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Per Anhalter durch die Arbeitswelt

Per Anhalter durch die Arbeitswelt

Wir sehen uns zunehmend einer neuen, unbekannten und durchaus rätselhaften Arbeitswelt gegenüber.

Vorsicht Kündigung! Der Weiße Raum

| 6 Lesermeinungen

Dass in der aktuellen Wirtschaftskrise Unternehmen massiv Arbeitsplätze abbauen, ist sicherlich kein Geheimnis und allenfalls eine betrüblich-betroffene Notiz wert. Viel interessanter erscheinen dagegen konkrete Hinweise auf Mechanismen, die Firmen bei der Personalfreisetzung einsetzen. Deshalb braucht jeder gute „Reiseführer durch die Arbeitswelt" auch dazu mindestens einen Eintrag, um auf ein solches Ereignis vorzubereiten.

Bild zu: Vorsicht Kündigung! Der Weiße Raum

Manchmal lohnt es wirklich, den Abend vor dem Fernseher zu verbringen. Eine derartige Sendung war „Marie und der Charme des Bösen“ im ZDF. In diesem Krimi spielte Harald Krassnitzer den „Dr. Tilmann“, einen angesehenen Anwalt, der gnadenlos Arbeitgeberinteressen vertritt und unkündbare Angestellte mit dubiosen Methoden freistellt. Ein Hilfsmittel dazu ein aus der Tierschlachtung bekannter „Weiße Raum“. In ihn werden Schweine und Rinder vor der Schlachtung gebracht, damit sie sich entspannen, an nichts Böses denken, sie leichter zu schlachten sind und ihr Fleisch besser schmeckt. Das Prinzip ist auch aus der Fernsehserie Southpark – allerdings mit den Truthähnen – bekannt und im Internet [bei 16:30] abrufbar.

Genau das Gleiche schlägt „Dr. Tilmann“ in diesem Film in einem exquisiten Seminar „im kleinen Kreis“ den Unternehmen vor. Also: Nicht brutal mit den Mitarbeitern umspringen, sondern sie lieb und nett behandeln, sie in Sicherheit wiegen und dann – wenn sie es am wenigsten erwarten – gnadenlos und erfolgreich schlachten.

Der Reiseführer definiert dementsprechend: „Der Weiße Raum ist eine aus der Tierschlachtung bekannte Tötungsvorbereitung, deren Analogie sich nach Ansicht ihrer Protagonisten auch für die Kündigung von Mitarbeitern eignet!“

Falls es derartige Seminare wirklich gibt, wird natürlich nicht offen über sie gesprochen. Wer aber einmal „Seminar“+“Kündigung unkündbarer Mitarbeiter“ in Google eingibt, wird feststellen, dass durchaus zumindest in diesem Bereich Einiges angeboten wurde. Auch im Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ gibt es unter dem Stichwort „Der Schwarze Mitarbeiterabbauplanet erste Andeutungen.

Nicht erst seit der Wirtschaftskrise sind Unternehmen dabei, massiv Mitarbeiter abzubauen: Seit Frühjahr 2008 baut sich eine Entlassungswelle auf, die eigentlich nichts mit der Finanzkrise zu tun hat, die aber jetzt mit der Finanzkrise quasi entschuldigt und als Grund für weitreichende „Flexibilisierungsforderungen an die Mitarbeiter“ instrumentalisiert wird.

Die Konsequenz für Mitarbeiter: Sich auf keinen Fall sicher fühlen, egal, was einem versprochen wird! Wir leben – auch wenn das nicht jedem gefällt und wenn es in Weißen Räumen nicht jeder wahrnehmen will – in einer Arbeitswelt ohne Stammplatzgarantie.

Übrigens: Der Personalvorstand eines großen deutschen Unternehmens verkündete am 16. Januar 2009 das Memorandum „Krise meistern – Beschäftigung sichern“, wonach Mitarbeiter keine Angst haben sollen, durch voreiliges Kostendenken auf Seiten der Unternehmen ihren Arbeitsplatz zu verlieren. (Über die Farbe des Raumes, in dem dieses Versprechen abgegeben wurde, ist allerdings nichts bekannt.)

Bild zu: Vorsicht Kündigung! Der Weiße Raum
(Foto: cts)

PS In seiner unübertrefflichen Weitsicht schrieb bereits Douglas Adams in seinem Reiseführer Per Anhalter durch die Galaxis vorausschauend: „Der Raum war fast völlig weiß, rechteckig und ungefähr so groß wie ein kleineres Restaurant. Das heißt richtig rechteckig war er nicht: die beiden Längswände krümmten sich in einer sanften parallelen Kurve, und alle Winkel und Ecken des Raumes waren in enervierend viele Brechungen zerlegt. Arthur hatte plötzlich das Gefühl, dass ihm der Boden aus dem Hirn fiel. Seine Augen kehrten das Innere nach außen. Der Raum um ihn herum faltete sich flach zusammen, drehte sich um seine Achse, flutschte aus dem Sein und ließ Arthur in seinen eigenen Nabel gleiten.“

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6 Lesermeinungen

  1. <p>@a1:</p>
    <p>Vielleicht...

    @a1:
    Vielleicht liegts ja auch daran, daß bei ihnen leider nichts Adäquates vorhanden ist, um den unzweifelhaft vorhandenen Inhalt — sonst würde das Papier ja an den angesprochenen Stellen nicht mit Zeichen bedeckt sein — erkennen zu können?
    Ich meine damit natürlich nicht das bloße Organ, gemeinhin als Hirn bezeichnet — das wäre ja eine Beleidigung — sondern etwa eine diesem zuzuordnende Fähigkeit eine entsprechende Sensibilität, eine weitergehende Empathie, ja ein umfassendes Erkennenkönnen von gesellschaftlichen und allgemein menschlichen Prozessen, Verhältnissen und Abhängigkeiten entwickeln zu können.
    Nur so als Beispiel!

