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Das Münchener Start-up Celonis macht Unternehmen schlauer – und Berater vielleicht bald überflüssig

Wer seine Gesundheit verbessern will, geht ins Fitnessstudio oder engagiert einen Personal Trainer. Wenn Unternehmen das erreichen wollen, heuern sie Berater an, etwa von McKinsey oder Roland Berger. Doch so wie es heute Apps für Smartphones gibt, die einen dabei unterstützen, fit zu werden, gibt es auch digitale Prozesse, um permanent zu analysieren, was sich in einem Unternehmen tut.

Haben gut lachen: Martin Klenk, Bastian Nominacher und Alexander Rinke - die Gründer von Celonis© Foto Jan RoederHaben gut lachen: Martin Klenk, Bastian Nominacher und Alexander Rinke – die Gründer von Celonis

Process Mining heißt das im Fachjargon, und ein Münchener Start-up schickt sich an, damit die Unternehmenswelt zu verändern. Denn noch gibt es nur sehr wenige Unternehmen, die eine Software anbieten, die sich durch ungenutzte Datenberge wühlt und Wissen fördert über entgangenes Potential: Wo stockt die Produktion, wo hakt es in der Lieferkette, wo bricht der Kunde im Bestellprozess auf der Internetseite ab, weil ihm etwas sauer aufstößt? All das kann man mit Datenanalyse herausfinden, und Celonis gräbt sich schon für über 200 Kunden durch Daten. Vor fünf Jahren gegründet, macht Celonis heute mehr als 10 Millionen Euro Umsatz, die rund 80 Mitarbeiter arbeiten jetzt schon profitabel. Und seine drei Gründer freuen sich schon auf das, was kommt.

Bastian Nominacher, Martin Klenk und Alexander Rinke haben sich im Studium an der TU München kennengelernt und zuerst einmal ihren eigenen Beruf überflüssig gemacht. Die drei haben nämlich eine studentische Unternehmensberatung geführt, so wie es sie an jeder größeren Universität gibt. Der Bayerische Rundfunk wollte sich von ihnen seine Prozesse verbessern lassen, in der Fernsehanstalt hatten sie das Gefühl, dass es noch Optimierungspotential gäbe. „Wir haben alle möglichen Verfahren ausprobiert und uns drei Monate durch Daten gewühlt ohne richtige Ergebnisse“, sagt Alexander Rinke. Irgendwann sind sie auf Process Mining gestoßen, das vor nicht allzu langer Zeit an der TU Eindhoven erfunden wurde. Heute gibt es Hunderte wissenschaftliche Arbeiten zu dem Thema, vor fünf Jahren waren es gerade mal eine Handvoll.

Große Unternehmen nutzen inzwischen die Celonis-Software

Weil es damals keine ordentlichen Programme gab, die eine Analyse der BR-Daten hergaben, haben sich der Mathematiker, der Wirtschaftsinformatiker und der Informatiker hingesetzt und selbst eine Software geschrieben. Am Schluss haben sie der Fernsehanstalt 300 Röntgenbilder des Unternehmens an die Wand gehängt, auf denen ganz genau verzeichnet war, was alles noch schiefläuft. Mit den Rundfunkanstalten kamen dann auch größere Kunden, zuerst Siemens, dann auch Bayer. Große Unternehmen wie Nestlé, Edeka, Vodafone oder UBS nutzen inzwischen die Software von Celonis.

RWE muss zum Beispiel Millionen Kundenanfragen pro Jahr bearbeiten, die kommen über verschiedene Kanäle, am Telefon oder in E-Mails und Faxen. Das System von Celonis meldet dann: In fünf Millionen Fällen läuft das gut, in 2 Millionen zu langsam, und bei 300 000 Anfragen dreht der Kundenservice drei Schleifen und ist ineffizient. Die ständige Überwachung ist dabei losgelöst von einzelnen Personen, es geht nicht darum, Mitarbeiter zu diskreditieren, sondern Abläufe in den Unternehmen effizienter zu machen. In Unternehmen wie Siemens oder Nestlé werden Millionen Lieferungen beschafft, verpackt, verschickt. In einem Riesenprozess, an dem viele Mitarbeiter beteiligt sind, kann deshalb schnell etwas schieflaufen.

