157 davon kommen aus Deutschland. Nun werden Winter und seine Kollegen das Produkt ein letztes Mal verbessern und dann in die Massenproduktion gehen. Im Mai kommenden Jahres sollen die Unterstützer die Duschköpfe samt Halterung in den Händen halten.

Rückhalt kommt auch von großen Namen der amerikanischen Technikbranche. Der Verwaltungsratschef des Suchmaschinenkonzerns Google gehört über seine Familienstiftung zu den Investoren der ersten Stunde. Der Vorstandsvorsitzende des Computerkonzerns Apple, Tim Cook, hat laut Winter selbst schon unter dem Duschkopf gestanden, ihn für gut befunden und dann ebenfalls als Privatperson investiert.

Überhaupt Google und Apple: In den Zentralen der Unternehmen hatte Nebia Testduschen installiert, die Hunderte Menschen genutzt haben. Durch deren Rückmeldungen konnte das Unternehmen sein Produkt weiterentwickeln. Dazu standen der Suchmaschinenkonzern und der iPhone-Hersteller Pate beim Design. Der Duschkopf besteht zum Teil aus gebürstetem Aluminium – ähnlich wie Apples Macbook-Laptops. „Wir sind aber auch von Nest inspiriert“, sagt Winter und meint damit die Google-Tochtergesellschaft, die unter anderem mit dem Internet verbundene Thermostate herstellt. Deren Gründer Tony Fadell hat einst den Apple-Musikspieler iPod mitentwickelt und legt auch bei Nest großen Wert auf Gestaltung.

„Eine bessere Duscherfahrung, ein schönes Design verbunden mit der großen Wasserersparnis – das ist es, was wir erreichen wollen“, sagt Winter und sieht dabei einen größeren Zusammenhang. Schon bald lebten auf der Erde neun Milliarden Menschen, doch die Ressource Wasser sei endlich. „Das heißt, wir müssen viel effizienter damit umgehen.“ Die Dusche sei deshalb auch erst der Anfang. „Die Idee ist, auch andere Produkte anzugehen und dann innerhalb der nächsten zehn Jahre Haushalte rund um die Welt dazu zu bringen, die Hälfte ihres Wasserverbrauchs einzusparen.“ Er und seine Mitgründer sähen Nebia ohnehin als Langzeitaufgabe. „Wir sind nicht angetreten, um das Unternehmen in vier Jahren zu verkaufen.“

Nachtrag, 27. August 2015:

Ein Leser weist auf folgende Problematik hin: Wenn Wasser in feinste Tröpfchen zerstäubt wird, könnten diese Tröpfchen in die Lunge gelangen und dort zum Beispiel die für die Legionärskrankheit verantwortlichen Legionellen einbringen, und mithin die Krankheit auslösen.

Auf Nachfrage teilte das Unternehmen Nebia zu dieser Frage mit:

„Unsere Forschung deutet darauf hin, dass Nebia kein größeres Risiko darstellt als ein durchschnittlicher Duschkopf, was die Inhalation von Bakterien wie etwa Legionellen betrifft. Obwohl die Tröpfchen bei Nebia kleiner sind als die von durchschnittlichen Duschköpfen, sind sie doch immer noch größer als das größte Tröpfchen, das ein Mensch inhalieren kann. Experten für öffentliche Gesundheit, Epidemologie und Immunologie weisen darauf hin, dass einatembarer Dunst mit Tröpfchen von 10 Mikrometern Durchmesser in der Lage ist, Bakterien in die Lunge einzubringen. Nebias Tröpfchen sind mit einem Durchmesser, der von 200 bis 1000 Mikrometern reicht, eine Größenordnung größer und deshalb zu groß ist, um inhaliert zu werden.“

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1 Lesermeinung

  1. Kinkerlitzchen
    Solange in Kalifornien keine Wasseruhren eingebaut werden, sondern das Wasser durch eine flatdee abgegolten wird, sind solche Dinger bloss Kinkerlitzchen für Gutmenschen.

Kommentare sind deaktiviert.