  2. @ndoerre: mitnichten ist...
    @ndoerre: mitnichten ist dieses gedicht von tucholsky! das ist eine urbane legende…

  3. @Fredericus:
    Genau, das alles...

    @Fredericus:
    Genau, das alles ist eine riesengroße Verschwörung der Kapitalisten, Heuschrecken, Arbeitgeber und Konservendosenindustrie!
    Selten etwas inhaltsfreieres gelesen.

  4. Deutschland ist kein...
    Deutschland ist kein lebensfähiger Organismus mehr, sondern zu einem Land der Beliebigkeit verkommen, das die Existenz seiner gesamten Lebensstruktur aus Gesetzen und Verwaltungsvorschriften schöpft. Formalien bestimmen zunehmend unseren Alltag und lassen persönliche Lebensinhalte und -Ziele darin untergehen. Quoten und nicht Können bestimmen die Realität. Nichtssagende Titel ersetzen persönliche Leistung, Orden ersetzen menschliche Anerkennung. Politik am Leben vorbei ersetzt Familie und den liebevollen Umgang miteinander. Selbst die deutsche Sprache als am häufigsten gesprochene in der EU ist nicht einmal als Amtssprache anerkannt. Wir Deutsche sind nur als steuerzahlende Einwohner Europas beliebt, aber nicht als Bürger, weil wir verlernt haben, zu leben. Unsere Repräsentanten als ausführende Organe der despotischen EU-Politik gehören längst nicht mehr zu uns. Die verkrustete, lebensfeindliche deutsche Politstruktur gehört auf den Sondermüll der Geschichte. Die EU besitzt nicht einmal demokratische Struktur. Ein fremdbestimmtes Volk ohne Eigenleben besitzt in schweren Zeiten nicht die autogene Kraft zur Selbstheilung. Mit unserer Formaldemokratie ohne den Wert und die Anerkennung des Willens der Bürger kommen wir nicht mehr weiter.

  5. Kurt Tucholsky 1930...
    Kurt Tucholsky 1930 (Veröffentlicht in “Die Weltbühne”)
    Wenn die Börsenkurse fallen,
    regt sich Kummer fast bei allen,
    aber manche blühen auf:
    Ihr Rezept heißt Leerverkauf.
    Keck verhökern diese Knaben
    Dinge, die sie gar nicht haben,
    treten selbst den Absturz los,
    den sie brauchen – echt famos
    Wenn in Folge Banken krachen,
    haben Sparer nichts zu lachen,
    und die Hypothek aufs Haus
    heißt, Bewohner müssen raus.
    Trifft’s hingegen große Banken,
    kommt die ganze Welt ins Wanken –
    auch die Spekulantenbrut
    zittert jetzt um Hab und Gut!
    Soll man das System gefährden?
    Da muss eingeschritten werden:
    Der Gewinn, der bleibt privat,
    die Verluste kauft der Staat.
    Dazu braucht der Staat Kredite,
    und das bringt erneut Profite,
    hat man doch in jenem Land
    die Regierung in der Hand.
    Für die Zechen dieser Frechen
    hat der Kleine Mann zu blechen
    und – das ist das Feine ja –
    nicht nur in Amerika!
    Und wenn Kurse wieder steigen,
    fängt von vorne an der Reigen –
    ist halt Umverteilung pur,
    stets in eine Richtung nur.
    Aber sollten sich die Massen
    das mal nimmer bieten lassen,
    ist der Ausweg längst bedacht:
    Dann wird bisschen Krieg gemacht.

  6. Die Grundwahrheit, die...
    Die Grundwahrheit, die vielleicht nicht sehr beliebt ist, lautet: Wenn der Mohr seine Schuldigkeit getan hat, kann der Mohr gehen.
    Grundlage des wirtschaftlichen Handelns ist Prostitution. Man benutzt einander so lange man einander braucht. Der eine geht am Regal mit den Dosen vorbei, packt ein was er braucht, zahlt, benutzt die Dosen und schmeist sie nach Gebrauch weg.
    Da helfen keine Seminare, kein Coaching, kein Selbstbetrug.
    Es geht nicht um Liebe, es geht ausschließlich um materielle, also physische Befriedigung. Fällt der Grund für die Nützlichkeit weg, fällt Geschäftsgrundlage weg, fällt der abhängig Beschäftigte in die Bodenlosigkeit der Erwerbslosigkeit.
    Das Prinzip der Kapitalvermehrung durch Ausschlachtung ist das, was mit dem Gesetz zur Modernisierung des Investitionsstandortes Deutschland von Schröder-Fischer als wirtschaftliche Basis unserer Gesellschaft definiert wurde.
    Der weiße Raum ist einer der Tricks, mit dem man den Kapitaltransfer von unten nach oben auf breitester Basis und ohne bewusste Wahrnehmung durch unsere Bevölkerungsmehrheit umsetzen kann. Nach dem der deutsche Michel geschlachtet ist, ziehen die modernen Feldherren mit ihren gedungenen Landsknechten weiter auf das nächste „Schlacht-„Feld.
    Private Equity, Global playing, Strategie der temporären Kostendifferendarstellung als scheinbarem Gewinn mit nachrangiger Substanzvernichtung als Grundlage sogen. Fondinvestments.

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