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#Nilsläuft

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Laufen und Musik – ein Streitgespräch

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Mein Kollege Achim Dreis läuft so gerne wie ich. Dabei schwört er auf den puren Genuss. Musik ist für ihn tabu. Ich brauche dagegen ab und zu was auf die Ohren. Zeit für ein Streitgespräch: Achim gegen Nils.

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Manchmal sieht man die Blicke, die sich Musikhörer und Unverstöpselte am Start oder im Park zuwerfen? Die einen lieben Musik beim Laufen, die anderen nicht. Wer Recht hat, wissen wir nicht. Aber es wird spannend zu sehen, was ihr darüber denkt, wenn wir unsere absolut sachlichen Argumente ausgetauscht haben. Also los: Achim fängt an.

fullsizerenderAchim: Joggen ist eine Angelegenheit für alle Sinne, auch für das Hören. Beim Laufen trage ich nie Kopfhörer, denn die Musik in meinen Ohren setzt sich aus vielen Geräuschen zusammen, die mir die natürliche Umgebung meiner Laufrunden bietet.

Nils: Musik ist ein absolutes Muss. Damit kann man die ganzen nervenden Geräusche wegrocken – Baustellen, S-Bahnen und sich anhupende Autofahrer inklusive.

Achim: Mein keuchender Atem signalisiert mir unmissverständlich, wie es um meine Form steht, und ob ich in der vergangenen Woche nicht eine Einheit zuviel habe ausfallen lassen.

fullsizere435nderNils: Mein Röcheln und Prusten auf der Laufstrecke will ich nicht hören. Da höre ich lieber Musik, dann bin ich schneller und ich hole alles aus mir raus. Außerdem motiviert Musik und ich vergesse die Schmerzen, wenn ich Vollgas gebe.

Achim: Die fröhlich zwitschernden Vögel präsentieren mir mit ihrem Gesang einen Laut-Teppich, den mir keine Playlist dieser Online-Welt bieten kann.

Nils: Wenn das Laufen eintönig wird, geht’s mit mir bergab. Da bekomme ich von der Natur sowieso nichts mit. Dann kann ich mich auf Hunderte von Songs verlassen, die mich in jeder Stimmung unterstützen.

fullsizeren345derAchim: Das durchdringende Hupen der Autos beim schnellen Überqueren der Straße macht mir klar, dass ich links – rechts – und nochmal links gucken soll, wie ich es schon im Kindergarten gelernt habe. Und die schrillen Klingeln der Radfahrer reißen mich aus abschweifenden Gedanken und erinnern mich daran, dass ich auf kombinierten Rad- und Fußgängerwegen nicht in der Mitte laufen muss.

fullsizeren35434666derNils: Das ist der Vorteil von Musik. Ich blende den Verkehr völlig aus. Und was soll’s schon, die Autos nicht zu hören, ich hab ja zwei gesunde Augen. Und auf der Straße laufe ich ja eh nicht.

Achim: Die trommelnden Schritte von Joggern hinter mir fordern mich auf, meinen gewohnten Trott zu verlassen und mal einen Schritt schneller zu laufen – denn ich werde mich doch jetzt nicht überholen lassen.

Nils: Im Training lasse ich mich auf keine Wettkämpfe ein. Da zählt das von mir gesetzte Tempo – natürlich mit Musik unterlegt, deren Beats zum Schritt passen. Wenn ich dann aber schnell sein muss, hilft mir Musik. Dann gebe ich automatisch Gas.

fullsizerend43545erAchim: Das einlullende Rauschen des Windes und des Wassers vergegenwärtigt mir die Schönheit der Natur, in der ich mich bewege.

Nils: Das Gefühl, von einem leichten Crescendo über die Hügel des Taunus getragen zu werden und bergab dem treibenden Rhythmus eines Rocksongs nachzugeben ist einfach fantastisch – besser als mein eigenes Herzrasen.

fullsizere4353445nderAchim: Erhaben ist das Gefühl, zu den begabteren Freizeit-Sportlern zu gehören, wenn ich das unrhythmische Stöcke-Geklapper und Geplapper ihrer Träger hinter mir lasse, wenn ich die fußlahmen Walking-Gruppen leichtfüßig stehen lasse.

