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Netzwirtschaft

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Die Digitalisierung erfasst immer mehr Lebensbereiche. Wie sie sich auf Menschen und Märkte auswirkt, beleuchtet das Netzwirtschaft-Blog auf FAZ.NET.

18. Feb. 2015
von Roland Lindner
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Wenn das Handy in der Toilette oder im Bierglas landet

Smartphones sind für viele Menschen heute ein unverzichtbarer Begleiter. Wenn ein Gerät also einmal aus der Hand fällt, kann einen schnell ein Gefühl der Panik überkommen: Ist der Bildschirm kaputt? Ist das Handy womöglich sogar in eine Flüssigkeit gefallen und funktioniert nicht mehr? Letzteres kommt ziemlich oft vor. 2,4 Milliarden Handys in der Welt sind schon einem Wasserschaden zum Opfer gefallen. Die größte Gefahrenquelle sind Toiletten: Geräte, die dort gelandet sind, stehen für 49 Prozent aller Wasserdefekte. In zwölf Prozent der Fälle war ein unfreiwilliges Bad in Bier die Ursache. Und in drei Prozent hatten sich Geräte in die Waschmaschine verirrt. Diese Zahlen kommen von HZO, einem amerikanischen Unternehmen, das solchen Schrecksekunden für die Besitzer von Elektronikprodukten ein Ende bereiten will. Denn HZO ist darauf spezialisiert, Smartphones und andere Geräte wasserdicht zu machen.

HZO wappnet die Geräte damit für die Fälle, in denen sich Menschen bislang in ihrer Verzweiflung oft mit diversen Hausmitteln behelfen. Etwa indem sie ihr Smartphone in einen mit Reis gefüllten Behälter eintauchen. Oder indem sie es in einen Backofen legen, der auf niedriger Temperatur läuft. Solche Erste-Hilfe-Aktionen können durchaus erfolgreich sein, wie auch Michael Bartholomeusz zugibt, der Vorstandsvorsitzende von HZO. Aber die Freude über ein wieder zum Leben erwachtes Gerät kann sich nach seinen Worten bisweilen als verfrüht herausstellen. „Es kann sein, dass es zwei Monate lang funktioniert, aber dann doch noch den Geist aufgibt.“ Die Lösung von HZO ist technisch um einiges aufwendiger. Das Unternehmen setzt Nanotechnologie ein und beschichtet Geräte an den sensiblen Stellen im Inneren mit einem dünnen Film. Das soll sie nicht nur für kleinere Missgeschicke wie Wasserspritzer oder einen kurzen Plumps ins Schwimmbad rüsten. Sie sollen selbst „Hunderte von Stunden“ untergetaucht bleiben können, ohne Schaden zu nehmen. Bartholomeusz sagt, er mache sich bei öffentlichen Auftritten oft einen Spaß daraus, sein Handy in sein Wasserglas fallen zu lassen und seelenruhig weiterzureden, ohne das Gerät wieder ins Trockene zu bringen. Auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas im Januar hatte HZO auf seinem Stand als Hingucker einen Fernseher, der in einem mit Wasser gefüllten Behälter versenkt war und einwandfrei funktionierte.

HZO verkauft seine Technologie nicht direkt an Endverbraucher, sondern lizenziert sie an die Hersteller von elektronischen Geräten, die dann eine entsprechende Beschichtungsmaschine in ihren Produktionsprozessen einsetzen. Nach den Worten von Bartholomeusz erhöht das die Kosten jedes Geräts um ein bis zwei Dollar. Die HZO-Beschichtung steckt zum Beispiel in einem Modell des Lesegeräts Tolino, das die Deutsche Telekom zusammen mit Partnern aus dem Buchhandel vertreibt. Zu den Kunden gehören auch der Schweizer Uhrenhersteller Tag Heuer und der amerikanische Sportartikelkonzern Nike, der mit seinem Fitnessband Fuelband im Elektronikgeschäft vertreten ist. Insgesamt hat HZO nach den Worten von Bartholomeusz mehr als 50 Kunden. Darunter seien einige der bekanntesten Adressen der Elektronikbranche, wobei der HZO-Chef sagt, er dürfe manche von ihnen auf deren Wunsch nicht benennen. Er bestreitet aber nicht, dass die HZO-Beschichtung in den bekanntesten Smartphones wie dem iPhone von Apple oder der Galaxy-Reihe von Samsung bislang nicht zu finden ist.

