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Die Digitalisierung erfasst immer mehr Lebensbereiche. Wie sie sich auf Menschen und Märkte auswirkt, beleuchtet das Netzwirtschaft-Blog auf FAZ.NET.

Videoplattform Younow: Der Reiz des Alltags

Lebt vom "Trinkgeld" seiner mehr als 30000 Fans: Brent Morgan© Foto: Screenshot YounowLebt vom „Trinkgeld“ seiner mehr als 30000 Fans: Brent Morgan

Es ist Zeit zum Frühstücken. Nina Jasmin wirft Bananen, gefrorene Himbeeren und eine Maracuja in den Mixer und gießt etwas Wasser dazu. Mangos seien leider nicht mehr im Haus gewesen, sagt sie bedauernd. Während die 21 Jahre alte Hannoveranerin mit den Früchten hantiert, jammert einer ihrer Zuseher über einen gezogenen Weisheitszahn. Nina Jasmin zeigt sich mitfühlend und sagt, bei ihr sei das Entfernen der Weisheitszähne auch „richtig schlimm“ gewesen. Als das Getränk fertig ist, ruft sie triumphierend: „Smoothie-Time“ – und trinkt mit einem Strohhalm direkt aus dem Mixer. Später in dem einstündigen Video fragt sie jemand nach ihrer veganen Ernährung. Sie habe im vergangenen Jahr damit angefangen, sagt Nina Jasmin. Seither sei ihre Haut besser, und sie sei glücklich, dass für sie kein Lebewesen sterben oder leiden müsse.

Manchem mag all das etwas belanglos vorkommen. Aber solche und ähnliche Episoden aus dem Alltag ziehen auf der Videoplattform Younow ein stattliches Publikum an. Nina Jasmin zum Beispiel hat mehr als 28000 Fans. Der durchschnittliche Younow-Nutzer verbringt nach Angaben des New Yorker Unternehmens jeden Tag 51 Minuten auf der Plattform und damit mehr, als dies beim dominierenden sozialen Netzwerk Facebook der Fall ist. Younow hat Ähnlichkeiten mit der zu Google gehörenden Videoplattform Youtube, aber das Konzept ist völlig anders. Der Schwerpunkt liegt auf Live-Übertragungen und dem direkten Kontakt unter den Nutzern. Das Publikum kann sich in die Übertragungen einschalten und das Geschehen unmittelbar kommentieren. „An Medien teilnehmen und sie nicht nur konsumieren,“ so formuliert es Adi Sideman, der Gründer und Vorstandsvorsitzende von Younow. Diese Interaktion beschränkt sich nicht auf Worte und Emojis, sondern es fließt auch Geld. Nutzer können Younow-Persönlichkeiten eine Art Trinkgeld geben, etwa weil sie die Inhalte gut finden oder weil sie das Geschehen auf dem Bildschirm beeinflussen wollen. Diese finanziellen Zuwendungen können sich nach Sidemans Angaben auf Cent-Beträge beschränken, aber auch schon mal 80 Dollar erreichen. So wird es Nina Jasmin und anderen Younow-Akteuren möglich, mit ihrer Redseligkeit auf der Plattform Geld zu verdienen, und das Unternehmen bekommt einen Anteil davon.

Brent Morgan aus dem amerikanischen Bundesstaat Alabama bestreitet mit Younow heute sogar seinen Lebensunterhalt. Früher hat er sein Geld einmal als Musiklehrer verdient und seinen 40 Schülern Instrumente wie Klavier und Gitarre beigebracht. Nebenbei hatte er auch selbst Auftritte als Musiker. Heute spart er sich die Mühe, seine Musikausrüstung herumzuschleppen, und auch das Unterrichten hat er aufgegeben. Stattdessen setzt er sich mit seiner Gitarre komfortabel in seinem eigenen Zuhause hin, singt dazu und sendet dies per Younow in die Welt hinaus. Das bringt ihm mittlerweile nach eigener Aussage 4400 Dollar im Monat, und er hat mehr als 30000 Fans. Seine Videos sind eine Mischung aus Musik und Dialog mit anderen Nutzern, wobei Letzteres oft darauf abzielt, sie dazu zu bewegen, etwas Geld springen zu lassen. Seine spendablen Zuschauer werden oft mit einem Ständchen belohnt. In einem Video singt er zum Beispiel wiederholt „Thank you, Wendy“ – und unterbricht dafür seine Interpretation von Sam Smith’s „I’m Not The Only One.“ Üblicherweise sendet der 27 Jahre alte Morgan zwei Mal am Tag, manchmal auch von unterwegs und ganz ohne Gitarre. Kürzlich konnte man ihm zusehen, wie er nach einem Kinobesuch im Auto nach Hause fuhr. Er plapperte munter in den Bildschirm, und sein Blick wanderte ständig von der Straße zu seinem Smartphone auf dem Armaturenbrett, von dem er die Kommentare seines Publikums ablas.

