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Per Anhalter durch die Arbeitswelt

Per Anhalter durch die Arbeitswelt

Wir sehen uns zunehmend einer neuen, unbekannten und durchaus rätselhaften Arbeitswelt gegenüber.

Shimokitazawa

Der Anhalter durch die Arbeitswelt ist in Japan eingetroffen und trifft dort auf etwas Ungewöhnliches. Dieses Ungewöhnliche ist eine Umgehungsstraße, die...

Der Anhalter durch die Arbeitswelt ist in Japan eingetroffen und trifft dort auf etwas Ungewöhnliches. Dieses Ungewöhnliche ist eine Umgehungsstraße, die gebaut werden soll und der ein ganzes Viertel in Tokio mehr oder weniger vollständig zum Opfer fallen soll.

Spätestens jetzt denkt man natürlich als erstes an die Originalvorlage, nämlich an den Anhalter durch die Galaxis und an das Erstaunen des Erdenbewohners Arthur Dent, als er erfährt, dass eine intergalaktische Umfahrungsstraße gerade durch sein Haus gebaut werden soll. Die Begründung der zuständigen Behörde: „Was soll das heißen, warum muß sie gebaut werden. Es ist eine Umgehungsstraße. Und Umgehungstrassen baut man eben“.

Diese Umgehungsstraße – auf die der Anhalter durch die Arbeitswelt gestoßen ist – soll in Tokio gebaut werden, und zwar genau durch den Vorort Shimokitazawa, ein kleiner Stadtteil westlich von Shinjuku. Dieses Shimokitazawa gilt zurecht als das Greenwich Village von Tokio, eine Ansammlung von Geschäften, Lokalen und vor allem von jugendlicher & intellektueller Subkultur. Daher als Tipp: Auf jeden Fall ansehen, bevor es zu spät ist. Denn genau dieses Shimokitazawa soll aber jetzt durch eine neue Umgehungsstrasse nicht nur in zwei Hälften geteilt, sondern auf diese Weise auch teilweise abgerissen werden. Statt ein bis zwei Stockwerken werden dann 20 Stockwerke die Regel sein. Und genau dies ist jetzt in zweifacher Hinsicht bemerkenswert:

Zunächst will man überhaupt wieder Straßen bauen, in Japan traditionelles Symbol für Fortschritt und Wachstum. Nach rund 15 Jahren Rezession und Stagnation, wird es schon als Sieg gefeiert, dass im August die Löhne nur mehr um 0,5 Prozent gefallen sind, also auch Preise nicht mehr so stark sinken wie zuvor. Aus Sicht vieler Japaner haben diese 15 Jahre ihre tiefen Spuren hinterlassen: Die Idee, dass Unternehmen „lebenslänglich“ für ihre Mitarbeiter sorgen, hat sich schon lange ausgeträumt. Umgekehrt sehen auch Mitarbeiter nicht mehr in ihren Unternehmen Dauerarbeitsplätze. 2002 haben immerhin 35% der Mitarbeiter ihren ersten Job nach dem Studium innerhalb der ersten drei Jahre gekündigt. Für Insider: Dies ist nun wirklich reiner Darwiportunismus! (auch in Japanisch??? und auch in Japan verfügbar). Ergebnis ist eine Kettenreaktion: Man macht nicht mehr so sicher Karriere, deshalb vertrauen Frauen nicht mehr so in die Karriere der Männer, deshalb sinkt die Geburtenrate. Frauen versuchen (in dieser Männergesellschaft oft vergeblich) im Beruf Fuß zu fassen. Da überrascht es nicht, wenn auf dem Empfang der Deutschen Botschaft zum 3. Oktober die japanische Oberhaus-Präsidentin Chikage Ogi freudig strahlend darauf hinweist, dass Deutschland eine Bundeskanzlerin hat.

Teil des Mini-Aufschwungs ist deshalb der Beginn des erneuten Straßenbaus, der aber in diesem Fall noch in anderer (umgekehrter) Hinsicht bemerkenswert ist. Zumindest ein Teil der Bürger aus Shimokitazawa rebelliert gegen diese Straße und gegen die Zerstörung dieses Viertels. Dies ist in einem hoch-konformistischen Land wie Japan mehr als überraschend. Man will die 27m breite Straße nicht! Die Tradition „höher, schneller, weiter“ wird abgelehnt. Nicht mehr Wirtschaftswunder, nicht mehr Arbeitsstress, sondern richtige, echte Lebensqualität. Nicht mehr Hektik, sondern Ruhe. Oder anders ausgedrückt: Nur keine Panik – die Straße kommt nicht und alles andere bleibt beim alten und zu hektisches wird verlangsamt.
 
Offen bleibt, wer gewinnt. In jedem Fall zeigt aber Shimokitazawa einen ersten Einblick in ein neues, sich entwickelndes Japan. Dies führt zu folgendem Eintrag in den Reiseführer Per Anhalter durch die Arbeitswelt: Die japanische Arbeitswelt verändert sich drastisch. Nach der Zunahme der darwinistischen Kräfte kommt es jetzt zu einer Abnahme der Konformität! Also Vorsicht bei falschen Stereotypen über die Arbeitswelt „Japan“.

Und Vorsicht beim Glauben an die technologische Überlegenheit von Japan. Wer ein wirkliches Trauerspiel erleben möchte, sollte das Sony-Center in Ginza besuchen. Früher ein technologischer Höhepunkt jeder Japanreise. Jetzt bekommt man dort die Demonstration des SACD-Systems von Sony als schlichte 2-Kanalveranstaltung. Und auch alles andere wirkt wenig überzeugend – traurig für den Berichterstatter, der bekennender Sony & Apple-Fan ist, aber zumindest durch den beeindruckenden Apple-Store in Ginza entschädigt wurde.

Damit der abschließende Eintrag: Der scheinbare Niedergang von Sony (auch erkennbar an defekten Akkus, und verzögert eingeführten Playstations und anderen Nützlichkeiten) belegt die Probleme japanischer Hi-Tech-Unternehmen. Daher könnte Vorsicht geboten sein vor japanischen Firmen. Egal ob sie in Japan, in Deutschland oder (hoffentlich nie) in Shimokitazawa stehen werden.

Bild zu: Shimokitazawa
(Foto: cts)

PS. Dem aufmerksamen Leser wird es nicht entgangen sein, dass dieser Eintrag ohne Fotos auskommt. Der simple und tieftraurige Grund: Die Sony-N1-Kamera des Berichterstatters wurde gestern auf dem Flug LH 711 vergessen und ist nicht wieder aufgetaucht. Zwar gibt es ein ausgefülltes Suchformular, das aber wie alle Formulare ohne Wirkung sein wird. Daher meine telefonisch bisher nicht erfüllbare Bitte: Liebe Lufthansa, schaut doch einmal in der Boing 747-400 „Düsseldorf“ unter dem Sitz 37B nach. Vielleicht liegt sie noch da! Oder vielleicht liest ein Fluggast oder ein Flugbegleiter diesen Blog und schaut nach. Danke!

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