Samsung hat für sein jüngstes Galaxy-Modell S5 eine eigene Lösung entwickelt, um das Gerät vor Wasser zu schützen. So hat die USB-Buchse einen wasserabweisenden Verschluss, und im Inneren des Smartphones werden elektronische Komponenten von einer Dichtung geschützt. Auch Sony wirbt damit, bestimmte Handys seiner Xperia-Reihe seien wasserdicht. Sowohl bei Samsung als auch bei Sony hat die Unempfindlichkeit aber Grenzen, und die Geräte sollen weder zu lange noch zu tief in Wasser eingetaucht sein.

Es gibt noch eine Reihe anderer Wege, um elektronische Geräte widerstandsfähiger gegen Flüssigkeiten zu machen. Einige davon zielen auf Endverbraucher ab. Das amerikanische Unternehmen Liquipel zum Beispiel bietet einen Beschichtungsdienst an, der für Smartphones 60 Dollar und für Tabletcomputer 90 Dollar kostet. Es gibt auch Sprays zu kaufen, die Geräte gegen Wasser schützen sollen. Daneben hat HZO auch direkte Wettbewerber wie das britische Unternehmen P2i, deren Lösungen an die Hersteller von Geräten vermarktet werden.

Bartholomeusz sagt, die Technologie von HZO sei von 200 Patenten geschützt. Das im Bundesstaat Utah beheimatete Unternehmen hat derzeit rund 100 Mitarbeiter. Angaben zu Geschäftsergebnissen werden nicht gemacht, aber Bartholomeusz sagt voraus, dass HZO bis zum Jahr 2017, gemessen am Umsatz, mindestens zehnmal so groß sein werde wie heute. Wachstumspotential verspricht er sich zum Beispiel von am Körper tragbaren Geräten („Wearables“). Dies gilt in der Elektronikindustrie als zukunftsträchtiges Segment, zumal auch Apple es entdeckt hat und in wenigen Monaten eine Computeruhr auf den Markt bringen will. Wer sich eine Uhr mit HZO-Beschichtung kauft, muss das Gerät zum Schwimmen nicht mehr abnehmen. Oder kann sich unbesorgt einen Spaß daraus machen, es ins Wasserglas fallen zu lassen.

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18. Feb. 2015
von Roland Lindner
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14. Feb. 2015
von Roland Lindner
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Google-Gründer machen Kasse

Larry Page und Sergey Brin, die beiden Gründer des Internetkonzerns Google, wollen Aktien an ihrem Unternehmen im derzeitigen Wert von 4,4 Milliarden Dollar verkaufen. Wie das Unternehmen in einer Mitteilung an die Börsenaufsicht SEC mitteilte, wollen sich Brin und Page von jeweils vier Millionen Google-Aktien trennen. Damit ersetzen die Google-Gründer ihr 2009 aufgelegtes und Ende Januar ausgelaufenes Verkaufsprogramm, in dessen Rahmen sie jeweils fünf Millionen Aktien abgeben wollten. Mit den Verkäufen reduzieren Brin und Page zwar ihre Anteile, behalten aber die Stimmrechtsmehrheit am Unternehmen. Dies wird möglich durch eine Inhaberstruktur mit mehreren Aktienklassen. Brin und Page halten einen großen Teil der B-Aktien von Google, die nicht an der Börse gehandelt werden und jeweils zehn Stimmrechte verbriefen. Börsennotiert sind die Aktien der Klasse A, die mit jeweils einem Stimmrecht verbunden sind, sowie seit vergangenem Jahr eine neue Klasse von C-Aktien, die keine Stimmrechte haben. Brin und Page, beide 41 Jahre alt, wollen nun jeweils zwei Millionen C-Aktien und zwei Millionen B-Aktien verkaufen, letztere werden beim Verkauf automatisch in A-Aktien umgewandelt. Beide börsennotierten Google-Aktien werden derzeit für rund 550 Dollar gehandelt, und bei diesem Preis würden die Google-Gründer rund 4,4 Milliarden Dollar einnehmen. Nach dem Verkauf würden sie noch immer 40,6 Millionen B-Aktien und ebenso viele C-Aktien halten. Der Anteil der Gründer am Gesamtkapital wird durch die Transaktionen von zusammen 13,1 auf 11,9 Prozent sinken, der Anteil an den Stimmrechten von 54,6 auf 52,0 Prozent.

