Netzwirtschaft

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Die Digitalisierung erfasst immer mehr Lebensbereiche. Wie sie sich auf Menschen und Märkte auswirkt, beleuchtet das Netzwirtschaft-Blog auf FAZ.NET.

Viele Wege führen in die Cloud

In Deutschland entstehen immer mehr Internetplattformen, die den deutschen Mittelstand von amerikanischen Anbietern unabhängig machen. Drei Beispiele.

Foto: Blue Coat Photos© Blue Coat PhotosWolkig mit Aussicht auf Spargel

Früher musste Bauer Funck immer 40 Kilometer zu seinen Feldern fahren, heute reicht ein Blick auf sein Smartphone. Das zeigt ihm nämlich an, wie warm es unter den Planen ist, wie sich die Temperatur im Laufe der vergangenen Tage verändert hat und wie die Wettervorhersage aussieht. Peter Funck baut Erdbeeren und Spargel an – und während ihm für die Früchte seine normalen Thermometer reichen, setzt er beim Spargel voll auf die Cloud. Jetzt, da die Spargelsaison vorbei ist, kann der Bauer aus Eisenberg in der Pfalz gut abschätzen, was seine Temperatur-Sensoren in den vergangenen Monaten geleistet haben. „Also eine Rekordernte war’s nicht“, sagt Funck, dafür sei es allerdings auch zu kalt gewesen. Zufrieden mit der Ausbeute ist der Bauer trotzdem. Denn die Köpfe sind nicht aufgegangen oder rot geworden – was schlecht für den Verkauf gewesen wäre. Manchmal hat der Bauer nicht auf seine App gehört und statt der weißen, die Sonne reflektierende Folie die schwarze draufgelassen, damit es darunter wärmer bleibt und der Spargel schneller wächst. Da gewinnt die in mehr als 20 Jahren angesammelte Landwirtschafts-Erfahrung über die Technik. Und trotzdem möchte er sie nicht mehr missen.

Funck benutzt die Cloud von Bosch, das Unternehmen hat extra für Spargelbauern eine App-Umgebung entwickelt. Sensoren messen im Boden die Temperatur und senden die Daten über die Cloud an die App. Der recht überschaubare Kundenstamm der Spargelbauern soll dabei nur der Beginn des größeren Geschäftsfeldes Landwirtschaft sein. Doch schon dieses Angebot werde stark nachgefragt, heißt es bei Bosch. Auch Bauer Funck zeigt sich vom Potential der Datenwolke begeistert. Allerdings ist er auch ein Symptom für die Entwicklung der Cloud in Deutschland: Denn von allein hätte er sich nicht dafür entschieden, Bosch ist in einer Testphase auf ihn zugekommen. Wenn das nicht passiert wäre, würde Funck vielleicht heute noch jeden Tag 40 Kilometer zu seinen Feldern fahren, um unter den Planen abzulesen, wie es seinem Gemüse geht.

Funck ist kein Digitalskeptiker, inzwischen schaut er jeden Morgen zuerst auf sein Smartphone. Doch von der Cloud hat er lange die Finger gelassen, weil er schlicht nicht wusste, dass es solch eine technische Erleichterung für den Anbau gibt. Big Data hat zwar schon viele Bauernhöfe erreicht, doch noch lange nicht alle. Zaghaft sind übrigens nicht nur Bauern, auch viele Mittelständler zögern – ein wichtiger Grund ist vor allem Skepsis gegenüber amerikanischen Anbietern. Namen wie Amazon Web Service oder General Electric sind zwar allen ein Begriff. Doch hatte der amerikanische SAP-Rivale Salesforce nicht ohne Grund auf der Cebit gleich mehrere Hallen gesponsert: Was deutsche Kunden angeht, bietet der Cloud-Markt noch großes Wachstumspotential, und auf Veranstaltungen wie der Hannover-Messe oder eben der Cebit kommt man gut ins Gespräch.

Der Bauer schaut jeden Morgen zuerst auf sein Smartphone

Das bestätigen auch deutsche Unternehmen – die vielfach von der Skepsis gegenüber den Amerikanern profitieren. Beispiel Bosch: „Viele Unternehmen und Verbraucher nennen Sicherheitsbedenken als Hindernis für die Nutzung von Cloud-Technologien und Vernetzungslösungen“, sagt Volkmar Denner, Vorsitzender der Geschäftsführung bei Bosch. Deshalb landen die Daten von Peter Funck auch nur in einem Rechenzentrum in der Nähe von Stuttgart.

