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#Nilsläuft

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Mit mir erlebst du Höhenflüge und Alltagsläufe. Ich gebe dir Trainingstipps und Wettkampftricks.

Vegan und fit – Zwei Wochen (fast) ohne Tier

| 12 Lesermeinungen

Wer viel Sport treibt, braucht viel Energie. Aber kann man durch rein pflanzliche Kost den Energiebedarf eines Ultramarathonläufers decken? Mein Vegan-Projekt zeigt es seit zwei Wochen –aber nicht nur das.

Seit zwei Wochen bin ich nun Veganer. Gut, ich gebe es zu: Ich hatte Grillrückfälle. Zu hartnäckig war die Gewohnheit kross gebratenes Fleisch zu essen. Aber vegane Bratwurst wollte ich einfach nicht – bloß keine fleischförmigen Veganprodukte! Davon abgesehen aß ich vielmehr Obst, Gemüse und Brot als sonst. Das Gefühl, ständig essen zu müssen, konnte ich nicht verdrängen. Zwischendurch ging mir sogar das Kauen auf die Nerven.

Ich hatte einen Bärenhunger und wusste nicht genau warum. Schließlich aß ich genug. Fleisch war es nicht, davon aß ich auch vorher nicht viel. Vielleicht zu viel Gemüse? War ich dadurch mangelernährt? Fragen, auf die meine Email-Trainer schon vorab gute Antworten parat hatten. „Veganstart“ (von PETA) und „Vegan werden“ (von Kilian Dreißig) leiteten mich durch die Anfangszeit – Rezepte und Beratung inklusive. Entwarnung, keine Mangelernährung.

Und entgegen meiner These, dass ich auf Milch, Salami oder Käse nicht verzichten kann, schaffte ich es. Besser gesagt, ich hatte Spaß daran Reismilch mit Müsli zu probieren oder ein veganes Curry zu kochen. Es braucht einfach nur etwas mehr Zeit, aber die braucht vernünftig kochen immer.

Neue Welten

Wer sich auf der einen Seite einschränkt entdeckt eine neue Vielfalt. Es herrscht kein Mangel, sondern Überfluss: an Farben, Formen und neuen Rezepten. Der Heißhunger verschwand nach einer Woche abwechslungsreicher Küche und war wohl eher der Gewohnheit geschuldet, als einer Mangelernährung.

Mangelernährung ist übrigens eines der Stichwörter mit denen mir vom Veganismus abgeraten wurde. Einige Kommentare, die ich auf meinen Versuch hin bekam, versuchten mich geradezu zu bekehren, dass Fleischessen doch natürlich sei und nur tierische Produkte helfen, den Körper am Leben zu halten. Das wollte ich nicht glauben, ich kann es bis heute nicht. Denn es gibt viele Hinweise darauf, dass eine rein pflanzliche Ernährung ausreichend ist.

Aber es wurde auch immer deutlicher, dass es beim Veganismus nicht nur ums Essen geht. Es geht um Anschauungen, um Lebensgewohnheiten – Veganismus polarisiert. Auf der einen Seite die Fleischesser, die sich wohl auch nicht mehr ganz sicher sind, ob XXL-Schnitzel und 500g T-Bone-Steaks wirklich gut für den Körper sind. Auf der anderen Seite die Veganer, die Probleme haben, ihre selbstauferlegten Restriktionen einzuhalten. Beide Klischees stehen fest.

Zum Glück gibt es ja auch noch die goldene Mitte. Mir persönlich geht es gar nicht nur ums Fleisch, um den Tierschutz oder die Rettung der Welternährung. Ich muss erst einmal klein anfangen. Sehen was gut für mich ist. Egoismus? Ja, vielleicht. Strikte Veganer sehen in mir wohl ein Weichei oder einen Hipster, der sich wichtig machen will, ohne voll dabei zu sein. Aber ich kann nicht aufs Große kommen, wenn ich das Kleine nicht verstehe. Klärt euch selbst über die Vorteile auf und ihr werdet sehen, was gut ist.

