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Die Digitalisierung erfasst immer mehr Lebensbereiche. Wie sie sich auf Menschen und Märkte auswirkt, beleuchtet das Netzwirtschaft-Blog auf FAZ.NET.

Warum Sie immer skeptisch sein sollten

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Lügen ist leicht im Internet. Auf Seiten wie „Lemmetweetthatforyou“ kann man in wenigen Sekunden einen gefälschten Tweet erstellen, man könnte Donald Trump den Krieg gegen Nordkorea erklären lassen oder den Regierungssprecher Steffen Seibert einen abermaligen Skiunfall der Bundeskanzlerin. Solche gefälschten oder mit Photoshop bearbeiteten Beiträge werden in dem Kurznachrichtendienst immer wieder geteilt und als Screenshot herumgereicht mit dem Hinweis, dass das Original schon gelöscht wurde.

Irgendwann fällt das auf, wenn keine wirklich Quelle dahintersteht. Je mehr Menschen davon wissen, wie leicht solche Fälschungen erstellt werden können, desto weniger wirksam sind sie. Schon heute fragen viele Nutzer im Netz zuerst nach einer Quelle oder einer zweiten Meinung, die Gesellschaft ist dafür sensibilisiert.

Keine echte Respektsbekundung. SAD!© Screenshot faketweet.comKeine echte Respektsbekundung. SAD!

Viel problematischer könnte es werden, wenn echte Beiträge gekapert werden. Und das ist viel einfacher möglich, als es Ihnen bewusst sein wird.

Ein Hacker, der offenbar in Brüssel wohnt und im Internet unter den Namen @MisterCh0c firmiert, hat ein simples Skript in der Programmiersprache Python geschrieben, um alte Tweets von Prominenten unter seine Kontrolle zu bringen. Dabei bedient er sich einer immer wieder im Netz vorkommenden Tatsache: Wer sich für ein bestimmtes Projekt eine Domain einer Internetseite kauft, mietet sie im Grunde nur für eine gewisse Zeit. Irgendwann werden sie wieder neu vergeben und jeder kann sie für wenig Geld erwerben.  Mister Ch0c hat also von den 100 beliebtesten Accounts auf Twitter automatisiert so viele Nachrichten wie möglich nach abgelaufenen Adressen durchsuchen lassen. Und dann etwa eine von der Popsängerin Shakira getwitterte Adresse so umgeleitet, dass sie auf ein Youtube-Video führt.

Der Hacker macht das aus Spaß und hat einen Beitrag dazu veröffentlicht, der nicht nur die Anleitung detailliert darlegt, sondern auch das dahinterliegende Skript zeigt. Allein: Solche veränderten Nachrichten könnten schnell wirklichen Schaden anrichten. Denn anders als bei gefälschten Beiträgen kapert man so echte Statements von wirklichen Personen.

Auch wenn diese im schnelllebigen Netz eigentlich im Grundrauschen schon verschwunden sind, können sie mit Hilfe von ein paar Accounts und fleißigem Teilen schnell wieder Aufmerksamkeit bekommen. Das merkt etwa der amerikanische Präsident, dessen alte Nachrichten von vor drei oder vier Jahren regelmäßig von seinen Gegnern ausgegraben werden – weil sie häufig dem widersprechen, was er nun behauptet.

Gerade Prominente mit vielen Followern bekommen jeden Tag Tausende Benachrichtigungen. Bis ihnen auffällt, dass sie selbst plötzlich Spam verschicken oder ihren Ruf gefährden indem sie etwa zwielichtige Personen loben oder auf Seiten verlinken, die ihren Überzeugen widersprechen, können Stunden vergehen. Bis das Problem behoben ist, kann dadurch der Ruf schnell beschädigt sein – und leider bringen es Soziale Netzwerke wie Twitter häufig mit sich, dass die Klarstellung eines Fehlers viel weniger Aufmerksamkeit bekommt, als der Fehler und die damit einhergehende Häme.

Erstaunlich an diesem Fall ist, dass für den „Hack“ eigentlich gar kein richtiger Hack nötig ist. Der Angreifer verschafft sich überhaupt keinen Zugriff auf ein Konto – und kann trotzdem maximale Verwirrung stiften.

Was lernt man also daraus? Immer skeptisch bleiben.

 

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1 Lesermeinung

  1. Solange diese Skepsis sich auch auf die News der "Qualitätsmedien" bezieht ...
    … bzw. beziehen darf – schön! Allerdings zielen die losgetretenen Anti-Fakenews-Kampagnen bisher nur auf Medien, die außerhalb dieser, wie sie sich selbst nennen, „Qualitätsmedien“ zu verorten sind. Und die entstanden eben genau als – vollkommen valide – Alternative zu den „Qualitätsmedien“. Denn alternativlos ist in diesem Lande schon viel zu vieles …

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