Kein Blog-Bild

New Yorker Televisionen

Wer schaut bei Oprah und Jon Stewart vorbei? Was wird in „Meet the Press“ und „Face the Nation“ verhandelt? Wen haben sich Jay Leno und David

Gipfeltreffen: Obama und Leno

| 4 Lesermeinungen

Gut gelaunt war er. Cool sowieso. Und telegen. Aber natürlich musste er auch zeitgemäß Ernst verbreiten. Gravitas in der Krise. Staatsmännische Miene...

Gut gelaunt war er.

Bild zu: Gipfeltreffen: Obama und Leno

Cool sowieso. Und telegen. Aber natürlich musste er auch zeitgemäß Ernst verbreiten. Gravitas in der Krise. Staatsmännische Miene selbst in der Unterhaltungssendung. Kann er alles, macht er alles mit Links, dieser Obama.

(Zwischenruf von der Rechten: Mit Links! Da liegt der sozialistische Hund begraben!)

(Zwischenruf der Internetgeneration: Links, mehr Links! Wo gibt’s was zu klicken?)

Also aufgepasst, fellow Americans und restliche Lebewesen! Der Präsident ist nicht jeden Tag zu Gast in der mitternächtlichen Tonight Show. Ja ein amtierender Präsident war noch nie zu Gast in der Sendung, die in der Regel die Nation lustig auf den Schlaf vorbereitet. Obama aber wollte bei seinem Besuch nicht immer der Regel folgen.

Er erklärte zwar poppig locker, was sich wirtschaftlich da um uns herum gerade abspielt, ließ es aber an Ernsthaftigkeit nicht fehlen. Weniger mit Fakten als Vertrauen suchte er zu überzeugen. Deswegen war er kein Miesepeter, der nur wirtschaftliche Hiobsbotschaften durch die Nacht trompetet. Wie immer sagte er Amerika eine glänzende Zukunft voraus.

Zwischendurch Leno, der nicht gerade den Ruf eines unerbittlichen Inquisitors mit sich herumschleppt. Mutig fragt er Obama nach den womöglich halbierten Boni, worauf dieser pariert mit: Der einzige Ort, wo das meiner Meinung nach funktionieren könnte, ist Hollywood.

Und auf Lenos Frage, ob da nicht doch einmal ein paar Meister des Universums hinter Gittern landen sollten, gibt der Präsident, wie er es nennt, ein schmutziges kleines Geheimnis preis: Das Meiste, was uns da in Schwierigkeiten gebracht hat, war vollkommen legal.

Kein Lacher.

Und Obama guckt sogar ein bisschen verstört, als Leno ihm schelmisch vorwirft, er gebe die Finanzprobleme an Schatzminister Geithner weiter. Knipst dann aber souverän sein Lächeln an und aus und betont: Ich bin der Präsident. Ich bin der Kerl, der das alles zu reparieren hat.

Leno begann ein bisschen sehr müde: Doch kein Wunder, dass der Präsident Washington den Rücken gekehrt und den Dreitausendmeilentrip nach Kalifornien unternommen hat. So was machen eine Menge Leute, wenn die Schwiegermutter eingezogen ist.

Obama verglich dafür Washington mit der Fernsehsendung „American Idol“. Na ja. Und bald wird auch ein Hund ins Weiße Haus einziehen. Ah! Und beim Bowling ist er gar nicht gut. Als wäre er bei der Behindertenolympiade. Hoppla. Fast ein Fauxpas.

War’s das?

Ganz abgesehen von dem doch recht ungewöhnlichen Ereignis, dass ein amtierender Präsident sich zu einem Besuch in einer Talkshow einfindet, war das erst einmal eine erstaunliche Bestätigung eines traditionellen Kommunikationswegs. Die gute alte Talkshow eines guten alten Networks im guten alten Fernsehen wird also noch für würdig und wohl auch für effizient befunden, eine Botschaft vom Weißen Haus direkt in die Wohn- und Schlafzimmer der Nation zu versenden. Und für Jay Leno und die „Tonight Show“, sozusagen die Grand Old Lady der nächtlichen Talkshows, ist es ein unvergleichlicher Triumph. Obama hat Leno beim Gipfeltreffen automatisch über die Konkurrenz erhoben.