Meinen Kleiderschrank habe ich übrigens auch nicht ausgeräumt und alles tierische verbannt. Das wäre Unfug, auch wenn Veganern oft vorgeworfen wird, sie hielten sich nicht an ihre eigenen Prinzipien. Wer aber wissen will ob seine Sportschuhe vegan sind, dem empfehle ich einen Beitrag auf der Seite bevegt.de

Sportliche Auswirkungen

Für mich gilt: ich lebe noch. Und das sehr gut. Sportlich geht es mir super. Ich fühle mich fit und das Training zum nächsten Ultramarathon in Köln läuft bestens. Wissenschaftlich beweisen kann ich die Vorteile veganen Essens natürlich nicht, aber mein Gefühl sagt mir, dass es gut ist, weniger tierische Produkte zu konsumieren. Mal abgesehen davon, dass ein Blick auf die Nährwertangaben pflanzlicher Kost die Vorteile für Sportler offensichtlich macht. Sie enthalten oft mehr und bessere Kohlenhydrate und bessere Fette. Ein bisschen aufpassen sollte man aber beim Vitamin B12, dass von vielen Veganern ergänzt wird.

Große Veränderungen an meinem Körper konnte ich auch noch nicht feststellen, aber kleine. Ich fühle mich fitter und frischer. Völlegefühle nach dem Essen gibt es nicht mehr und das Laufen fällt mir leichter, wenn ich davor heißes Wasser statt Milch ins Müsli schütte. Pflanzliches ist irgendwie leichter.

Für während des Sports gibt es auch was. Ich hatte vor kurzer Zeit Energieriegel getestet und war nicht richtig glücklich. Ein veganer Riegel aus gerösteter Gerste war jetzt deutlich besser. Nun werde ich euch noch andere vegane Sportprodukte testen.

Nachteile

Ein Nachteil veganer Fertigprodukte wie Brotaufstrich oder Saucen ist die Verwendung von Einfachzucker – wie bei allen verarbeiteten Industrieprodukten. Zudem ist Veredeltes teuer. Das gilt auch für vegane Produkte. Jetzt muss man abwägen, ob man den Zeitaufwand erhöht und so etwas einfach selber macht. Es dauert nicht lange, da hat man den Dreh raus. Erdnussbutter ohne Zusatzstoffe (auch noch lecker) geht ganz einfach. Genauso wie Tomatensauce.

Eines sollte bedacht werden. Der Körper ist kein Automat und stellt sich auf die neue Ernährung ein. Beispielweise Hülsenfrüchte sind Gewöhnungssache. Sie sollten nicht im Übermaß verzehrt werden. Insgesamt gilt: Langsam dran gewöhnen und nicht überstürzen. Man muss nicht in 30 Tagen vegan leben.

Und das ist genau meine Devise: Ich suche mir das Beste für mich aus all den Weisheiten zusammen und schaue, was für mich gut ist. Das muss man lernen, aber wieso sollte ich nur Veganer sein? Oder nur Fleischesser? Oder nur Läufer? Nee, nee. Dafür ist das Leben zu kurz und die Welt zu facettenreich.

Jetzt gilt es, in den nächsten Wochen herauszufinden, welche Speisen besonders gut sind und die vielen Rezepte auszuprobieren, die ich von euch schon bekommen habe. Danke dafür.

Tipps und Tricks

Und hier kommen noch Tipps und Tricks aus meiner Erfahrung

  • Anfangs langsam angehen lassen, keinen Druck aufbauen
  • Herausfinden welche tierischen Produkte man durch pflanzliche ersetzen kann (Milch = Reismilch, Mandelmilch etc.)
  • körperliche Umstellung einkalkulieren, Verdauung, Hunger. Speisen vorkochen, die einem schmecken

Vegan-Start von PETA – Tierrechtsorganisation, daher sehr auf Tierschutz bedacht, kostenlos

Vegan werden – Von Kilian Dreißig, kostenpflichtig (47 Euro, ohne Support), mit umfangreichen Begleitmaterial

Bevegt.de – Umfangreiche Seite mit Rezepten und Artikeln zum Thema Veganismus und Laufen, von Daniel Roth und Katrin Schäfer

Energieriegel von Tsampa – Vegane Riegel aus Berlin („handgemacht“), sehr bekömmlich

Hast du Fragen zum Vegan-Projekt? Oder Tipps? Dann schreib mir über die Kommentarfunktion oder an n.thies@faz.de. Auf Twitter (@nils_thies), Facebook oder Instagram (NilsLaeuft) bin ich auch zu finden.