Nils: Ich will beim Laufen ganz bei mir sein und schotte mich mit Musik ab. Dann habe ich die volle Konzentration.

Aber was ist denn nun wirklich dran?

Ist Musik nun gut oder schlecht beim Laufen? Irgendwie beides. Auf der einen Seite motivierend, auf der anderen ablenkend. Aber der Reihe nach.

Wahrnehmung. Musik lenkt uns ab. Sie wird in den Bereichen des Hirns verarbeitet, die wir für die Wahrnehmung nutzen. Wir werden abgelenkt, ähnlich wie beim Telefonieren während des Autofahrens. Profis rennen deswegen selten mit Kopfhörern, um sich besser auf sich selbst zu konzentrieren. Und in der Tat habe ich selbst die Erfahrung gemacht, dass ich ohne Musik mehr mitbekomme und mich besser einschätzen kann. Die Zeit vergeht meiner Meinung nach auch schneller ohne Musik. Punkt für Achim.

Sicherheit. Wieder ein Punkt für Achim, denn wer im Straßenverkehr nicht alle Sinne beisammen hat, riskiert viel – nicht nur in einer Stadt wie Frankfurt. Musik hören ist zwar nicht verboten, aber wem nützt das schon, wenn man angefahren wird. Also raus mit den Stöpseln in der Stadt!

Strom. Auch hier muss ich Achim einen Punkt gutschreiben. Die Stöpsel hängen entweder am nervenden Kabel oder müssen – bei Bluetooth-Modellen – mit zusätzlichem Strom versorgt werden. Das nervt beides, denn immer wenn ich die Dinger brauche sind sie leer. Mal abgesehen, dass die Einsatzzeit gering ist. Auch das Smartphone ständig dabei zu haben nervt mich. Natürlich gibt es auch Uhren mit Musik drauf. Polar, Fitbit und TomTom bieten mit ihren Lifestyle-Modellen die Möglichkeit Musik mitzunehmen, aber auch die brauchen Strom. Gerade bei Ultraläufen machen die meisten Kopfhörer und Smartphones unterwegs schlapp. Beim letzten großen Lauf über 36 Stunden hörte ich zwischendurch nur ein Lied. Das war schön, aber dann sind mir dauernd die Stöpsel aus dem Ohr gefallen – nervig.

Motivation, haha! Jetzt komm mein großer Trumpf. Es sind die schönen Augenblicke, wenn der Song mich trägt, genau zur Stimmung passt und ich meinen Körper einfach mal vergesse. Dann geht’s ab. Währenddessen steigert Musik das Tempo, was nicht immer von Vorteil ist. Mir läuft ein Schauder über den Rücken und der Song wird zur Hymne. Aber wer findet schon den richtigen Song zur richtigen Zeit? Okay zugegeben. So gut sind die Algorithmen der Musikapp heutzutage dann auch noch nicht. Und das Suchen auf dem MP3-Player nervt auch. Zum Glück gibt es da eine Untersuchung*, die Musik motivierende Eigenschaften zuschreibt, leider haben die Wissenschaftler herausgefunden, dass Musik am besten wirkt, wenn sie vor und nach dem Wettkampf gehört wurde. Achim hat wohl Recht.

Interessant sind die Apps, die die Musik der Herzfrequenz anpassen. Allerdings muss eine Kopplung mit einem Herzfrequenzmesser oder dem GPS bestehen. Das können Gurte sein oder auch Uhren, die den Puls optisch messen bzw. die Geschwindigkeit berechnen. Sie vergleichen die Daten und passen dann die Beats per Minute (bpm) an. 160 bpm sind eher für schnelle, 140 für lockere und beispielsweise 90 bpm für ruhige Läufe. Inzwischen gibt es auch Kopfhörer die den Puls direkt im Ohr messen und dann ans Smartphone senden.

