Netzwirtschaft

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Die Digitalisierung erfasst immer mehr Lebensbereiche. Wie sie sich auf Menschen und Märkte auswirkt, beleuchtet das Netzwirtschaft-Blog auf FAZ.NET.

Der Lieferant von nebenan

Um sie vom Internet zu überzeugen, hat Jitse Groen die ersten 700 Restaurants persönlich abgeklappert. Heute ist sein Unternehmen Takeaway.com an der Börse. Doch der Niederländer will mehr – und setzt dabei auf Lieferando.

© femme run on flickr, CC BY-ND 2.0Wenn der Hunger kommt, will Takeaway.com schon da sein.

Jitse Groen hat ein Problem mit seinem Geschäftsmodell: Er kann es nicht leiden. Aber seine Kunden mögen es, wenn sie ihr Essen auch bei Nordsee oder Vapiano bestellen können, selbst wenn sich diese Restaurants keine eigenen Lieferdienste leisten. Deshalb baut Groen in seinem Unternehmen Takeaway.com einen eigenen Lieferdienst aus, obwohl dieser ihn viel kostet. Die Fahrer, Versicherungen – und das Benzingeld. Besonders in großen Städten wie Berlin oder München sind die Fahrer mit Autos unterwegs. Sie alle auf Elektroroller oder Fahrräder umzustellen wäre eine Idee; aber die sind auch nicht umsonst.

Die Bestellung kostet die Kunden keine Liefergebühr, und daran will Groen auch festhalten. „Wir bieten das nicht an, um Geld damit zu verdienen, sondern um bekannter zu werden“, sagt der 39 Jahre alte Niederländer. So holt Groen nämlich auch Kunden von Restaurants ohne Lieferdienst auf seine Essensbestellplattform. Die Restaurants zahlen eine Gebühr.

Doch Groens Geschäftsmodell hat noch ein zweites Standbein, was er wiederum gern mag. Sein Hauptgeschäft ist eine Lieferdienstplattform. Und die ist für sein Unternehmen außerordentlich günstig – und bringt viel Geld ein. In Deutschland läuft das Geschäft unter der Marke Lieferando. Auf der Internetplattform werden Restaurants gelistet, bei denen hungrige Kunden bestellen können. Groen vermittelt Pizzerien, Sushi-Läden oder indischen Restaurants über Apps und Internetseiten die Essensbestellungen der Kunden und kassiert dafür eine Provision. Das Essen liefern die Restaurants allerdings selbst aus, weshalb Groen so Kosten ausgelagert hat.

Mehr als 11000 Restaurants in Deutschland

Damit hat es Takeaway.com zu einer gewissen Größe geschafft: Speisen aus mehr als 11 000 Restaurants vermittelt Lieferando allein in Deutschland. Angefangen hat Groen in Deutschland vor fast zehn Jahren, damals noch unter der Marke Lieferservice.de. Sie wurde vor drei Jahren mit Lieferando zusammengeschlossen, als Groen den Konkurrenten kaufte. „Damals haben wir 40 Prozent unserer Kunden verloren, weil die verwirrt wurden von anderen Logos und anderen Namen“, sagt Groen. Er muss lachen, wenn er daran denkt, weil für ihn heute kaum etwas so wichtig ist wie die Markenbekanntheit. „Wir müssen da sein, wenn die Leute hungrig sind. Nur wissen wir nicht, wann die Leute Hunger haben, deshalb müssen wir schon vorher in ihrem Kopf sein.“

Deshalb gibt Groen auch viel Geld für Werbung aus. In den ersten sechs Monaten waren das fast 59 Millionen Euro, wie der am Mittwoch veröffentlichte Halbjahresbericht zeigt. Das sind 62 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Diese Ausgaben und weitere Investitionen fressen deshalb auch das Wachstum im Umsatz auf, der um 53 Prozent auf 77 Millionen Euro zugelegt hat. Trotzdem macht sich Groen keine Sorgen wegen der 21 Millionen Euro Verlust im ersten Halbjahr. Zum einen, weil Takeaway.com noch 108 Millionen Euro in Bargeld hält und zum anderen im niederländischen Heimatmarkt längst profitabel ist.

Delivery Hero ist der größte Konkurrent

In Deutschland, dem zweitgrößten Markt, will Groen in zwei bis drei Jahren schwarze Zahlen schreiben. Die Ausgaben will er trotzdem nicht reduzieren. „Wir haben viele Verkäufer in Deutschland eingestellt, ich will bald auf 25 000 Restaurants kommen“, sagt Groen. Zurückhaltend ist der Manager nicht, was auch damit zusammenhängen mag, wie sein Geschäft einst begann: Als er um die Jahrtausendwende in den Niederlanden begann, habe er die ersten 700 Restaurants noch selbst aufgesucht, um seine Idee vorzustellen. Essen über das Internet zu verkaufen kam damals niemandem in den Sinn. „Als ich anfing, gab es kein Breitband-Internet, und es gab kein Geld von Investoren in dem Bereich.“

Heute sieht das ganz anders aus, Bestellplattformen haben in ganz Europa von vielen Investoren Risikokapital erhalten. Auch wenn Groen Deutschland noch als Nachzüglermarkt sieht, weil die verschiedenen Anbieter erst zu spät angefangen hätten, Werbung für sich zu machen. Der größte Konkurrent von Takeaway.com heißt in Deutschland Delivery Hero, das Berliner Unternehmen, zu dem unter anderem die Marken Lieferheld und Pizza.de gehören. Die Unternehmen stehen im starken Wettbewerb und überziehen sich gerne auch mal mit einstweiligen Verfügungen. Die Geschäftsmodelle der Unternehmen gleichen sich: Auch Delivery Hero leistet sich einen eigenen Lieferdienst namens Foodora. Das Unternehmen, an dem die Internetbeteiligungsgesellschaft Rocket Internet Anteile hält, ist vor kurzem an die Börse gegangen. Groen war schneller: Takeaway.com ist seit Ende September in Amsterdam gelistet, 175 Millionen Euro hat das Unternehmen damals eingenommen. Seit dem Börsengang ist der Aktienkurs um mehr als 60 Prozent gestiegen, von 23,50 Euro auf gut 38 Euro.

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