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Diese Wojcickis: Die Frauendynastie aus dem Silicon Valley

Esther Wojcicki ist eine angesehene Pädagogin, und zwei ihrer Töchter sind zu Superstars in der Technologiebranche geworden. In der Geschichte von Google hat die Familie eine spezielle Rolle gespielt.
Die Wojcickis: Anne, Janet, Stanley, Esther und Susan (von links)© PrivatDie Wojcickis: Anne, Janet, Stanley, Esther und Susan (von links)

Esther Wojcicki erinnert sich noch gut an den ungläubigen Blick ihres Lehrers, als sie zu ihm in den Mathematikunterricht kam. „Hier gibt es keine Mädchen. Bist du im falschen Kurs?“, habe er zu ihr gesagt. Damals war sie 17 Jahre alt. Später, als angehende Journalistin in den sechziger Jahren, stellte sie fest, dass der Presseclub in San Francisco keine Frauen aufnahm. Und als sie für die „Los Angeles Times“ zu arbeiten begann, sei ihr aufgetragen worden, sie solle sich von ihrem Schreibtisch aus um vermeintliche Frauenthemen wie Mode kümmern. Die Begründung: „Wir können dich nicht als Reporterin rausschicken. Du könntest vergewaltigt werden.“

Als Frau diskriminiert zu werden, ist Wojcicki also nicht fremd. Das hielt sie aber nicht davon ab, drei Hochschulabschlüsse zu machen und eine respektierte Pädagogin zu werden. Und sie kann nicht nur auf ihre eigene Karriere stolz sein, sondern auch auf die ihrer drei Töchter: Zwei von ihnen gehören zu den erfolgreichsten Frauen im Silicon Valley, der kalifornischen Hochburg der Technologiebranche. Susan, die älteste mit 47 Jahren, war eine der ersten Mitarbeiterinnen des Internetkonzerns Google und führt heute dessen Videoseite Youtube. Nesthäkchen Anne, 42 Jahre alt, ist Gründerin und Vorstandsvorsitzende des Gentestunternehmens „23 and Me“. Janet, die mittlere Tochter, ist Anthropologin und Epidemiologin. Mutter Esther zeigt sich vom Erfolg ihrer Töchter selbst etwas überrascht: „Ich wusste, dass sie einmal etwas Großartiges tun würden, aber ich hätte nicht gedacht, dass sie einmal so tragende Rollen im Silicon Valley spielen würden“, sagte sie im Gespräch mit dieser Zeitung auf der Digitalkonferenz DLD in New York.

Die Karrieren der Wojcickis sind umso bemerkenswerter, weil der Technologiebranche bis heute nachgesagt wird, ein frauenfeindliches Revier zu sein. In Unternehmen wie Google, Facebook oder Apple liegt der Frauenanteil nur um die 30 Prozent. Darüber kann auch nicht hinwegtäuschen, dass es einige weibliche Starmanager gibt – wie Sheryl Sandberg, die Geschäftsführerin von Facebook, Marissa Mayer, die Vorstandsvorsitzende von Yahoo, oder eben die Wojcickis. Auch Esther Wojcicki findet trotz des Erfolges ihrer Töchter, dass es Frauen im Silicon Valley schwer haben: „De facto gibt es Diskriminierung, auch wenn sie oft unbewusst geschieht.“ Nicht nur kämpften Frauen gegen die weit verbreitete Auffassung, sich durch Kinderpläne von ihrer Karriere ablenken zu lassen. Sie würden auch als zu angepasst und nicht risikobereit genug wahrgenommen.

Wojcicki hält das nicht einmal für gänzlich aus der Luft gegriffen, wenn sie an ihre Arbeit an der Palo Alto High School denkt, wo sie das Journalistenprogramm verantwortet. Sie unterrichtet von der neunten Klasse an und hat einen großen Unterschied zwischen ihren weiblichen und männlichen Schülern festgestellt. „Die Mädchen sprechen weniger und wollen weniger anecken.“ Wojcicki versucht, das zu ändern und ihre Schülerinnen im Unterricht aus der Reserve zu locken. „Ich hole besonders die schüchternen Mädchen nach vorne und lasse sie Geschichten erzählen.“ Sie bemüht sich, auch selbst ein Vorbild zu sein. „Ich lasse nie locker und habe keine Probleme zu sagen, dass mir etwas nicht passt. Meine Schülerinnen sagen mir oft, dass sie sich das von mir abschauen.“

Ähnlich fordernd ging es auch bei den Wojcickis zu Hause zu, als die Kinder aufwuchsen. Esther Wojcicki erinnert sich, wie ihr Mann Stanley, ein heute emeritierter Physik-Professor an der Stanford-Universität, beim Abendessen alles hinterfragte, was seine Töchter erzählten. „Er wollte immer Beweise hören.“ Auf der anderen Seite bekamen die Kinder viele Freiheiten. Ihnen wurde zum Beispiel erlaubt, mit fünf Jahren ihr eigenes Zimmer zu dekorieren, und Mutter Esther denkt mit Grauen an einen scheußlichen Teppich in Neonpink zurück, den Susan unbedingt haben wollte und auch bekam. Den Töchtern wurde auch immer wieder eingebleut, dass sie genau die gleichen Dinge tun können wie Jungen. Deshalb habe zum Beispiel Anne gar nicht realisiert, dass es überhaupt so etwas wie Diskriminierung gibt, bis sie Biologie an der Eliteuniversität Yale studierte, wo sie eine von wenigen Frauen war.