Wie es in der Mitteilung heißt, wollen Brin und Page mit dem Verkauf von Google-Aktien „ihre Investment-Portfolios diversifizieren“. Wie schon beim letzten Plan sollen die Verkäufe „über einen längeren Zeitraum“ abgewickelt werden, wobei Google keine konkreten Angaben machte. Page und Brin haben Google im Jahr 1998 gegründet. Page ist heute Vorstandsvorsitzender, Brin sitzt im Verwaltungsrat und ist eng in die Forschungseinheit „Google X“ involviert, in der Projekte wie das selbstfahrende Auto untergebracht sind.

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14. Feb. 2015
von Roland Lindner
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06. Feb. 2015
von Martin Gropp
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Google und das “Recht auf Vergessen werden”: Experten-Beirat legt Bericht vor

Konzernlogo© AFPKonzernlogo

Seit dem 29. Mai 2014 können Einzelpersonen beim Suchmaschinenkonzern Google beantragen, unter bestimmten Bedingungen Ergebnisse zu Namenssuchen entfernen zu lassen. Hintergrund ist eine im Mai gefällte Entscheidung des Europäischen Gerichtshof zu einem konkreten Fall aus Spanien: Ein Bürger klagte dort gegen Google, weil noch nach Jahren Hinweise auf seine finanziellen Problemen in den neunziger Jahren im Internet auffindbar waren. In den gut acht Monaten, nachdem Google sowie auch andere Suchmaschinen Verfahren zur Annahme von Löschersuchen eingeführt haben, sind laut dem amerikanischen Unternehmen rund 212.100 einzelne Ersuchen von Antragstellern bei ihm eingegangen. Sie beziehen sich auf mehr als 767.800 Verweise in den Google-Suchlisten. Kürzer als der Löschmechanismus arbeitet indes der Experten-Beirat, den das Unternehmen eigens zusammengestellt hat, um von ihm unter Anhörung von insgesamt 55 europäischen Experten die Folgen des Urteils diskutieren zu lassen. Laut Selbstbeschreibung sollte der Beirat helfen, Ratschläge für die Auslegung der Entscheidung der Richter zu finden. Nach Sitzungen in sieben europäischen Hauptstädten, darunter in Paris, Berlin, London und Brüssel, hat der Beirat nun die zusammengefassten Ergebnisse seiner Beratungen vorgestellt. In der Nacht zum Freitag stellte Google den 37 Seiten langen Bericht ins Internet.

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06. Feb. 2015
von Martin Gropp
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04. Feb. 2015
von Roland Lindner
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Was Varoufakis mit Videospielen zu tun hat

