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Per Anhalter durch die Arbeitswelt

Per Anhalter durch die Arbeitswelt

Wir sehen uns zunehmend einer neuen, unbekannten und durchaus rätselhaften Arbeitswelt gegenüber.

"WorkChoices" als makabere Realität?

Auf der Suche nach Reiseinformationen durch die neue Arbeitswelt durchstreift der Berichterstatter einen Zoo mit 127 Koala-Bären in Brisbane, die friedlich-freundlich den Tag genießen. Vielleicht haben sich so die Australier gefühlt, bevor sie durch die WorkChoice-Regelung ihres Premierministers John Howard in eine ganz andere Welt versetzt wurden.

Auf der Suche nach Reiseinformationen durch die neue Arbeitswelt durchstreift der Berichterstatter einen Zoo mit 127 Koala-Bären in Brisbane, die friedlich-freundlich den Tag genießen. Vielleicht haben sich so die Australier gefühlt, bevor sie durch die WorkChoice-Regelung ihres Premierministers John Howard in eine ganz andere Welt versetzt wurden.

Bild zu: "WorkChoices" als makabere Realität?

Zunächst etwas über Koala-Bären: Diese nett und friedlich anzuschauenden Beuteltiere sind auch wirklich lieb und friedlich. Sie genießen ihr Leben, sitzen in Bäumen herum und schlafen die meiste Zeit, wenn sie nicht gerade an einem Eukalyptusbaumblatt herumkauen. Davon ernähren sie sich. Dummerweise sind diese Blätter ohne viele Nährstoffe und zudem ein wenig giftig, so dass viel Energie bereits für die Entgiftung aufgewendet werden muss. Der Koala-Bar schläft deshalb fast den ganzen Tag, wenn er nicht gerade verträumt in die Sonne blinzelt.

Kontrastprogramm: In Australien gewann die Regierung von John Howard schlagartig an Aufmerksamkeit, als sie unter dem Titel „WorkChoices“ eine Idee umsetze, die als die radikalste Veränderung der Arbeitsplatzverhältnisse in Australien galt. Ihr Hauptinhalt: Die Australischen Workplace Agreements (AWA).

Um dieses Gedankengut der breiten Leserschaft des Reiseführers „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ bekannt zu machen, soll wird ein Eintrag in den Reiseführer vorgenommen, denn – wer weiß -, vielleicht wird es auch in anderen Ländern bald AWAs geben: „Unter einem AWA versteht man die in Australien erfundene Form einer individuellen Arbeitsvertragsgestaltung, bei der die Arbeitnehmer nicht mehr über gewerkschaftliche Regelungen vertreten werden, sondern individuelle Verträge aushandeln können. Sie können also mit dem Arbeitgeber frei verhandeln und haben dann die Wahl (daher auch „WorkChoices“), ob sie das individuelle Angebot des Unternehmens akzeptieren.“

Dies war natürlich ein Schock. Bildlich gesprochen mussten die Koala-Bären aufwachen. Jeder musste oder sollte seinen Vertrag selber aushandeln. Und es galt: Geld nur gegen Arbeit! Aus der Traum vom friedlichen Leben im Baum und dem Warten auf das nächste Eukalyptusblatt.

Die korrekte, neutrale und in jeglicher Hinsicht faire Berichterstattung, die typisch für diesen Reiseführer durch die Arbeitswelt ist, gebietet an dieser Stelle vier Hinweise:

Erstens wird so etwas auch in Deutschland – zwar nicht so krass, aber immerhin – probiert, und zwar von Seiten der Mitarbeiter, die lieber in kleineren als in größeren Einheiten ihre Tarifverhandlungen durchführen wollen. Beispiel dafür ist der Streik der Lokomotivführer (wie im Blog Lokführer-Streik nachzulesen), die ihre Macht in Geld ummünzen wollen.

Zweitens dienen AWA und WorkChoices der Verbesserung der Produktivität. Auch in Deutschland gibt es Unternehmen, die auf ähnlich intensive Weise den Darwinismus forcieren (wie im Blog DTM nachzulesen).

Drittens gibt es auch bei WorkChoice Absicherungsmechanismen. So muss jedes AWA (zumindest für ein reguläres Beschäftigungsverhältnis mit regulären Mitarbeitern) fünf Minimalkriterien erfüllen (Mindestlohn von 8,70€, 4 Wochen Urlaub, 10 bezahlte Krankheitstage, 38-Stunden-Woche und 52 Wochen unbezahltem Erziehungsurlaub nach der Geburt eines Kindes).

Viertens gehört zum australischen Konzept auch eine Verringerung des Kündigungsschutzes der Mitarbeiter.

So richtig in Kraft trat dieses Konzept im März 2006, und es lief auf alles andere hinaus als auf die Philosophie „Management by Koala“. Wenn es dann nicht noch einen Nachtrag gäbe….

Denn nachdem der Berichterstatter im Lone Pine Koala Sanctuary, dem oben erwähnten Koala-Park bei Brisbane, die Koala-Bären sowie ihr friedliches Leben (das wie gesagt aus rund drei Aktivitätsstunden pro Tag besteht) bestaunte und über die Einführung von AWA beziehungsweise WorkChoice in dieser Kultur nachdachte, konnte er sich am Abend im Fernsehen die Neuwahlen zum nationalen Parlament zu Gemüte führen. Der Gegenkandidat Kevin Rudd hatte ein klares Programm: Abschaffen von AWA und WorkChoice! Ergebnis? Er gewann mit einem Erdrutschsieg, John Howard wurde in die Wüste geschickt und die Koala-Bären sind wieder zufrieden.

Nur so richtig scheint keiner zu wissen, wie es jetzt weitergeht und auch Kevin Rudd beschäftigt sich erst einmal mit Umweltschutz. Dementsprechend verkündet die offizielle Webseite zu WorkChoice und AWA Veränderungen, über die man aber erst einmal nachdenken muss. Die schöne AWA-Broschüre wird nur nach telefonischer Bestellung verschickt.

Aber vielleicht wird in der Neuauflage dieses Reiseführers mehr dazu stehen, ob und wie man AWAs wieder los wird – was man aber vielleicht gar nicht will und was man vielleicht nur nicht sagen will?

Bild zu: "WorkChoices" als makabere Realität?
(Foto: cts)

PS: Es überrascht nicht, dass sich Douglas Adams mit seinem „Reiseführer per Anhalter durch die Galaxis“ zu diesem heiklen Thema nur in rätselhafter Sprache äußert. Trotzdem gebietet die Bedeutung seines Werkes eine Auseinandersetzung mit diesem Text, der in etwa wie folgt klingt: „Wenn jemand glaubt, er ist ein Igel, müsste man ihm wahrscheinlich bloß einen Spiegel und ein paar Igelbilder in die Hand drücken. Hilfreich auch Black’s Medizinisches Lexikon. Tausende von Krankheiten drin, alle alphabetisch geordnet. Jaja. Du hast die freie Wahl!“ Leider sagt Douglas Adams nichts über Koala-Bären. Vielleicht war er aber auch nie auf einem Planeten, der sich wie Australien anfühlt.

 

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