Esther Wojcicki beschreibt ihre Töchter als sehr unterschiedlich. Susan, die heute selbst fünf Kinder hat, habe schon als Kind eine sehr fürsorgliche Art gehabt und sei deshalb oft damit beauftragt worden, auf die eineinhalb Jahre jüngere Schwester Janet aufzupassen. Janet sei immer das Genie gewesen und habe sich schon mit drei Jahren selbst das Lesen beigebracht. Anne sei als „Superstar“ angehimmelt worden: „Jeder wollte mit ihr befreundet sein.“ Heute kann sich Esther Wojcicki in allen drei erwachsenen Töchtern wiedererkennen. Etwa in Susans Hang zur Vernunft, aber auch in Annes Rebellentum.

Ihre eigene Zähigkeit führt Esther Wojcicki auf ein tragisches Ereignis aus ihrer Kindheit zurück. Ihr 18 Monate alter Bruder starb, als sie zehn Jahre alt war, nachdem er versehentlich zu viele Aspirin-Tabletten geschluckt hatte. Mangels Krankenversicherung fand die Familie nach Wojcickis Erzählung erst nach mehreren Anläufen ein Krankenhaus, das ihren Bruder aufnehmen wollte, und dort sei er wegen Behandlungsfehlern gestorben. „Ich habe mir damals geschworen, ich werde mich nie wieder von einem schlechten System unterkriegen lassen.“ Auch sei sie seit damals eine miserable Patientin und genieße alle Ratschläge von Ärzten mit Vorsicht. Tochter Anne erzählt gern die Episode eines entnervten Arztes, der sich beklagte, dass sich ihre Mutter an keinerlei Instruktionen halte.

Seit 1984 ist Esther Wojcicki an der Schule in Palo Alto und hat dort ein renommiertes Journalismusprogramm aufgebaut. Eine ihrer ersten Amtshandlungen war es, die für ihre Kurse vorgesehenen Lehrbücher wegzuwerfen, weil sie sie für katastrophal hielt. Der aufmüpfige Akt hat ihr nicht geschadet, und im Laufe der Jahre schrieben sich immer mehr Schüler in ihre Kurse ein, darunter auch der Schauspieler James Franco. Im vergangenen Jahr hat sie ein Buch über Ausbildung veröffentlicht. Zwischenzeitlich hat sie auch als Beraterin für Google gearbeitet.

Zu Google hat die Wojcicki-Familie viele Verbindungen. Susan ist nicht nur Chefin von Youtube, sondern hat auch eine besondere Rolle in der Geschichte des Unternehmens. 1998 vermietete sie die Garage und ein paar Zimmer in ihrem Haus im Silicon Valley an Larry Page und Sergey Brin, die beiden Gründer. Anne wiederum war mit Brin verheiratet und hat zwei Kinder mit ihm, seit knapp einem Jahr ist das Paar geschieden. Esther Wojcicki hat aus nächster Nähe mitbekommen, welchen Reichtum Google ihren Kindern gebracht hat. Sie gibt zu, dass sie die Dimensionen dieses Reichtums schwer begreiflich findet, zumal sie selbst aus sehr ärmlichen Verhältnissen kommt. Und sie lässt durchblicken, dass sie eine etwas andere Einstellung zum Geldausgeben hat als ihre Töchter. „Ich muss nicht erster Klasse fliegen, und ich brauche keine Designerklamotten. Ich würde das Geld lieber für Stipendien hergeben.“

In jedem Fall legen die Wojcickis auf Familie großen Wert. Jeden Sonntag steht ein gemeinsames Abendessen auf dem Programm, mit Esther und ihrem Mann, den drei Töchtern inklusive etwaiger Partner, den insgesamt neun Enkeln und vier Hunden. Der Clan fährt auch gemeinsam in Urlaub, für dieses Jahr steht eine Reise nach Italien auf dem Programm. Und Mutter Esther ist sichtbar stolz auf die Aufmerksamkeit, die ihre Töchter genießen. Zum Beispiel als Anne kürzlich auf der exklusiven Met Gala in New York war, neben Superstars wie Taylor Swift und Lady Gaga. Anderntags war ein Foto von ihr im Boulevardblatt „New York Post“. Esther Wojcicki hat sich die entsprechende Zeitungsseite aufgehoben und in ihre Handtasche gesteckt.

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