Nun lernt das System vergleichsweise schnell: Wo gibt es Probleme? Warum laufen die so ab, wie sie ablaufen? Ist ein Produkt schuld daran oder ein Lieferant oder ein Kunde? Die erste Version, die die Studenten damals entwickelten, hatte noch sehr wenige Funktionen, mit wachsender Mitarbeiter- und Kundenzahl wurde auch die Celonis-Software schlauer. „Es ist für uns sehr wertvoll gewesen, dass wir uns nur aus unseren Einnahmen finanziert haben“, sagt Rinke heute. „Dadurch waren wir immer gezwungen, ein Produkt abzuliefern, das auch richtig funktioniert.“ Der 27 Jahre alte Mathematiker ist manchmal selbst davon überrascht, wie schnell sein Unternehmen gewachsen ist. Schon in der Schule hatte Rinke eine Nachhilfeagentur gegründet, die ihnen anscheinend eingepflanzte Risikobereitschaft hat ihm und seinen beiden Mitgründern dabei geholfen, es mit einem eigenen Unternehmen zu versuchen, statt sich nach dem Studium mit gutdotierten Verträgen bei Großkonzernen anstellen zu lassen.

27,5 Millionen Dollar von Risikokapitalgebern

Im vergangenen Jahr haben sich die Gründer, die allesamt um die 30 Jahre alt sind, das erste Mal Eigenkapital ins Unternehmen geholt. Mit Accel Partners und 83 North sind zwei Risikokapitalgeber eingestiegen, die auch bei anderen Technologieunternehmen wie Facebook, Slack oder Dropbox investiert sind. 27,5 Millionen Dollar haben sie investiert, eine Minderheitenbeteiligung, wie Rinke versichert. Die Investoren haben sich reizen lassen von dem Marktpotential, das in der Datengraberei liegt.

Die Gründer haben den fachlichen Hintergrund, um Stochastiken und Statistiken zu verstehen und auszuwerten. Und eine ambitionierte Vision: Sie wollen eine Art „deutscher Weltmarktführer“ werden. In dem zugegebenermaßen noch sehr kleinen Bereich Process Mining sind sie jetzt schon die Größten. Was Rinke nicht vom Träumen abhält: In vier Jahren wollen sie eins der Einhörner-Unternehmen sein, also mit mehr als 1 Milliarde Dollar bewertet werden – und außerdem an der Börse sein.

So wie Celonis seine Software im eigenen kleinen Unternehmen nutzt, um Reisekostenanträge, Kundenanfragen oder den Vertrieb zu optimieren, so testen sie mit den großen Kunden neue Funktionen ihrer Software. „Einen Echtdatensatz aus einem Lagerinformationssystem von Siemens kann man sich nicht ausdenken. Damit zu arbeiten bringt wahnsinnig viel“, sagt Rinke. Falls das Geschäftsmodell, das derzeit nur in Richtung Wachstum strebt, irgendwann stockt, will Gründer Rinke nichts missen. „Man muss gleichzeitig lernen und schon können und stößt ständig an Grenzen, ich hätte nie woanders mehr lernen können.“ Plötzlich musste er als Mathematiker Mitarbeiter führen, Strategien entwickeln und verkaufen. Was den Gründern an Erfahrung fehlte, haben sie mit Leidenschaft wettgemacht. Und mit einer Vision für das Fachgebiet – dessen Ende noch nicht abzusehen ist.

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1 Lesermeinung

  1. Berater dienen nur der Selbstbeweihräucherung
    Es ist eigentlich egal, ob die Unternehmen von menschlichen Beratern beraten werden oder von einem Programm.
    Eines möchten die auftraggebenden Unternehmen auf keinen Fall: „Einen Spiegel vorgehalten bekommen, schon gar nicht offene Kritik an der Unternehmensführung hören.“ Das würde am Ansehen des Vorstandes rütteln. Wer würde allen Ernstes etwas beauftragen, was an der eigenen Position rüttelt. Niemand! Was in Wirklichkeit erwartet wird, ist etwas Kosmetik, aber prinzipiell muss der Vorstand gebauchpinselt werden. Seht her, die Berater sagen auch, dass ich alles richtig mache.

    Wie kann es sonst passieren, dass z.B. Nokia jahrelang an einem chancenlosen Betriebssystem festhält oder VW ebenfalls jahrelang im Ernst meint, eine Schummelsoftware in die Diesel-PKW einbauen zu können. Diese beiden Unternehmen wurden mit 100%-iger Sicherheit beraten. Genützt hat es nichts.

    Gefragt ist stattdessen mehr Selbstkritik, mehr gesunder Menschenverstand in der Vorstandetage. Häufig sehen auch die eigenen Angestellten, was schief läuft im Betrieb. Sie sagen nur nichts, weil sie keine Lust haben, sich beim Abteilungsleiter unbeliebt zu machen.

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