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Netzwirtschaft

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Die Digitalisierung erfasst immer mehr Lebensbereiche. Wie sie sich auf Menschen und Märkte auswirkt, beleuchtet das Netzwirtschaft-Blog auf FAZ.NET.

Selbst der Abfall wird nun digital

Mülldaten statt Datenmüll produziert das finnische Start-up Enevo.  Kluge Routen sollen Effizienz schaffen, doch Konkurrenz und Vorbehalte sind groß.

Ger Vervoorn sammelt seit 32 Jahren Müll ein, er kennt sich also aus damit. Doch seit kurzem hat der Niederländer in seinem Müllwagen ein Tablet hängen, das ihm sagt, welche Strecke er fahren soll und wo es sich gerade am meisten lohnt, die Papiertonne zu leeren. Statt wie früher wöchentlich dieselbe Route zu fahren, führt sein Weg nun nur zu den Abfalleimern, die auch wirklich voll oder bald voll sind. enevo 3„Ich möchte nicht mehr zurück zu dem alten System“, sagt der 57 Jahre alte Mann von der Müllabfuhr. Rotterdam hat 4800 unterirdische Müllcontainer, noch einmal jeweils 650 für Papier und Glas, der Verwaltung der 600 000-Einwohner-Stadt ist es sehr wichtig, dass das Stadtbild sauber ist. Deshalb setzt Rotterdam auf das Start-up Enevo aus Finnland, das Sensoren entwickelt, die mit der Technik eines Sonars messen, wie weit gefüllt Mülltonnen sind.

Wer heute von intelligenten Städten und dem Internet der Dinge spricht, kommt auch an Abfall nicht vorbei: die Städte werden immer größer, mehr Menschen konsumieren immer mehr, und trotz Recycling und Bio-Trend steigt auch der Verpackungsmüll. Während vor zwei Jahren noch 1,5 Milliarden Tonnen Abfall produziert wurde, rechnet man schon in sieben Jahren mit 2,2 Milliarden Tonnen. Nach Berechnungen der Beratungsfirma Navigant Consulting bedeutet das ein Marktpotential für Abfallwirtschaftsbetriebe von 6,5 Milliarden Dollar bis zum Jahr 2023 – und das alleine für den Bereich der „smarten“ Müllverarbeitung.

In diesen Markt drängt Enevo. Das Start-up ist eine dieser zahlreichen Gründungen, die von den Nokia-Entlassungen profitiert haben, weil sie technik-affine Mitarbeiter werben konnten, Tausende von ihnen wurden entlassen, Tausende fanden neue Arbeit bei aufstrebenden Start-ups in der Region.

In Espoo, unweit von Helsinki, sind die 50 Mitarbeiter von Enovo allerdings derzeit noch die einzigen Mieter in dem Haus, an dessen Eingang noch die alten Nokia-Schilder verstauben. Von hier aus entwickelt das 2010 gegründete Unternehmen seine faustgroßen, orangenen Sensoren, die in Mülltonnen geklebt werden und dann Daten funken. Hauptabnehmer sind bislang die Benelux-Staaten, gerade die Niederländer sind ganz wild auf die kluge Technik. Doch auch nach Deutschland drängt der Gründer Fredrik Kekäläinen. „Die Deutschen mögen Effizienz, das ist gut für uns“, sagt Kekäläinen.

Ein Enevo-Sensor im Einsatz© Jonas JansenEin Enevo-Sensor im Einsatz

Risikokapital hat Enevo daher auch vom deutschen Investor Earlybird Ventures bekommen, genauso vom taiwanischen Apple-Zulieferer Foxconn, auf 26 Millionen Euro beläuft sich das Fremdkapital bereits. 20 000 Sensoren hat Enevo bereits verkauft, für dieses Jahr peilen sie 100 000 an. Das Start-up hat ehrgeizige Wachstumsziele, Kekäläinen hat sich bei der EU-Kommission auf eine Förderung beworben, will in fünf Jahren 916 Millionen Euro Umsatz machen und 1500 Mitarbeiter eingestellt haben. Derzeit sind es allerdings erst 80. Doch die Aufträge würden täglich mehr, erzählt Kekäläinen in seinem Besprechungsraum in Espoo. Zu der Reise nach Finnland hat die Stadt Helsinki eingeladen.

Konkurrenten gibt es aber reichlich. Der Marktführer für kluge Abfallwirtschaft verkauft seine Sensoren bereits seit zehn Jahren, Big Belly kommt aus den Vereinigten Staaten und ist vor allem dort präsent, hat aber auch in Hamburg einige Mülleimer mit seinen Sensoren ausgestattet. Andere Start-ups wie die irische Firma Smart Bin drängen genauso in den Markt wie große Spieler wie IBM. Und dann war da noch ein Skandal aus London, der zwar schon drei Jahre her ist, aber der ganzen Branche noch heute anhängt: Eine Werbefirma hatte Mülleimer mit W-Lan und Displays ausgestattet, aber gleichzeitig über die sogenannte Mac-Adresse Handy- und Ortungsdaten von all den Leuten abgegriffen, die an den öffentlichen Mülltonnen vorbeigelaufen sind. Die spionierenden Mülleimer wurden sogleich entfernt, doch die Angst vor dem Missbrauch der Daten schwingt noch bei jedem „smarten“ Gerät mit.

So sehen die faustgroßen Sensoren aus© Jonas JansenSo sehen die faustgroßen Sensoren aus

Kekäläinen versichert zwar, dass seine Sensoren nichts aus der Umgebung aufzeichnen, aber klar ist, dass die enthaltene Sim-Karte und die Internetverbindung genauso eine Technik ist, die wie in einem Handy theoretisch gehackt werden könnte. Gleichzeitig legt Enevo Wert darauf, eine intelligentere Technik zu verwenden als die Konkurrenz. Während die Mülltonnen dort E-Mails ans System schicken, wenn sie voll sind, kommunizieren die Enevo-Sensoren ständig mit den Servern. Auf Twitter kann man das unter @trashcanlife verfolgen, dort senden die Mülleimer Füllstände, Temperaturen oder Signalstärke in das soziale Netzwerk. Das Datensystem, das hinter den Sensoren liegt, erkennt nicht nur, welche Mülltonnen wie voll sind, und empfiehlt auf dieser Basis die Routen: Es lernt sogar dazu, welche Mülleimer sich besonders schnell oder langsam füllen, und entwickelt so Prognosen für künftige Routen. Das soll Sprit sparen, Zeit und natürlich irgendwann auch Personal. Wer weniger und effizienter fährt, braucht weniger Fahrer.

Eine Beispielroute des Unternehmens.© Jonas JansenEine Beispielroute des Unternehmens.

Auf einer Karte kann man sehen, wie das funktioniert. So sind an diesem Morgen die Müllwagen in Rotterdam um halb sieben Uhr morgens losgefahren, sechs Stunden und 52 Minuten später ist das Tagwerk vollbracht, im Vergleich zu früher hat der Wagen 64 Kilometer gespart. Auf einer Liste zeigt das System an, wie viel Müll im Monat abgeholt wurde, so waren es im Januar 117 Tonnen, im März 127. Geld verdient das Start-up übrigens nicht in erster Linie mit den Sensoren, deren Batterie hält nämlich zehn Jahre und wird deshalb kaum ausgetauscht. Doch die Datenanalyse verkauft Enevo in einem Abonnement-Modell – und da die Städte trotzdem noch Geld damit sparen, wird Ger Vervoorn, der erfahrene Abfallabholer aus Rotterdam, wohl noch lange nicht sein neues Tablet auf die Mülldeponie fahren müssen.

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