Den Wettbewerbsvorteil „Sicherheit durch den richtigen Standort“ haben auch andere Unternehmen erkannt: Siemens bietet seit ein paar Monaten seine offene Industrie-Cloud namens Mindsphere an. Auf der Hannover-Messe hat das Unternehmen damit außergewöhnlich viele Kundenanfragen bekommen. „Das ist fast schon verblüffend, wie etwas, das noch so jung ist, ein so großes Interesse hervorruft“, sagt Ralf Wagner, der das Segment „Plant Data Services“ bei Siemens leitet. Die Idee hinter der Cloud: Nichts stört Industriekunden so sehr wie ein Ausfall von Maschinen, immer geht es um Verfügbarkeit. Durch maschinelles Lernen über die Cloud sollen etwa Haarrisse in Maschinen früher erkannt werden, soll schon jetzt vorausgesagt werden, warum die Produktion in drei Monaten stillstehen könnte. Siemens richtet sich dabei an die produzierende Industrie, also etwa an Maschinenbauer, die Flaschenabfüllanlagen für einen Getränkehersteller liefern. Den interessiert nur, dass seine Flaschen voll werden, der Zulieferer will, dass seine verkaufte Maschine tadellos funktioniert. Wenn nun die Maschine an die Siemens-Cloud funkt, dass sich der Stromverbrauch erhöht hat, kann dort eine Warnung rausgehen, dass eine Wartung vielleicht vor den geplanten 1000 Betriebsstunden nötig wäre.

Cloud-Plattformen als „erhebliches Investment“

 „Offen“ ist die Cloud deshalb, weil Siemens in Zukunft eine vernetzte Plattform aufbauen will, auf die auch andere Hersteller ihre Apps aufsetzen können – gegen eine Gebühr, versteht sich. Je mehr Anwendungen und vernetzte Maschinen dann verbunden sind, desto attraktiver wird die Plattform. Dass so eine Cloud von einem großen Unternehmen wie Siemens aufgebaut wird, ist für Wagner nur logisch: „So innovativ unser Maschinenbau-Mittelstand ist, so sehr scheuen noch viele davor zurück. Solch eine Plattform bereitzustellen ist ein erhebliches Investment.“

Doch gerade die Maschinenbauer vertrauen gerne ihresgleichen: Das merkt vor allem Trumpf. Deren erste Cloud wurde sogar schon vor acht Jahren entwickelt und heißt Telepräsenzportal. „Ich glaube, der Name ist einer der Erfolgsfaktoren, weil anders als bei der Cloud nicht jeder direkt an die NSA denkt“, sagt Softwarechef Stephan Fischer. Das Telepräsenzportal hilft den Kunden dabei, wenn sie an der Maschine stehen und nicht mehr weiterkommen. Mehr als 10 000 Maschinen sind dort angeschlossen. Die melden sich bei Trumpf, wenn es ein Problem gibt. Das ist das Konzept des Maschinenbauers: die Wartungsprognose als Auftragsprogramm.

Für die Prozessvernetzung in der Industrie 4.0 – bei der die gesamte Wertschöpfungskette von der Auftragsverwaltung bis zur Auslieferung abgedeckt wird – hat Trumpf eine zweite Cloud installiert, die auch wirklich so heißt und von der Tochterfirma Axoom betrieben wird. Stephan Fischer hat früher bei SAP gearbeitet, der IT-Fachmann glaubt, dass der Maschinenbau in der Digitalisierung große Chancen hat. „Das Potential einer Maschine zu verstehen, ist viel komplizierter als das Potential der IT“, sagt Fischer. Soll heißen: Google würde sich eher nicht in das Feld mit komplizierten Fertigungsmaschinen begeben. Allerdings ändert sich mit der Digitalisierung die Geschwindigkeit. Allein die Cloud habe sich in den vergangenen zwei Jahren schon schneller entwickelt, als es der normale Maschinenbauer gewöhnt sei, sagt Fischer. Deshalb ist für die deutschen Anbieter neben dem Datenschutz nichts so wichtig wie Bedienung: Alles muss möglichst einfach und vorkonfektioniert sein.

Wenn alles so einfach bedienbar bleibt wie jetzt, kann sich auch Bauer Funck vorstellen, seinen Hof weiter zu digitalisieren: Irgendwann will er seine Traktoren und Lieferfahrzeuge vernetzen, um immer zu wissen, wo die Fahrer sind. Damit nicht nur die Ernte reicher, sondern auch die Wege effizienter werden.

Dieser Text ist zuerst am 6. Juli in der Redaktionsbeilage „Die 100 Größten“ erschienen. Die 58. Ausgabe über die 100 Größten Unternehmen in Deutschland, Europa und der Welt.

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