Giannis Varoufakis© APGiannis Varoufakis

Wer meint, Macher von Videospielen sind nur auf geistloses Herumballern aus, der kennt Gabe Newell nicht. Denn der 52 Jahre alte Mitgründer des amerikanischen Videospieleherstellers Valve macht sich Gedanken um die Welt. Das brachte ihn mit Giannis Varoufakis zusammen, dem Ökonomieprofessor und schillernden neuen griechischen Finanzminister. Vor etwas mehr als drei Jahren schickte Newell eine E-Mail an Varoufakis und gab sich als eifriger Leser von dessen Blog zu erkennen. Varoufakis hatte sich dort als wortgewaltiger Kommentator der Euro-Krise einen Namen gemacht. Newell schrieb, der Blog habe ihm die Augen geöffnet, und er habe im konfliktreichen Zusammenspiel der Euro-Länder Parallelen zu seinem Unternehmen erkannt. Denn die virtuellen Welten in den Spielen von Valve würden auch volkswirtschaftliche Fragen aufwerfen, etwa nach einer gemeinsamen Währung. Inspiriert von Varoufakis, sie ihm dann irgendwann beim Nachdenken über die Spiele seines Unternehmens ein Geistesblitz gekommen: „Das ist wie Deutschland und Griechenland.“

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04. Feb. 2015
von Roland Lindner
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28. Jan. 2015
von Martin Gropp
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Berliner Sprachlern-App Babbel: Nächste Station New York

Die Anwendung in Aktion© BabbelDie Anwendung in Aktion

 

Eine der Gründungsanekdoten der Berliner Sprachlernanwendung Babbel geht so: Als Markus Witte, Thomas Holl und Lorenz Heine 2007 ihr neues Unternehmen für Online-Sprachkurse im Handelsregister eintragen lassen wollten, konnten sie es nicht wie geplant Babbel GmbH taufen. Das Amtsgericht sah Verwechselungsgefahr mit dem ehemaligen Fußball-Nationalspieler Markus Babbel. Also heißt das Unternehmen hinter den gleichnamigen Spracherwerbs-Anwendungen für Smartphones oder Tablets heute Lesson Nine GmbH. In diesen Tagen erfahren Witte, Holl und Heine immerhin eine kleine Genugtuung gegenüber den deutschen Registerbehörden. Schon Mitte Dezember haben sie im amerikanischen Bundesstaat Delaware die Babbel Incorporated eintragen lassen. Seit diesem Mittwoch ist die amerikanische Tochtergesellschaft der Berliner nun auch offiziell auf dem amerikanischen Markt aktiv, um dort Sprachlernanwendungen per Abonnement zu vertreiben. Weiterlesen →

28. Jan. 2015
von Martin Gropp
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24. Jan. 2015
von Martin Gropp
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Shazam: Vom Musikerklärer zum Alleserkenner

###© dpaShazam-Anwendung auf einem Smartphone

Der Musikerkennungsdienst Shazam war schon ein Unternehmen für das mobile Internet, lange bevor sich der überall verfügbare Netzzugang durchsetzte. Seit 13 Jahren bietet das in London ansässige Unternehmen Nutzern an, mehr über unbekannte Musikstücke zu erfahren. Doch als Shazam damit begann, gab es zum Beispiel noch keine Smartphones mit Netzanbindung. Daher fand der Erkennungsprozess über SMS-Austausch statt. Wer in einer Bar wissen wollte, was gerade aus den Boxen dröhnt, musste das Telefonmikrofon in Richtung der Musik drehen und eine Kurznachricht an das Unternehmen schicken. Über den gleichen Kommunikationsweg erfuhr er dann, wie Lied und Künstler heißen.

Die Zeit der SMS-Tipperei ist längst vorbei. Heute bietet die Shazam Entertainment Limited eine Smartphone-Anwendung, die den Erkennungsdienst dann automatisch und oft in Sekunden vollzieht. Gleichzeitig hat sich aber auch das Unternehmen weiterentwickelt. Längst geht es nicht mehr ausschließlich darum, Musik zu erkennen. Vor vier Jahren führte der Dienst eine Funktion ein, mit der es möglich ist, zu bestimmten Fernsehsendungen aber auch zu TV-Werbung Zusatzinformationen zu erhalten. Damit sowie mit der Weiterleitung an Musikdownloadportale oder Echtzeitabrufdienste wie Spotify versucht das Unternehmen inzwischen, Geld zu verdienen. Außerdem ist Shazam gewachsen. Zuletzt verzeichnete das Unternehmen rund um die Welt mehr als 100 Millionen Nutzer, die mindestens einmal im Monat aktiv sind, in Deutschland sind es 5 Millionen.

