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Per Anhalter durch die Arbeitswelt

Per Anhalter durch die Arbeitswelt

Wir sehen uns zunehmend einer neuen, unbekannten und durchaus rätselhaften Arbeitswelt gegenüber.

Lokführer-Strategie als Gehaltsmultiplikator

Was Piloten 2001 vormachten, praktizieren jetzt Lokführer. Konsequentes Ausspielen von Macht jagt die persönliche Besoldung nach oben! Egal wie das Spiel diesmal ausgeht: Es zeichnet sich ein klares Bild von der zukünftigen Tariflandschaft ab - mit wenig Geld für viele Frustrierte und viel Geld für wenige Wohlhabende.

Was Piloten 2001 vormachten, praktizieren jetzt Lokführer. Konsequentes Ausspielen von Macht jagt die persönliche Besoldung nach oben! Egal wie das Spiel diesmal ausgeht: Es zeichnet sich ein klares Bild von der zukünftigen Tariflandschaft ab – mit wenig Geld für viele Frustrierte und viel Geld für wenige Wohlhabende. Und diese Kluft wird immer größer, weshalb man sich rasch überlegen sollte, wie man an das rettende Ufer kommt.

 

Bild zu: Lokführer-Strategie als Gehaltsmultiplikator

 

Im Prinzip beginnt sich Deutschland in eine gewerkschaftsfreie Zone zu entwickeln: Hier haben Unternehmen wie DaimlerChrysler und die Deutsche Telekom ganze Arbeit geleistet. Aber kein Prinzip ohne Ausnahme. Eine solche Ausnahme wird in diesem Fall geliefert von „Splittergewerkschaften mit Splitterpotenzial“.

 

Der Reiseführer durch die Arbeitswelt definiert: „Unter einer Splittergewerkschaft mit Splitterpotenzial versteht man eine Gewerkschaft, die (1) relativ klein ist, (2) aus Mitgliedern mit hohem Machtpotenzial besteht, (3) dem Rollenmodell der Vereinigung Cockpit aus dem Jahre 2001 nacheifert und (4) von anderen Gewerkschaften bzw. Gewerkschaftsteilen wegen ihres Splitterpotenzials bekämpft wird“.

 

Die Vereinigung Cockpit aus dem Jahre 2001 und die Piloten der Lufthansa haben es vorgemacht: Sie bekamen 2001 immerhin 16% feste Steigerung plus erhebliche Erfolgsbeteiligungen, während das Kabinenpersonal gerade einmal rund 3 % bekam. Die Logik war klar: Ein Streik der Piloten wäre für die Lufthansa fatal gewesen, da man Piloten nicht so einfach durch Zeit- oder Leiharbeiter hätte ersetzen können.

 

An dieser Stelle und in diesem Reiseführer geht es nicht darum, wie sich der aktuelle Streit- und Streikfall der Lokführer weiter entwickelt. Es geht auch nicht darum, ob die Forderungen der Lokführer berechtigt sind: Wenn Vorstände üblicherweise unabhängig von der Leistung (so jüngst ein bekanntes Wirtschaftsmagazin) und ohne rot zu werden, Millionenbeträge und exorbitante Gehaltssteigerungen kassieren, dann kann wohl schwer gesagt werden, dass eine Forderung von „Plus 31%“ zu hoch ist.

 

Vielmehr gilt der Grundsatz: Wer die Macht hat, sich durchzusetzen, der bekommt sein Geld – egal ob Vorstand, Pilot oder Lokführer. Nimmt man exemplarisch diese drei Gruppen und setzt sie zu dem Wort VoPiLo zusammen, so führt dies zum VoPiLo-Prinzip, das zunehmend unsere Arbeitswelt regieren wird:

 

Dazu definiert der Reiseführer durch die Arbeitswelt: „Das VoPiLo-Prinzip besagt, dass jede Gruppe ausschließlich nach ihrer Machtposition bezahlt wird„. Bezahlt wird – falls sich dieses Prinzip durchsetzt – nicht nach Leistung, nicht nach Dienstalter, nicht nach Ausbildung und nicht nach Marktsituation. Jeder wird vielmehr entsprechend seiner Macht bezahlt, egal ob diese durch Kartelle oder Regulierungsbarrieren entsteht.

 

Lohnzuwächse ergeben sich im VoPiLo-Prinzip immer aus der Steigerungsrate des Vorstandes und aus der individuellen Macht. Würde also für den Bahnvorstand „Plus 42%“ gelten, dann gilt das auch für alle Gruppen mit absoluter Blockierkraft. Dies ist für die Betroffenen eindeutig die gute Nachricht. Es gibt aber auch und zwar für die Mehrheit eine schlechte Nachricht: Gruppen wie die Kartenkontrolleure könnten durch Schwarze Sheriffs ersetzt werden. Die Kartenkontrolleure haben daher keine Macht und bekommen damit allenfalls den Inflationsausgleich.

 

Die fatale und für manche etwas traurige Konsequenz: „Reisende durch die Arbeitswelt tun gut daran, konsequent bei der Entlohnungsstrategie auf die eigene Machtbasis zu achten. Genauso wie Vorstände ihre persönliche Vergütung maximieren, indem sie Macht ausspielen, muss auch jeder einzelne auf Unaustauschbarkeit achten.

 

Dass derartige Machtminderheiten natürlich das Solidaritätsprinzip der Gewerkschaften zerstört, liegt auf der Hand. Deshalb sind die Lokführer gegenwärtig den Arbeitgebern ebenso ein Dorn im Auge wie den Gewerkschaften, die durch Splittergewerkschaften mit Splitterpotenzial noch mehr in die Bedeutungslosigkeit gedrängt werden.

 

Bild zu: Lokführer-Strategie als Gehaltsmultiplikator
(Foto: cts)

 

PS: Auch in der Originalquelle von Douglas Adam’s „Anhalter durch die Galaxis“ wird gestreikt. Dort streiken die Berufsdenker gegen den „Einsatz“ eines Computers zur Suche nach der Letzten Wahrheit: „Wir stehen hier ausdrücklich als die Vertreter der Vereinigten Gewerkschaften der Philosophen, Weisen, Erleuchteten und anderer Berufsdenker, und fordern, daß diese Maschine abgeschaltet wird. Und zwar jetzt! … Kommt da so ’ne verdammte Maschine daher und findet sie (Anm.: die letzte Wahrheit) am Ende gar noch, da sind wir doch auf der Stelle den Job los, nich? … „Wir werden streiken“, schrie Vrumfondel. „Genau!“ stimmte ihm Magikweis zu. „Dann habt ihr einen landesweiten Philosophenstreik am Hals!“

 

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