Per Anhalter durch die Arbeitswelt

Per Anhalter durch die Arbeitswelt

Wir sehen uns zunehmend einer neuen, unbekannten und durchaus rätselhaften Arbeitswelt gegenüber.

Ich bin ein Vorstand – holt mich hier raus!

| 1 Lesermeinung

Während RTL mit dem Dschungel-Camp und der Parole „Ich bin ein Star - holt mich hier raus" punktet, wartet das Manager Magazin mit einer traurigen Geschichte über deutsche Top-Manager auf. Wer will nach dieser rührenden Geschichte noch Top-Manager werden? Muss die Empfehlung „Studiere fleißig und werde Vorstand" revidiert werden? Insider wissen, wo sie dazu die Antwort finden: Im Reiseführer "Per Anhalter durch die Arbeitswelt".

Bild zu: Ich bin ein Vorstand – holt mich hier raus!

Zunächst einmal für alle, die als Nicht-Top-Manager nicht zum Leserkreis des Manager Magazins gehören, als Einstimmung die Grundaussage aus dem besagten Artikel. Unter der Überschrift „Gullivers Kampf“ geht es um Gehälterdebatte, Haftungsklagen, engeren Entscheidungsspielraum und viele andere Unbill, was in der Frage mündet: „Lohnt es sich heute noch, Vorstand zu werden?“. Dagegen steht allenfalls die „Pen-Power“ als das Bewusstsein, mit einem Federstrich Macht auszuüben. Ansonsten aber: schrumpfende Gagen, rechtliche Risiken und hordenweise Neider.

Der Leser staunt, der Berichterstatter zögert. Könnte hier aber nicht Einiges übersehen worden sein?

(1) Vorstände verdienen so viele Millionen pro Jahr, dass wir „normalen Menschen“ 10 bis 20 Jahre davon gut leben könnten. Anders formuliert: zwei Jahre Vorstand, für die Ewigkeit ausgesorgt (und die stolze Segelyacht ist auch noch drin).

(2) Vorstände, die  irgendwo vorzeitig gehen, kommen im Regelfall irgendwo anders an. Besonders gut sind dabei multinationale Großkonzerne: Dort gibt es eine ganze Kaskade aus Abschiebegleisen, auf denen man landen kann (und vielleicht am Ende noch Personalvorstand wird).

(3) Vorstände leben noch immer in einem Paradies. So konnten einige Vorstände im Jahre 2008 ihre Bezüge um 80 % erhöhen und gleichzeitig die „normalen“ Mitarbeiter mit 2-3 % Lohnerhöhung abspeisen.

(4) Vorstände tragen trotz anders lautender Geschichten in Deutschland kaum ein strafrechtliches Risiko. Selbst ein bekannter Vorstand konnte für seine unfassbare Steuerhinterziehung mit richterlicher Milde rechnen. Und auch andere Fälle blieben ohne ernste Konsequenzen. Zudem sind Manager über Versicherungen umfassend gegen Schadenersatzforderungen abgesichert.

(5) Vorstände haben im Regelfall derartige Bonusregelungen, dass sie praktisch immer gewinnen. Das viel zitierte Musterbeispiel: Fusion mit einem amerikanischen Unternehmen ergibt den ersten Bonus, Rückabwicklung der gescheiterten Fusion den zweiten. Selbst drastische Kursabstürze bleiben ohne spürbare Konsequenzen und führen allenfalls zu einem „Gehaltsabsturz“ (Originalton Manager Magazin) bei einem DAX-30-Vorstand auf 6,5 Millionen Euro.

(6) Vorstände tragen kein größeres Selbstmordrisiko. Auch die Geschichte der vielen Todesfälle in der Wall Street während der Great Depression hat sich als nicht haltbar erwiesen. Vorstände haben vermutlich sogar aufgrund der besseren medizinischen Versorgung eine höhere Lebenserwartung als „normale“ Menschen.

(7) Vorstände arbeiten auch nicht mehr oder weniger als „normale Menschen“. Den Beleg liefert das Manager Magazin mit seinen Geschichten von Managern, die regelmäßig Zeit für Sport, Musik, Reisen, Weingüter und vieles andere mehr haben.

Die Liste kann man sicherlich fortsetzen. Sie reicht aber bereits jetzt, um Zweifel aufkommen zu lassen.

Warum aber steht ein derartiger Artikel im Manager Magazin – und nicht zum ersten Mal? Darüber kann nur spekuliert werden. Sicherlich richtet sich dieses Magazin an Manager und muss diese zwangsläufig berücksichtigen – genauso wie eine Landwirtschaftszeitung nichts gegen Landwirte schreibt.  Zudem haben Manager kein wirkliches PR-Organ, das ihre Interessen wahrnimmt und für sie „Stimmung“ macht. Das alles aber braucht der Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ nicht zu berücksichtigen.

Wichtig ist vielmehr lediglich die klare Aussage: „Das Berufsziel ‚Vorstand‘ darf (1) trotz aller Diskussionen in der Wirtschaftskrise weiterhin – zumindest für eine bestimmte Zielgruppe – als anstrebungswürdig gelten, ist (2) bei Erreichen nur vergleichbar mit 6 Richtigen im Lotto und (3)“ < an dieser Stelle bricht der Reiseführer ab>.

Aber noch wichtiger ist – und das verschweigt der Artikel im Manager Magazin: Es gibt durchaus Vorstände, die ihren Job gut machen und deshalb nicht wie Gulliver von den vielen Zwergen verfolgt werden. Ihnen gilt es nachzueifern und ihnen sind ihre Top-Gehälter definitiv gegönnt!

Bild zu: Ich bin ein Vorstand – holt mich hier raus!
(Foto: cts)

PS. Bei Douglas Adams in seinem „Reiseführer per Anhalter durch die Arbeitswelt“ findet sich passend eine Passage über die „Stählerne Säule der Macht, die Goldene Querstange des Reichtums, die Plexiglassäule der Vernunft sowie die Hölzerne Säule von Natur und Geist“.

0

1 Lesermeinung

  1. <p>Lieber Herr Prof. Scholz,...
    Lieber Herr Prof. Scholz,
    grundsätzliche Zustimmung meinerseits. Die Frage ist ja nicht nur, ob sich heute noch lohnt, Vorstand zu werden. Sie muss viel schärfer gefasst werden, nämlich: Lohnt es sich heute noch, überhaupt etwas zu werden? Mehr dazu hier: http://www.heise.de/…/127096.
    Beste Grüße
    Damian Sicking

Kommentare sind deaktiviert.