Und was jetzt?

Gut, ich gebe zu, Achim hat mich überzeugt. Wenn man mal darüber nachdenkt, hat Laufen mit Musik vielleicht weniger Vorteile als gedacht. Probiere es aber ruhig selbst aus. Lass die Kopfhörer einfach mal zu hause. Das fand ich verstörend und die Umgebungsgeräusche nervten mich oft, aber im Laufe der Zeit wurde es schön – irgendwie stressfreier. Ich werde zukünftig öfter „unplugged“ unterwegs sein.

Und Du? Wie läuft’s bei dir? Bist du Musiker oder Purist? Schreib mir an: n.thies@faz.de auf Twitter (@nils_thies), Facebook oder Instagram (NilsLaeuft) oder hinterlasse einen Kommentar.

*  (veröffentl. in Journal of Strength & Conditioning Research, 02/2015 Issue 2)

 

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7 Lesermeinungen

  1. Sauberer Laufen ohne Musik
    Ein weiteres Argument für das Laufen ohne Musik ist der Umstand, dass man ohne akustische Abdichtung eher registriert, ob man ’sauber‘ läuft. Oft begegne ich Läufern mit Kopfhörern, die ziemlich geräuschvoll laufen (schlurfen, stampfen etc.). Denen scheint das aber nicht bewusst zu sein, weil sie es eben auditiv gar nicht mitkriegen. Dabei handelt es sich aber keineswegs nur um ein Einsteiger-Problem. Selbst bei geübteren Läufern kann das passieren, z.B. wenn man während eines langen Ausdauerlaufs nach einer gewissen Zeit ermüdet.
    Viele glauben, man könne den Laufstil nur mittels Videoanalyse analysieren. Einige wichtige Hinweise bekommt man aber auch frei Haus übers Ohr geliefert.

  2. Ich laufe ohne Musik
    Ich trainiere ohne Musik, weil ich auch beim Wettkampf in den allermeisten Fällen (DLV-Regeln) keine Musik hören darf. Und ich hab mal irgendwo gelesen, dass Musik eine Doping-ähnlichen Wirkung haben kann („Power-Song“). Vor ein paar Jahren hab ich es mal mit Hörbüchern beim Laufen versucht, aber das geht nur mit sehr seichter Literatur, wo man auch mal ein paar Sätze auslassen kann, ohne den roten Faden zu verlieren.

    • Da haben wir nun doch ein Argument für Laufen mit Musik. Doping, wie ich schon sagte. Gut, es klappt nicht immer und disqualifiziert werden ist auch blöd. Dann vielleicht doch lieber ganz ohne? Ich werde es mal ausprobieren.

  3. Keine Musik beim Laufen
    1. Ich jogge frühmorgens in der Natur, meist noch im Dunkeln. In unserer Gegend (zwischen Hamburg & Bremen) sind schon Wölfe aufgetaucht. Deshalb will ich zu dieser Uhrzeit lieber wachsam & nicht in Musik abgetaucht sein.
    2. Beim Joggen purzeln bzw. ordnen sich Gedanken, Ideen oder Gebete. Musik würde mich da nur stören.

    • Wölfe in meiner Heimat? Das ist sehr spannend. Lass dich nicht beißen und ja, ich stimme auch dir zu: Die Gedanken fliegen beim Laufen, ohne Musik.

  4. Laufen besser oben ohne
    Je besser der Musikgeschmack, desto schwieriger wird es ja, etwas zum Laufstil und -Tempo passendes zu finden. Im übrigen ist die Joggerei mit „Tomaten auf den Ohren“ auch lebensgefährlich: überholende Radfahrer, Förster im Jeep, Bergbachrauschen, attackierende Wildsauen, womöglich einstürzende Bäume – all das nimmt man erst wahr, wenns zu spät ist…

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