Per Anhalter durch die Arbeitswelt

Per Anhalter durch die Arbeitswelt

Wir sehen uns zunehmend einer neuen, unbekannten und durchaus rätselhaften Arbeitswelt gegenüber.

Dauerbrenner Dauerpraktikant

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Wenn in wenigen Tagen sechs Interviewanfragen zu einem identischen Thema auf den sonst so friedlichen Schreibtisch des Arbeitsweltforschers flattern, dann...

Wenn in wenigen Tagen sechs Interviewanfragen zu einem identischen Thema auf den sonst so friedlichen Schreibtisch des Arbeitsweltforschers flattern, dann dürfte das Thema relevant genug sein, um in diesem Weblog erneut aufgegriffen zu werden. Vor allem, weil er eine neue Facette in der Arbeitswelt aufzeigt, die Anlass zu neuen Diskussionen gibt.

Zunächst einmal kann auf den damaligen Eintrag in den „Reiseführer durch die Arbeitswelt“ verwiesen werden. Dieser definiert „Praktikum als (a) während der Ausbildung oder (b) nach der Ausbildung zu absolvierende Tätigkeit, die generell eher schlecht bezahlt ist und entgegen der offiziellen Verlautbarung vor allem bei (b) oft überhaupt nicht der Qualifikation sondern nur dem Lohndumping dient“.

Bekannt ist also, dass es zumindest zwei Formen von Praktika gibt: Zum einen das „wirkliche Praktikum“ während des Studiums, das zur Qualifizierung sowie zur Horizonterweiterung dient und das zudem in dieser Form manchmal in Prüfungsordnungen vorgesehen ist; zum anderen das Praktikum, das letztlich nichts anderes als eine simple Stelle für Billigarbeitskräfte darstellt.

Und um diese zweite Form von Praktika geht es heute im Reiseführer durch die Arbeitswelt, die wie folgt zu definieren ist: „Eine Dauerpraktikantenstelle entsteh, wenn Firmen ganz bewusst reguläre Stellen für Hochschulabsolventen in Praktikantenstellen umbauen, sie im halbjährlichen Rhythmus mit  wechselnde Praktikanten besetzen und diese maximal als Hilfsarbeiter entlohnen.“

Dauerpraktikantenstellen werden in Firmen geschaffen, die unter einem derartigen Kostendruck stehen, dass sie keinen anderen Ausweg sehen. Dies sind Unternehmen, von denen man Studenten und Absolventen sowieso abraten sollte. Abzuraten ist aber auch von perfide handelnden Firmen, die ihr positives Arbeitgeberimage (das sie aufgrund der Bekanntheit ihrer Marke erlangt haben) schamlos und unter Einsatz irreführender Werbung (siehe: Informatio Diametrales) dazu ausnutzen, Praktikanten auf derartige Dauerpraktikantenstellen zu locken: Passiert dies während des Studiums, verlängert es dieses unnötig, passiert es nach dem Studium, ist die Karriere bereits kaputt, bevor sie angefangen hat.

Im Zusammenhang mit der „Generation Praktikum“ wird immer von den Gefahren gesprochen, die sich dadurch ergeben, dass ein Hochschulabsolvent dauerhaft und hintereinander diverse Praktika bei unterschiedlichen Unternehmen absolviert. Dies mündet in den klaren Ratschlag für Absolventen, grundsätzlich nie einen Praktikumsplatz nach Abschluss des Studiums anzunehmen. Wer ein vernünftiges Hochschuldiplom hat, der braucht kein Praktikum und verdirbt sich mit einem Praktikum nur seinen Lebenslauf. Ferner sollte man auf Praktikumsangebote verzichten, die immer von „grundsätzlich sechs Monaten“ ausgehen: Hier ist die Gefahr groß, dass es sich in Wirklichkeit um eine letztlich uninteressante Dauerpraktikantenstelle handelt.

Allerdings wird nur selten davon gesprochen, dass Dauerpraktikantenstellen auch für Unternehmen problematisch sein können. Diese Gefahr resultiert aus mehreren Quellen: Praktikanten auf Dauerpraktikantenstellen müssen (1) immer wieder eingearbeitet werden, verschlechtern (2) das Betriebsklima, weil die normalen Mitarbeiter Angst vor Substitution durch Praktikanten bekommen, haben (3) negative Konsequenzen für Produktivität und Qualitätssicherung, sind (4) im Umgang mit internen/externen Kunden unvorteilhaft, verschlechtern (5) das Image des Unternehmens auf dem Arbeitsmarkt durch Negativpropaganda, haben (6) grundsätzlich eine niedrige Motivation, weil sie eigentlich eine andere Stelle wollten und verbringen deshalb (7) viel Arbeitszeit mit dem Schreiben von Bewerbungen.