Nun ist Barack Obama gewiss kein Mann, der sich im vorsintflutlichen 20. Jahrhundert verheddert hat. Nachdem sein Wahlkampf schon mit den digitalen Pfunden des Internets gewuchert hat, regiert er auch per Email und Videoclip. Gerade erst lag in meinem Briefkasten wieder ein Video von ihm, in dem er mir geduldig seinen Haushaltsentwurf erklärte.

Was sucht er also in der Tonight Show? Zumindest lässt sich sagen, dass es ein weiterer Weg ist, an den interpretierenden und kommentierenden Medien vorbei direkt mit seinen Landsleuten zu plaudern und ihnen zu erklären, was gerade Sache ist im fernen, fremden Washington.

Es wäre ja auch schade, wenn ein so telegener Präsident sich hinter dem Washingtoner Protokoll verschanzen und bloß zur offiziellen Pressekonferenz Frage und Antworten stehen wollte. Obama war zudem glänzend aufgelegt. Auch ohne Teleprompter.

Aber soll er überhaupt ungestraft als Gast bei Leno auftreten dürfen? Hätte er sich nicht in Washington um die Wirtschaft kümmern sollen, statt sich in Hollywood zu vergnügen? Genau das haben ihm seine Kritiker schon vor seinem Auftritt vorgeworfen, und sie werden es wohl auch danach wiederholen. Unter ihnen befinden sich viele Strategen der Regierung Bush. Nur können die als Öffentlichkeitsarbeiter nicht unbedingt auf viele Erfolgssträhnen hinweisen.

Obama hat ohnehin eine Antwort parat. Er könne, sagt er charakteristisch cool, mehr als eine einzige Sache gleichzeitig erledigen. No problem. Wenn auch vielleicht die Wirtschaftskrise nicht ganz so leicht in den Griff zu kriegen ist wie die Tonight Show. Aber allein dass er doch Zeit hat, hier vorbeizuschauen, beweist doch, dass die Lage noch zu meistern ist. Der Präsident an die Nation: Hey, da kommen wir durch! Nur nicht aufgeben!

Und, ach ja, Rush Limbaugh, der rechte Scharfmacher, marschierte doch nicht, wie von Leno listig angekündigt, als Überraschungsgast nach Obama ins Studio.

Mr. President, das war einer der besten Abende meines Lebens, rief Leno ihm nach. Könnte ich das nur auch sagen!


4 Lesermeinungen

  1. The Show must go on!
    Es kann...

    The Show must go on!
    Es kann uns (US-Amerikanern) nicht dreckig genug gehen, damit wir zumindest mit „Dienstleistungen“, Enter- und Infotainment, Sinn- und Inhaltslosigkeit und Nabelschau weitermachen. Was wollen wir denn sonst noch machen? Eine industrielle Basis haben wir im Grunde seit Jahrzehnten nicht mehr. Und bei Lenos Latenight werden die Lichter der US-Wirtschaft wohl als letztes ausgehen. Na ja, auf der Titanic wurde auch bis zum Schluss gefeiert.

  2. Warum müssen unsere...
    Warum müssen unsere amerikanischen Korrespondenten immer so klingen als hätten sie ihre Texte von irgendwelchen amerikanischen Gagschreibern abgeschrieben….Wenigstens die Witze sollten ins Deutsche übersetzt werden, dass man den Humor hier auch versteht.

  3. The Show must go on.
    Auch wenn...

    The Show must go on.
    Auch wenn es der US-Wirtschaft noch so schlimm geht, die Show, Entertainment und Infotainment, Hollywood & co machen weiter. Aber was will man auch sonst machen, in einem Land, das seine industriellle Grundlage schon vor Jahrzehnten verlor. Und auf der Titanic feierte man auch bis zum Schluß. Wer will den guten Champaign schon dem Meer überlassen. Deshalb werden die Lichter In Lenos Show wahrscheinlich auch die letzten sein, die in den USA ausgehen.

  4. wo liegt das problem? warum...
    wo liegt das problem? warum war das nicht unterhaltend? zugegeben, das timing war vielleicht nicht das beste angesichts der AIG-Kontroverse. aber: obama war witzig, sogar sehr witzig. zudem authentisch und charismatisch wie eh und jeh, und keinesfalls gespielt. schaut man sich dagegen mal deutsche politiker in einer „unterhaltungssendung“ an … der auftrit bei leno sollte als anschauungsunterricht herangezogen werden, wie man politik machen kann und leuten mut machen kann.

Hinterlasse eine Lesermeinung