Trotz des Wachstums hat Shazam zuletzt nur Verluste geschrieben. Investoren scheint das aber nicht abzuschrecken. Wie das Unternehmen in der vergangenen Woche mitteilte, hat es sich eine Finanzierung in Höhe von 30 Millionen Dollar von bestehenden und neuen Investoren gesichert. Damit übersteigt der Wert von Shazam erstmals die Grenze von einer Milliarde Dollar. Im Gespräch mit dem Netzwirtschaft-Blog wollte der Vorstandsvorsitzende Andrew Fisher nicht mitteilen, wer die neu hinzugekommenen Finanziers konkret sind. Es handele sich dabei aber um Privatpersonen aus den Vereinigten Staaten und Europa, die sich individuell oder über sogenannte Family Offices an Unternehmen beteiligen. Weiterlesen →

24. Jan. 2015
von Martin Gropp
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22. Jan. 2015
von Martin Gropp
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Einer der größten Online-Händler für die Kleinsten

Wenn es vor gut vier Jahren nach manchen Ratgebern von Alexander Brand und Konstantin Urban gegangen wäre, dann würde ihr Unternehmen heute vielleicht gar nicht existieren. Als Brand und Urban im Herbst 2010 mit anderen über die Idee sprachen, Windeln, Babybrei oder Kinderwagen über das Internet zu verkaufen, ernteten sie oft Skepsis. „Am Anfang haben uns viele Leute gefragt, ob wir verrückt seien“, erinnert sich Brand heute. „Zu ihren Argumenten gehörten die niedrige Geburtenrate in Deutschland, die niedrigen Margen der Produkte und 20 weitere Gründe.“

Die beiden Gründer hörten damals nicht auf diese Argumente, und heute ist ihr Unternehmen Windeln.de einer der Marktführer für Baby- und Kleinkindausstattung im Internet, wie das Institut für Handelsforschung in Köln im vergangenen Jahr festgestellt hat. Nach eigenen Angaben machte die Windeln.de GmbH 7 Millionen Euro Umsatz 2011, im ersten vollen Jahr der Geschäftstätigkeit. Im gerade abgelaufenen Jahr waren es dann laut Brand 130 Millionen Euro. Dazu komme, dass Windeln.de drei Jahre nach der Gründung die Gewinnschwelle erreicht hatte. Diese Fakten haben auch Investoren überzeugt. Zu den bisherigen Finanziers – Acton Capital Partners, Deutsche Bank und DN Capital – kommt nun ein weiterer Investor hinzu: die Investmentbank Goldman Sachs. Weiterlesen →

22. Jan. 2015
von Martin Gropp
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15. Jan. 2015
von Roland Lindner
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Golden Globes und Woody Allen: Amazon goes Hollywood

Für Jeff Bezos war es ein perfekter Abend: Nicht nur tummelte sich der Vorstandsvorsitzende des amerikanischen Online-Händlers am Sonntag bei der Verleihung der „Golden Globes“ inmitten von Hollywood-Superstars wie George Clooney und Meryl Streep. Bezos gehörte auch zu den großen Gewinnern. Die auf Amazons Online-Videodienst ausgestrahlte Serie „Transparent“ über einen transsexuellen Familienvater holte sich sensationell den Preis für die beste Fernsehkomödie des Jahres. Damit schlug Amazon den sonst regelmäßig mit Auszeichnungen überhäuften Bezahlsender HBO und seine Serien „Girls“ und „Silicon Valley“. Vielleicht noch bemerkenswerter: Auch die Online-Videothek Netflix, die wie Amazon den traditionellen Fernsehsendern das Leben schwer machen will, hatte mit ihrer Serie „Orange is the new black“ gegenüber „Transparent“ das Nachsehen. Dabei galt bislang in der Branche Netflix als heißester Kandidat unter den aufstrebenden Online-Diensten, einmal einen Preis für die beste Fernsehshow zu gewinnen. „Transparent“-Produzentin Jill Soloway erwähnte Bezos in ihrer Dankesrede, als sie sich den „Golden Globe“ abholte. Und Hauptdarsteller Jeffrey Tambor, der ebenfalls einen Preis gewann, nannte Amazon „meinen neuen besten Freund“. Für Amazon war der Abend wie ein Ritterschlag. Auf einmal ist das Unternehmen mit seiner Online-Plattform „Prime Instant Video“ eine Hollywood-Größe und wird in der Unterhaltungsindustrie ernst genommen.