Wir brauchen keine Gesetze gegen Dauerpraktikantenstellen und keine Selbstverpflichtungen, die niemand nachprüfen kann. Denn besser als die gesetzliche Keule, die im Regelfall doch daneben trifft, ist die Einsicht von Unternehmen in ökonomische Ergebnisgrößen, verbunden mit dem Boykott von Dauerpraktikantenstellen durch Absolventen: Zum einen werden Unternehmen mit einem professionellen Personalmanagement aus ökonomischen Gesichtspunkten umdenken. Zum anderen wird der Markt alles regeln: Wenn Absolventen bei diesem Spiel nicht mehr mitmachen, wird es das Spiel nicht mehr geben!

Damit bleibt als Ratschlag im „Reiseführer durch die Arbeitswelt“: „Dauerpraktikantenstellen: Keep Off! Sie gefährden Mitarbeiter und Unternehmen!“ Und diese Empfehlung erklärt auch das oben verwendete Foto einer Warnung am Rand des Hoover-Damms.

Bild zu: Dauerbrenner Dauerpraktikant
(Foto: cts)

P.S.: Es sieht fast so aus, als ob Douglas Adams in seinem bekannten und als Vorlage für den hier präsentierten Reiseführer dienenden klassischen Reiseführer „Per Anhalter durch die Galaxis“ auf Dauerpraktikantenstellen gestoßen sei. Denn er schreibt: „Teilnahmslose Körper fielen durch wirbelnde Finsternisse. Ihr Bewusstsein war tot, das eiskalte Vergessen zog die Körper immer weiter abwärts in den Abgrund des Nichtseins, das Brüllen um sie her hallte grässlich wieder, und endlich versanken sie in einem dunklen, bitteren Meer aus wogendem Rot, das sie langsam verschlang, anscheinend für immer.“

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4 Lesermeinungen

  1. Ich kann aus eigener Erfahrung...
    Ich kann aus eigener Erfahrung über eine solches Praktikum berichten. Zwar war es für mich nicht direkt ein Dauerpraktikum, aber das Unternehmen (bzw. der Chef) hat fast ausnahmslos Praktikanten eingestellt, die ihm für wenig Geld helfen die kleine Agentur am Leben zu halten: die Verantwortung der „Praktikanen“ liegt dabei so hoch, dass man anfangs vielleicht sogar stolz ist nicht nur Kaffee kochen und kopieren zu müssen/dürfen…allerdings wird damit auch der Druck und das Gefühl unersetzbar zu sein so stark, dass dies – wie ich am eigenen Leib erfahren musste – schwerwiegende Folgen haben kann. Ich z.B. bin aufgrund eines solchen „Dauerbrenner-Themas“ „ausgebrannt“ und versuche seit Monaten die damit einhergegangene Depression zu bekämpfen und mit mehr oder weniger Erfolg meine alte Motivation, Energie und Lebensfreude wieder zu finden. Das ist ein PRAKTIKUM wirklich nicht wert und hätte ich vorher gewusst, was ich heute weiß, wäre meine Bewerbung mit Sicherheit NIEMALS an dieses Unternehmen gegangen…
    Wie kann man sich also genau davor schützen? Ich meine woher weiß man im Vorfeld wie es „personalmanagement-technisch“ im Inneren eines kleinen Unternehmens aussieht, wenn es sich, wie in meinem Fall, nicht gerade um die Ecke, sondern im Ausland befindet??

  2. Im Prinzip "Nein!" (Gründe...
    Im Prinzip „Nein!“ (Gründe siehe oben)
    Nur wenn schon, dann zumindest auf einer Praktikumsstelle, die (1) vernünftig bezahlt wird, (2) möglichst 3 oder 4 Monate dauert und (3) definitv keine „Dauerpraktikumsstelle“ gemäß obiger Definition ist.

  3. (Ich meine, sollte man dann...
    (Ich meine, sollte man dann trotzdem nach dem Studium kein Praktikum anschließen.)

  4. Wenn man aber eine kognitive...
    Wenn man aber eine kognitive Dissonanz hat, oder einen wirklichen Nachteil (?), weil das (geisteswissenschaftliche) Studium kein Praktika vorschrieb und man somit nie eines gemacht hat? Hätte man während des Studiums nicht „schlafen“ sollen?

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