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Per Anhalter durch die Arbeitswelt

Per Anhalter durch die Arbeitswelt

Wir sehen uns zunehmend einer neuen, unbekannten und durchaus rätselhaften Arbeitswelt gegenüber.

15 Millionen für Herrn Pischetsrieder

Deutschland hat es wieder einmal auf die Titelseite der britischen Financial Times geschafft. Genauer gesagt nicht Deutschland, sondern Volkswagen. Und eigentlich nicht Volkswagen, sondern der (bald ehemalige) Vorstandsvorsitzende Bernd Pischetsrieder mit seinem plötzlichen Rücktritt. Dieser brachte ihm (laut Tagespresse) 15 Millionen Euro Abfindungen ein.

Bild zu: 15 Millionen für Herrn Pischetsrieder

Der Vertrag von Herrn Pischetsrieder, der eigentlich bis zum Jahresende befristet war, wurde erst vor kurzem verlängert. Zwar hatte es irgendwo und irgendwie geknirscht: Herr Pischetsrieder bekam fünf weitere Jahre. Das bedeutet: Noch bevor diese neuen fünf Jahre beginnen, erkennt man den Irrtum und der zurückgetretene Vorstandsvorsitzende bekommt laut übereinstimmenden Pressetexten für jedes Jahr 3 Millionen.

Auch wenn das ganze legal und „übliche Praxis“ ist: Spätestens hier fällt es dem Reiseführer durch die Arbeitswelt schwer, plausible Erklärungen zu finden. Denn es gibt Regeln, die gelten für alle – aber vielleicht doch nicht für alle.

Schwierigkeit Nummer 1: Würde die Regelung analog auch für alle anderen gelten, die mit einem unbefristeten Arbeitsvertrag ausgestattet sind, so bekommt man eben nicht Hartz IV, sondern sein ganz normales Gehalt weitergezahlt, das man dann genüsslich als Frühpensionär ausgeben kann. Da drängt sich die Frage auf: Wie schaffe ich es, ohne Arbeit 15 Millionen zu bekommen? <Ist nicht Bernd Pischetsrieder 1999 ebenfalls frühzeitig von BMW weggegangen?>

Schwierigkeit Nummer 2: Irgendwer hat sowohl die Entscheidung getroffen, Herrn Pischetsrieder zuerst zu verlängern, als auch dann mit ihm den Rücktritt besprochen. Eine der beiden Entscheidungen war im Nachhinein eindeutig falsch, hat 15 Millionen Euro gekostet und offenbar ist niemand dafür verantwortlich. Also: Wie schaffe ich es, einen 15-Millionen-Euro-Fehler zu machen, ohne dafür gerade stehen zu müssen?

Schwierigkeit Nummer 3: Bei vereinfacht angenommen 3000 Euro monatlichen Personalkosten pro Mitarbeiter kann man von 15.000.000 Euro Abfindung 100 Mitarbeiter 50 Monate lang beschäftigen. Oder vielleicht einige Mitarbeiter nicht entlassen ….Was ist hier die Logik?

Schwierigkeit Nummer 4: Noch komplizierter wird es, wenn man sich die Financial Times des Vortages anschaut und den Bericht über (den da noch unumstrittenen) Pitschesrieder sowie die Produktionskosten in Deutschland liest. Hier kostet die Produktionsstunde in Wolfsburg 41€, in Portugals „VW Autoeuropa“ 14€. Dann steht einiges über die deutschen Gewerkschaften und die VW-Betriebsräte, die nicht immer mit dem Vorstand einig sind – was ja im Prinzip auch nicht falsch ist. Nur haben offenbar Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat sowohl der Vertragsverlängerung als auch der Vertragsauflösung zugestimmt. Was für eine Rolle spielt hier Herr Peters von der IG-Metall? <Zur Erinnerung: Die Gewerkschaften hatten auch nicht gegen die Millionenzahlungen an Herrn Esser gestimmt>

Der Anhalter durch die Arbeitswelt schlägt deshalb im Sinne einer neuen Leistungsorientierung in der Arbeitswelt (noch einmal) vor: „Personalvorstände, die viele Millionen Euro an Bezügen bekommen, dürfen nicht dafür belohnt werden, wie viele Mitarbeiter sie (mit oder ohne Abfindungen) abgebaut haben.“

Nichts gegen kompromisslosen Umgang mit leistungsunwilligen Mitarbeitern: Hier sollte man ebenso aktiv werden wie bei Anpassung an veränderte Marktbedingungen. Also garantiert kein Plädoyer für erneute Stammplatzgarantien. Aber: Die neuen Entlassungen (streng nach der Logik des „schwarzen Mitarbeiterabbauplaneten“) bei Unternehmen wie VW und bei DaimlerChrysler basieren auf Fehlentscheidungen aus der Vergangenheit. Dafür wurden manchmal auch Vorstände ausgewechselt, allerdings meist mit imposant vergoldeten Fallschirmen. Das sind die falschen Signale. Ein Sachbearbeiter, der eine Maschine einkauft, die man nicht braucht und später mit Verlust wieder verkauft, wird wegen mangelnder Professionalität zur Rechenschaft gezogen. Das ist durchaus richtig – muss aber auch für alle anderen analog gelten.

Gleichzeitig – auch wenn hier nicht generalisiert werden kann, denn es gibt auch andere Unternehmen und andere Aufsichtsräte – an dieser Stelle ein weiterer Eintrag in den Reiseführer Per Anhalter durch die Arbeitswelt: „Manche Unternehmen sind äußerst eifrig, wenn es darum geht, das Postulat der Corporate Social Responsibility durch sehr hohe Abfindungen für Vorstände und hohe Abfindungen für Mitarbeiter konsequent umzusetzen!“.

Wir haben also allen Grund, wirklich optimistisch in die Zukunft zu schauen.

Bild zu: 15 Millionen für Herrn Pischetsrieder
(Foto: cts)

P.S.: In Douglas Adams „Per Anhalter durch die Galaxis“ kommen Vorstände eher nicht vor. Aber eine zufällig aufgeschlagene Seite offenbart folgenden Text: „Mit einem mal ging das Licht weg, Zaphod Beeblebrox warf einen raschen Blick zum Fenster, um zu sehen, warum, und riss erstaunt den Mund auf, denn ein riesiges, scheibenförmiges, kanonenmetallgrünes Raumschiff schob sich am Gebäude vorbei durch die Luft. Zwei weitere folgten ihm nach. ‚Die Regierung, die du im Stich gelassen hast, ist hier, um dich zu holen, Zaphod’, zischte der Mann, ‚sie hat ein Bataillon Froschstern-Krieger ausgeschickt’.“

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