Jetzt legt Amazon mit einem weiteren Coup nach: Das Unternehmen kündigte an, den Starregisseur Woody Allen für eine neue Fernsehserie rekrutiert zu haben. Amazon hat eine ganze Staffel von jeweils halbstündigen Shows bestellt, für die Allen das Drehbuch schreiben und Regie führen soll. Es ist die erste Fernsehserie für den 79 Jahre alten Allen, der vor allem als Regisseur von Kinofilmen wie „Der Stadtneurotiker“ oder „Midnight in Paris“ bekannt ist. Die Show soll im kommenden Jahr auf „Prime Instant Video“ in Amerika, Deutschland und Großbritannien zu sehen sein.

Der Doppelschlag von Amazon mit den „Golden Globes“ und dem Woody-Allen-Projekt unterstreicht, wie rasant sich die Fernsehlandschaft verändert. Neben den traditionellen Fernsehkanälen etablieren sich sogenannte Streaming-Dienste wie von Netflix oder Amazon, deren Kunden die Inhalte über das Internet abspielen, ob auf Fernsehern, Computern oder Smartphones. Diese Dienste bieten ihren Nutzern jederzeit und ohne das von Fernsehsendern gewohnte starre Programmkorsett Zugriff auf ihre Serien und Filme. Und sie haben zunehmend Ambitionen, eigene und exklusive Inhalte anzubieten, so wie Netflix es mit „House of Cards“ oder „Orange is the new black“ tut, oder eben Amazon mit „Transparent“. Die Shows muten wie traditionelle Fernsehserien an und werden bei Preisverleihungen auch so kategorisiert, sind aber teilweise nur online zu sehen.

Amazon verfolgt mit seinem Unterhaltungsangebot ein sehr eigenwilliges Geschäftsmodell. Der Videodienst wird mit dem Versandangebot „Prime“ verknüpft. Gegen eine jährliche Gebühr von 49 Euro (99 Dollar in Amerika) bekommen Prime-Kunden zum einen schnellen und kostenfreien Versand und zum anderen Zugang zur Film- und Fernsehbibliothek. Prime-Abonnenten sind für Amazon besonders wertvoll, denn sie geben im Schnitt mehr Geld auf der Seite aus als andere Kunden. Hinter den selbst produzierten Shows steckt das Kalkül, mehr Prime-Mitglieder zu gewinnen und somit diese bestellfreudige Klientel zu vergrößern. Die eigenen Fernsehshows sollen also dem gesamten Geschäft von Amazon zugute kommen.

Der Online-Händler hat seine Filmsparte Amazon Studios im Jahr 2010 ins Leben gerufen. Traditionell hat Amazon die Auswahl seiner Serien den Kunden überlassen. Einzelne Pilotfolgen wurden online gestellt, und Amazon entschied auf Basis der Reaktionen von Zuschauern, aus welchen Stoffen eine ganze Serie gemacht wird. Mit dem Woody-Allen-Projekt weicht Amazon zum ersten Mal von dieser Strategie ab und bestellt eine ganze Serie ohne Mitsprache seiner Kunden. Amazon lässt sich seine Shows mittlerweile viel Geld kosten. Im vergangenen Jahr sagte das Unternehmen, in einem einzigen Quartal 100 Millionen Dollar für eigene Inhalte ausgeben zu wollen. Amazon ist allgemein dafür bekannt, in der Hoffnung auf künftiges Wachstum viel Geld zu investieren und dafür auch Verluste in Kauf zu nehmen.

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15. Jan. 2015
von Roland Lindner
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