Younow gehört zu einer Gruppe aufstrebender Smartphone-Anwendungen („Apps“), die auf Videoübertragungen in Echtzeit spezialisiert sind. Andere Vertreter, über die jüngster Zeit viel gesprochen wurde, sind Periscope oder Meerkat. Bei Younow liegt im Gegensatz zu diesen Wettbewerbern der Schwerpunkt darauf, sich selbst zu filmen und nicht das Umfeld. Daher ist die Kamera in der Standardeinstellung der App nach innen gerichtet und nicht nach außen. Im Gegensatz zu Periscope und Meerkat hat Younow auch schon ein Geschäftsmodell. Im vergangenen Jahr wurde das Partnerprogramm gestartet, das Nutzern wie Nina Jasmin und Brent Morgan die Möglichkeit eröffnet, Geld zu verdienen, wovon dann ein Anteil für das Unternehmen abfällt. Mittlerweile hat Younow 1000 Partner auf der Welt, in Deutschland sind es mehr als 100. Werbung ist auf Younow anders als etwa auf Youtube dagegen nicht zu sehen und somit auch keine Einnahmequelle. Das soll nach Sidemans Angaben auch künftig so bleiben.

Das Publikum auf Younow ist jung. 70 Prozent der Nutzer sind jünger als 25 Jahre, 55 Prozent sind weiblich. Younow ist Teil einer ganzen neuen Generation von Internetplattformen mit von Nutzern selbstgemachten Inhalten, auf denen junge Menschen viel Zeit verbringen. Ebenso wie es Younow-Nutzer interessiert, wenn jemand Gitarre spielt oder einen Smoothie mixt, gibt es auch ein großes Publikum für Dienste wie Twitch, wo es darum geht, anderen beim Videospielen zuzusehen. Die Popularität solcher Angebote wirkt sich auf traditionelle Unterhaltungsformen wie Fernsehen aus. „Unsere Nutzer sehen nicht viel fern, und sie sprechen kaum übers Fernsehen,“ sagt Sideman. Nina Jasmin zum Beispiel hat zwar in ihrem Zimmer einen Fernseher, aber der ist kaputt, und sie hat keine Absicht, ihn reparieren zu lassen. „Ich bin vor allem im Internet unterwegs.“

Nina Jasmin begann Anfang dieses Jahres damit, Live-Videos von sich zu produzieren, als sie gerade als Au-pair in der amerikanischen Stadt Pittsburgh war. Sie ließ ihr Publikum an ihrem Alltag teilhaben, ob sie nun im Supermarkt oder auf einem Trip nach New York war. Nach der Rückkehr in ihre deutsche Heimat im Juni machte sie hier weiter. Ihre Videos nehmen einige Zeit in Anspruch. Sie sagt, sie rede nicht einfach drauflos, sondern denke sich vorher Themen aus und bereite sich vor. Neben Younow ist sie auch auf Youtube präsent, wo ihre Videos nicht live übertragen werden, dafür aber noch aufwendiger sind. Für das Filmen eines Youtube-Videos nimmt sich Nina Jasmin vier bis fünf Stunden Zeit, ähnlich lange dauere die Nachbearbeitung. Wieviel Geld sie mit ihren Videos verdient, will sie nicht verraten. Zwar haben Youtube und andere Videoplattformen mittlerweile einige Stars hervorgebracht, die mit ihren Clips Millionenbeträge im Jahr verdienen. Nina Jasmin sagt aber, ihr Ziel sei es nie gewesen, „reich und berühmt“ zu werden. „Ich habe einfach die Kamera angemacht und losgelegt.“ Sie will ihre berufliche Karriere auch nicht auf ihr Dasein als Internetpersönlichkeit beschränken, wenngleich sie damit im Moment gut beschäftigt ist. Im nächsten Jahr will sie eine Ausbildung zur Mediengestalterin beginnen.

Deutschland gehört zu den wichtigsten Märkten für Younow, hier hat das Unternehmen 15 Prozent seiner Nutzer. Aber in Deutschland gab es auch die größten Kontroversen um Younow. Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig warnte vor einiger Zeit vor den Gefahren der App. Kinder und Jugendliche könnten hier „leichte Opfer für sexuelle Belästigung und Cyber-Mobbing“ werden, weil sie für alle Internetnutzer sichtbar und ansprechbar seien. Die Nutzerrichtlinien von Younow verbieten zwar ähnlich wie etwa auch bei Facebook sexuell explizite Inhalte oder Hassrede. Aber Sideman gibt zu, dass es an der Überwachung dieser Regeln in Deutschland zwischenzeitlich gehapert habe, als Younow hier populär wurde. Mittlerweile verfüge Younow aber hier wie auch anderswo über eine Reihe von Sicherheitsmechanismen. Beispielsweise beschäftigt Younow mehr als 60 Moderatoren, die das Geschehen rund um die Uhr in fünf Sprachen verfolgen, darunter auch Deutsch. Daneben setze das Unternehmen auch Technologie ein, die zum Beispiel nackte Haut oder Beschimpfungen erkennen kann. Sideman sagt, die Moderatoren müssten heute in weniger als ein Prozent aller Übertragungen auf Younow eingreifen. Nina Jasmin hält die Atmosphäre auf Younow insgesamt für freundlich, aber manchmal passiert es auch ihr, dass einer ihrer Zuseher einen Kommentar wie „Du bist doof“ schreibt. Sie lässt sich von so etwas nicht die Laune verderben: „Ich ignoriere das einfach.“

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