 

 

 

 

 

 

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12 Lesermeinungen

  1. Super Beitrag
    Es hat mir viel Freude bereitet, diesen Beitrag zu lesen! Danke!

  2. Sehr erfrischender Beitrag
    Der Beitrag ist sehr erfrischend zu lesen.
    Schön, wenn sich jemand versucht mit diesen Dingen auseinanderzusetzen.

    Und ja, jeder sollte sein persönliches Tempo bei einer Ernährungsumstellung gehen. Nur so, ohne Druck, kann es vernünftig funktionieren.

    Mir persönlich haben Bücher von Brendan Brazier, Rich Roll und Patrik Baboumian unglaublich weitergeholfen.

    Viel Erfolg weiterhin ;)

  3. Titel eingeben
    Gut hemacht, Kompliment ich habe dazu Jahre gebraucht und auch jetzt ernähere ich mich (nur) zu rund 94% vehetarisch.
    Bei mir kamen noch nach Monaten und Jahren gelegentliche Rückfälle und auch heute noch gönne ich mir alle 3 Wochen mal eine Pommes Sauerei (rot-weiß mit gehackten frischen Zwiebeln ;-) ), ich weiß, ich weiß, ich schäme mich ja auch!
    Die Industrie haben lange gesucht und zig Gefälligkeitsstudien bei Studenten bestellt die ihre Dissertaion/Doktorarbeit abfassen müssen,
    die bekommen dann, wenn das Thema gefällt sogenannte Forschungsbeihilfen -naja, wie auch immer und mit fertigem Doktortitel wird das dann als Studie veröffentlicht, wenn das Ergebniß gut ist für diese und jene Industrie und ihren rührigen Verbänden.
    Und dann können wir wieder lesen Vitamin B12 Mangel ist gefährlich oder Zucker ist gesundt und so was in der Art.
    Am Rande sei ünrigends erwähnt, dass man nur winzige Mengen an B12 benötigst und da ich syntetischen Vitaminen nicht traue, was gute Gründe hat, gönne ich mir als 94% Vegetarier dann mal Bratkartoffeln mit 50 Gramm Schinkenspeck und schon ist das B12 Problem für 2-3 Tage beseitigt, In Maßen gönne ich mir auch ein kleines Steak, leckeren Käse (Man lasse besser die Finger von billigstem Schmelzkäse, der mit nem schönem Bild mit graubärtigem Hirten und einem glücklichem Schaft für Stimmung sorgt) und Quark ist auch willkommen.
    Ich habe so sogar zwei, normalerweise in 6-8 Jahren tödliche Krankheiten zum Stillstand gebracht und das seit rund 20 Jahren und würde quasi als Forschungsobjekt dienen, welches man bei freier Kost und alogis durch verschiedene Tagungen tingeln läßt, wenn ich nichts besseres zu tun hätte.
    Eins sollte man sich immer vor Augen halten, Pragmatismus ist besser als Ideologie und da sehe ich mich als 94% Vegetarier besser aufgehoben, als bei 100% vegetarisch oder gar vegan lebendt.
    Im Übrigen möchte ich auch bestätigen, dass der Körper lernt, hat man die Süchte nach und nach überwunden, dann freut sich mein Geist und fleischlicher Körper mehrmüber einen leckeren Salat mit schnell zubereitetem Zipp und Zapp als über ein Schnitzel mit Irgendwas, das ich mir aber auch manchmal gönne.
    Noch ein Tipp, wer sich etwas wirklich gutes tuen will der google nach:
    1. „schwarze Melasse gesundheit krankheit krebs“ (Fast der gesamte Vitamin B-Komple, mit hohen und im Gegensatz zu Milch, sehr gut bioverfügbarem Kalzium, Kalium u.v.A.m), die auch noch superpreiswert ist.
    2. „heim wasser osmose anlage“ und dann „erfrischungsgetränke zu hause selber machen“
    3. „mit stevia süßen“ (Zu 70% nehme man Stevia, zu 30% Zucker, der Geschmack ist ein wenig anders, aber keinesfall schlechte, wenn ihr keine Mondpreise bezahlen wollt, kauft es bei vertrauenswürdigen zertifizierten Seiten im Internet im tausender Nachfüllback, dann ist es nicht teurer als Zucker. Die Drückautomaten taugen nicht für Stevia Tabs und im Supermarkt hat man mir sogar schon Stevia angedreht, wo der Lakritz Geschmack nicht entfernt wurde, vielleicht ist die Regalfläche ja von der Zuckerindustrie angemietet worden ;-) ).

    So, vielleicht können meine Tipps ja dem Einen oder Anderem helfen, ich lebe jedenfalls schlanker und fittet als vor 20 Jahren!

    • Vielen Dank. Ich habe in der Zwischenzeit einiges probiert und bin begeistert. Besonders von deiner Einstellung, dass Pragmatismus besser ist als Ideologie.

  4. Eine Ernährungsweise die nur unter ärztlicher Beobachtung und mit Pillen machbar ist...
    …und das soll „natürlich“ sein.

  5. Nach zwei Wochen?
    Nach zwei Wochen zieht er ein eindeutiges Fazit? Was soll denn das? Zwei Jahre wäre eine bessere Zeitspanne um Langzeitschäden herauszufinden.

  6. Scott Jurek
    Als Lektüre kann ich zum Thema Scott Jureks „Eat & Run: My Unlikely Journey to Ultramarathon Greatness“ empfehlen.
    Scott Jurek ernährt sich schon lange vegan und hat dabei viele Ultramarathon-Läufe gewonnen.

  7. Vitamin B12 Mangel
    Bei überwiegend vegetarischer Lebensweise ist ein Vitamin B12 Mangel ganz normal. Beim Arzt unbedingt Holo-tc checken lassen und bei weniger als 100 pmol/l sollte man Hydroxocobalamin i. m. spritzen. Den offiziellen Grenzwert von 50 pmol/l halte ich nach eigener Erfahrung für zu knapp bemessen, zumal eine Überversorgung unkritisch ist. Eigentlich sollte dieser Test Standard sein, weil der B12-Mangel weit verbreitet ist und alle anderen Test unzuverlässig sind.

    • Vitamin B12 oft beigemischt
      In vielen vegan gekennzeichneten Produkten (z.B. Milchersatz-Drinks) wird mittlerweile Vitamin B12 beigemischt. Wenn sich Veganer allerdings gleichzeitig strikt mit Bio-Produkten ernähren, haben sie auf Dauer ein Problem, da zu Bio-Produkten kein externes Vitamin B12 zugegeben werden darf. Ansonsten haben vor allem ältere oder kranke Menschen Vitamin B12-Mangel, weil sie das Vitamin nicht oder nicht mehr gut aufnehmen können: Ihr Magen produziert zu wenig des intrinsischen Faktors. Das ist dann unabhängig von ihrer Ernährung.
      Zur Spritze greifen müssen auch diese Leute nicht unbedingt. Als Alternative gibt es nämlich auch hochdosierte Vitamin B12-Tabletten. 1% des aufgenommenen Vitamin B12 wird auch unabhängig vom intrinsischen Faktor vom Körper aufgenommen.

  8. Schön zu lesen und weiterhin viel Spass dabei ein Weichei zu sein ;)
    Ich persönlich nehme gerne die Carnevoren Argumentationspunkte ein auch wenn ein eingefleischter Carnevorist sich bei meinem Speiseplan vermutlich auch als Weichei Carnevore bezeichnen würde. Die Goldene Mitte ist in dieser Polaresierung meiner Meinung der beste Weg.

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